Auf der 1. Thementagung der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) ging es auch um die Rolle der Wissenschaft in der medialen Öffentlichkeit

Politisch bewegte Zeiten, die unter anderem von Demokratiemüdigkeit, vom Entstehen neuer rechter Parteien und von globalen Konflikten geprägt sind, führen zu einem verstärkten Interesse der Öffentlichkeit, die Wissenschaft zu Wort kommen zu lassen. Kann die Politikwissenschaft diesem Interesse nachkommen? Und wie stehen Vertreterinnen und Vertreter des Faches Politikwissenschaft zu der Herausforderung, sich vor dem Mikrofon zu den großen politischen Fragen der Zeit zu äußern?

Langstrecke und Kurzstrecke

In der von Kim Björn Becker (FAZ) moderierten Runde im Rahmen der 1. DVPW-Thementagung an der Goethe-Universität wurden unterschiedliche Einschätzungen formuliert. Prof. Carlo Masala (Universität der Bundeswehr München) diagnostizierte, dass der Politikwissenschaft der Mut fehle, die großen Fragen zu stellen; für die Themen, mit denen man sich beschäftige, interessiere sich außerhalb des Faches niemand. Mit der Beantwortung „großer Fragen“ mache man an der Universität keine Karriere.

Prof. Brigitte Geißel (Goethe-Universität) hielt dagegen: Die Relevanz des Faches zeige sich auch darin, dass im vorletzten Jahr Bundespräsident Steinmeier dem Kongress der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft an der Goethe-Universität einen Besuch abgestattet habe. Politikwissenschaftler seien heute schon sehr gefragt. Die Wissenschaft entwickele Zukunftsideen und Utopien, arbeite evidenzbasiert und könne mit ihrem Wissen die Welt besser machen.

Politikberatung könne auch darin bestehen, mit Journalisten und NGOs zu sprechen und dabei auch Fragen zu stellen. Prof. Karl-Rudolf Korte (Universität Duisburg- Essen) stellte die These auf, dass Wissenschaftler nicht nur „Kurzstreckenläufer“ seien, die in Journals publizieren, sondern vor allem „Langstreckenläufer“, die Zeit benötigten, in Monographien Ideen zu entwickeln und Wissen zu produzieren.

Sein Kollege Prof. Hubertus Buchstein (Universität Greifswald) stellte fest, dass die Politikwissenschaften mit nunmehr 400 Professuren in Deutschland nicht unbedingt mehr Einfluss hätten als vor 60 Jahren, als es gerade mal 20 Professuren gegeben habe. Man müsse auch mal, so Buchstein, den Begriff der Relevanz hinterfragen. Die Ausdifferenzierung der Medienlandschaft und die hohe Zahl an Fernsehsendern, die Experten suchten, sei nicht das Problem der Politikwissenschaft.

Er wehre sich gegen einen „Turn zur Öffentlichkeit“. Für den Blick der Medien auf die Politikwissenschaft saß Michaela Kolster, Programmgeschäftsführerin des Fernsehsenders Phoenix, auf dem Podium. Sie betonte, dass der Journalismus die Fachlichkeit der Wissenschaft unbedingt benötige; um die Welt besser zu machen, fehle den Politologen aber die Durchsetzungskraft.

Fachlichkeit vs. Common Sense

Der Moderator Kim Björn Becker fragte nach, ob bei Medienanfragen die wissenschaftliche Expertise im Fokus stehe oder ob nicht eher Common-Sense-Aussagen angefragt würden. Journalistische Profis könnten schon nach Fachgebieten differenzieren, betonte Karl-Rudolf Korte. Allerdings mache er schon die Erfahrung, dass ein Wissenschaftler, der „stolperfrei“ formulieren könne, auch gerne mal zu einem ganz anderen Gebiet jenseits seiner Forschung befragt werde.

Zwar sollte die Expertise immer im Mittelpunkt stehen. Durch Zielvereinbarungen im Bereich der Third Mission gehöre es heute allerdings zur Reputation einer Hochschule, dass ihre Forscherinnen und Forscher in der Öffentlichkeit sichtbar seien. Dies sei auch für die Drittmittelakquise und die Attraktivität von Studiengängen wichtig. Die Neigung mancher Medien, Aussagen zuspitzen zu wollen, könne bisweilen dazu führen, dass das Interview abgebrochen werde und die Anfragen des Journalisten dauerhaft unbeantwortet blieben, betonten übereinstimmend Carlo Masala und Hubertus Buchstein.

Unterschiedliche Meinungen ergaben sich auch bei der Frage, ob die Politikwissenschaft die „großen Fragen“ adressiere. Carlo Masala vermisste, dass Politologen ein Thema wie die zunehmende Bipolarität der Weltpolitik mit den beiden Playern USA und China in die Öffentlichkeit tragen, es seien häufiger Thinktanks, von denen öffentliche Debatten ausgingen. Brigitte Geißel widersprach dieser Einschätzung; zudem könne auch eine „kleinteiligere“ Forschung zu den großen Themen ihren Beitrag leisten.

Social Media: Chance oder Gefahr?

Im Laufe der Diskussion wurde unter anderem von Prof. Hans-Jürgen Puhle (Goethe-Universität) angemahnt, auch über die tiefgreifenden Veränderungen im Mediensystem durch Social Media zu diskutieren. Ein Donald Trump, so Michaela Kolster, brauche die klassischen Medien immer weniger, weil er das Publikum direkt über Twitter erreiche. Social Media eröffne der Wissenschaft aber auch große Möglichkeiten, betonte Carlo Masala; beispielsweise mit Podcasts erreichten sie nicht nur ihre Fachkollegen, sondern ein breites Publikum.

Bei Erfolg meldeten sich dann auch mal die klassischen Medien, so Masala. In Zeiten einer nur am Realen und Machbaren orientierten Großen Koalition müsste es gerade die Rolle öffentlicher Intellektueller sein, Möglichkeiten aufzuzeigen, so Karl-Rudolf Korte. Brigitte Geißel beklagte, dass die Wissenschaft bei Beratungen in Expertenkommissionen oft nur eine „Feigenblatt“-Funktion innehabe und nur wenig gehört werde. Grundsätzlich unterstrich sie aber die Bedeutung, den Impact aus der Wissenschaft in die Gesellschaft hinein wahrzunehmen.

In den USA spiele diese öffentliche Rolle von Wissenschaftlern auch bei Berufungsverhandlungen bereits eine große Rolle. Hubertus Buchstein nannte wiederum im Hinblick auf die gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft auch und vor allem die Verpflichtung, ihre Autonomie zu verteidigen.

Die Tagung fand Mitte Dezember an der Goethe-Universität statt, wo sie vom Forschungszentrum Normative Ordnungen und dem Institut für Politikwissenschaft gemeinsam organisiert wurde. www.hochschullehre-politik.de/aktivitaeten/veranstaltungen/thementagung-2019-frankfurt

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.20 des UniReport erschienen.

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