„Es wird bis zum Tag der Amtseinführung aufregend bleiben“

Constanze Stelzenmüller, die beim John McCloy Forum im Forschungskolleg Humanwissenschaften sprechen wird, über die Situation vor den Präsidentschaftswahlen in den USA

Frau Stelzenmüller, Ihr Vortrag beim diesjährigen John McCloy Transatlantic Forum trägt den Titel: „Flirt mit der Diktatur? US-Präsidentschaftswahlen im Krisenjahr 2024“. Natürlich wollen wir dem Inhalt Ihres Vortrags nicht zu sehr vorgreifen. Aber könnten Sie dennoch sagen: Flirtet Trump wirklich nur? 

Das Wort „Flirt“ bezieht sich auf den absichtsvoll-suggestiven Stil: Der verbale Tabubruch ist gewollt und soll triggern — aber dabei offenlassen, ob den Worten auch Taten folgen. Aber aus den vier Jahren zwischen 2017 und 2020 wissen wir: Trump mag chaotisch sein, aber es wäre ein Fehler, ihn nicht ernst und wörtlich zu nehmen.

Constanze Stelzenmüller. Foto: Marc Darchinger

Das John McCloy Forum richtet sich an ein Publikum, das sich für die transatlantischen Beziehungen und die gemeinsame demokratische Basis unserer Gesellschaften interessiert. Gibt es seit der Zeit John McCloys mehr oder weniger Gemeinsamkeiten in den transatlantischen Beziehungen? 

Die Zeiten haben sich geändert, und unsere Beziehungen auch. Früher lag der Schwerpunkt der transatlantischen Beziehungen auf der militärischen Allianz; durch die sich stetig vertiefende Globalisierung sind auch unsere wirtschaftlichen Beziehungen sehr eng geworden. Neu ist, dass wir mit dem transatlantischen Aufstieg extrem rechter Parteien auch die Bedrohung unserer repräsentativ-gewaltenteiligen Verfassungsordnungen gemeinsam haben.

Es war ein Schock für Europa, als Trump Putin geradezu aufgefordert hat, mit europäischen Ländern nach Belieben zu verfahren, da diese nicht genug zu ihrer eigenen Verteidigung beitrügen. Wie wurde diese Aussage in den USA aufgenommen?

Die Kritiker Trumps — von denen es immer noch einige in Kreisen rechts der Mitte gibt — waren entsetzt. Seine Befürworter waren sehr angetan.

Wie unterscheidet sich die politische Ausgangslage für eine Trump-Präsidentschaft zwischen 2016 und 2024? Könnte er noch mehr und dauerhafteren Schaden anrichten als in seiner ersten Amtszeit?

Die Weltlage ist um ein Vielfaches ernster: Russlands Angriffskrieg in der Ukraine bedroht die europäische Sicherheitsordnung, der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern könnte zum Flächenbrand werden, die nicht-westliche Welt hat sich abgewandt, der Westen ist ratlos. 

Was gibt Ihnen Hoffnung, dass alles nicht so kommen wird?

Die Wahl ist – Stand jetzt – weit offen; und ich habe mir ein gewisses Grundvertrauen in die Standfestigkeit amerikanischer Institutionen und die Menschenfreundlichkeit der amerikanischen Wähler bewahrt.

Werden Sie im Forschungskolleg eine Prognose abgeben, wie die Wahl Ihrer Meinung nach ausgehen wird?

Kein ernsthafter Beobachter wird das tun, dazu gibt es bei dieser Wahl zu viele Unwägbarkeiten. Es wird, denke ich, wie schon beim letzten Mal bis zum Tag der Amtseinführung aufregend bleiben.

Interview: Anke Sauter

JOHN McCLOY LECTURE
Flirt mit der Diktatur? US-Präsidentschaftswahlen im Krisenjahr 2024
Constanze Stelzenmüller
Brookings Institution, Washington D.C.

Dienstag, 16. April 2024, 18 Uhr
Forschungskolleg Humanwissenschaften
Am Wingertsberg 4
61348 Bad Homburg vor der Höhe

Teilnahme nur nach vorheriger Anmeldung an anmeldung@forschungskolleg-humanwissenschaften.de. Sie erhalten eine Teilnahmebestätigung.

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