Herausforderung und Chance zugleich – so erleben hessische Lehrkräfte das Unterrichten auf Distanz, das durch die Schulschließungen während der Corona-Krise notwendig wurde. Eine Studie an der Goethe-Universität zeigt, welche unterschiedlichen Wege die Lehrerinnen und Lehrer dabei gegangen sind.

Mit der bundesweiten Schulschließung im März 2020 standen Lehrerinnen und Lehrer in ganz Deutschland quasi über Nacht vor der Herausforderung, den Lernprozess der Schüler von zu Hause aus als Fern-Unterricht zu organisieren. Die Bedingungen, Voraussetzungen und Strukturen des Unterrichts und des schulischen Lernens änderten sich für alle Beteiligten ebenso plötzlich wie tiefgreifend.

Wie gestalten nun Lehrerinnen und Lehrer ihr praktisches Lehrhandeln unter den veränderten Bedingungen? Das hat das Team der mediendidaktischen Abteilung von studiumdigitale, der zentralen eLearning-Einrichtung der Goethe-Universität, in einer qualitativen Studie mit rund 70 Lehrkräften verschiedener Schulformen (Grundschule, Sekundarstufe 1 und 2, Berufsschule) untersucht. Qualitativ heißt: Die Befragten konnten ihre Erfahrungen individuell schildern. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, inwiefern die Lehrpraxis durch die Krise beeinflusst wird und wie sie sich unter den neuen Bedingungen verändert. Sehen die Lehrkräfte die Situation auch als Chance, Lernszenarien ganz neu zu gestalten? Erhoben wurden die Daten in der ersten Aprilwoche, als die Schulen seit etwa zwei Wochen geschlossen waren. Die Lehrkräfte beschrieben ihr Lehrhandeln also unter dem Eindruck der ersten Wochen der Krise.

Dabei zeigte sich: Die veränderte Situation bedeutete für Lehrkräfte Herausforderung und Chance zugleich. Einerseits wurde ein gewisser Druck empfunden, digitale Medien zu nutzen, um den Unterricht überhaupt zu ermöglichen. Das Fehlen bekannter Strukturen und Abläufe wie Schulstunden im 45 bzw. 90 Minutentakt oder Fachunterricht im Klassenverband wurde jedoch andererseits auch genutzt, um Schule, Unterricht und Lernen ganz anders zu denken und zu organisieren. 

„Beides ist eng miteinander verwoben: Der mit der digitalen Transformation verbundene Wechsel von der Buchdruckgesellschaft zur digitalen globalisierten Netzwerkgesellschaft erfordert ein neues Verständnis von Lehren und Lernen. Der Lernprozess sollte stärker projekt- und problemorientiert sein, Lernende sollten, losgelöst von spezifischen ‚Lernorten‘, kollaborativ in Lernnetzwerken und Projektgruppen an fächerübergreifenden Themen arbeiten“, erklärt Prof. Dr. Alexander Tillmann, kommissarischer Leiter von studiumdigitale. 

Die Studie zeigt, dass bisherige Lehrpraktiken offenbar weitgehend erhalten bleiben, auch wenn die üblichen Rahmenbedingungen schulischen Lernens, wie der Unterricht entlang strenger Fächergrenzen in vorgegebenem Stundentakt de facto außer Kraft gesetzt sind. Gefördert wird das auch von vielen Schulleitungen, die klare Aufgaben mit Angabe der Bearbeitungszeit und Abgabeform verlangen, wobei sich die Bearbeitungszeit an Umfang und Dauer der Unterrichtsstunden im jeweiligen Fach orientieren sollen. Die Forderung, dass Lernerfolg und Lernweg regelmäßig in kleinen Schritten kontrolliert werden sollen, führt zu einer sehr starken Arbeitsbelastung für die Lehrkräfte. Wo zudem keine Lernplattformen für Kommunikation und Austausch zur Verfügung stehen, sondern vor allem über E-Mail kommuniziert wird, werden Abläufe und Kommunikation als schwierig empfunden, wie eine Lehrkraft ausführt: „Ich erstelle Arbeitsaufträge im Homeoffice und schicke sie per E-Mail an die Schülerinnen und Schüler. […] Die Kommunikation mit den Schülerinnen und Schülern erfolgt nur per E-Mail, was sehr umständlich ist. Eine Schulplattform ist aktuell für unsere Schule noch nicht freigeschaltet.“ Der zeitliche Aufwand für Korrekturen, Kommunikation und Feedback erscheine gegenüber dem Präsenzunterricht deutlich höher: „Sowohl Lehrkräfte als auch Schüler arbeiten gefühlt doppelt so viel. Lehrkräfte haben viel zu viele Korrekturen […] ein echter Lernertrag bleibt gefühlt aber auf der Strecke“. 

Zum Teil lässt sich ein Nachdenken über neue Lernformen bei den Lehrkräften beobachten: So stellt sich eine Lehrerin die Frage, „…ob man nicht den Schülern im Sinne des offenen Lernens mehr Spielräume statt eines starren Stundenplans geben kann, um so zu arbeiten und sich dann in regelmäßigen Präsenzzeiten in der Schule zusammenfindet“. Die Reflexion der aktuellen Erfahrungen mit digitalen Werkzeugen führt bei einzelnen Lehrkräften dazu, dass sich ihr praktisches Lehrhandeln bereits verändert hat: „Tatsächlich hat sich eher die Art der Arbeitsaufträge hin zu offenen Lernformen verändert als die ‚digitalen Praktiken’“. Aber auch wenn Lehrkräfte durchaus gegenüber neuen Lehrformaten, wie sie die Bildungsforschung für die digitale Netzwerkgesellschaft fordern, aufgeschlossen sind, werden digitale Medien im aktuellen „Homeschooling“ kaum für projektorientierte und fächerübergreifende kollaborative Aktivitäten der Wissenskonstruktion eingesetzt. Ausnahme sind Schulen, an denen solche Handlungspraktiken bereits vor Corona etabliert waren. 

Die Krise könne erfolgreich als Ausgangspunkt für positive Veränderung genutzt werden, wenn die gegenwärtigen Erfahrungen reflektiert und für zukünftiges Handeln fruchtbar gemacht würden, so Prof. Tillmann. Die Reflexion der während der Schulschließung gemachten Erfahrungen sei also in der Zeit nach der Krise für Schulen eine wichtige Aufgabe. 

Die Studie wird im August bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft (GMW) in Winterthur vorgestellt und im Tagungsband unter „Michael Eichhorn, Alexander Tillmann, Ralph Müller, Angela Rizzo (2020). Unterrichten in Zeiten von Corona: Praxistheoretische Untersuchung des Lehrhandelns während der Schulschließung“ publiziert.