Kaninchen am Frankfurter Riedberg. Foto: Stefanie Kriesten

Kaninchen am Frankfurter Riedberg. Foto: Stefanie Kriesten

„Kaninchen allein zu Haus“ (Frankfurter Rundschau) +++ „Großstadtkaninchen leben als Singles“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) +++ „… glückliche Kaninchen“ (taz) +++ „Studie: Stadtkaninchen leben gern als Singles“ (Frankfurter Neue Presse) +++ „Stadt-Kaninchen wohnen anders“ (hr-online) +++ „Das Karnickel-Klischee“ (Badische Zeitung) +++ „Wo Kaninchen die Ohren anlegen“ (DerWesten.de) +++ „Landflucht unter Langohren“ (Wiesbadener Kurier)

Anfang Februar veröffentlichte die Pressestelle der Goethe-Universität die Meldung „In der Stadt bauen Kaninchen dichter: Große Bauten für die ländliche Großfamilie, kleine Bauten für  das städtische Pärchen.“ Die Meldung beruhte auf einem Fachartikel der Arbeitsgruppe  Ökologie und Evolution im Journal of Zoology. Rasend schnell verbreitete sich die Meldung  in den Medien – wir haben Madlen Ziege, Doktorandin in der Arbeitsgruppe Ökologie und  Evolution einmal danach befragt, wie die Forschung mit populären oder besser: popularisierten Meldungen umgeht.

Frau Ziege, die Parallelität von Großstadt-Kaninchen und Großstadt-Menschen – war das für Ihre eigene Arbeit in irgendeiner Weise erkenntnisleitend? Oder haben die Medien das Bild vom Single-Kaninchen überhaupt erst geprägt?

Das Bild vom „Single-Kaninchen“ haben die Medien kreiert – wir haben dieses Bild nicht verwendet. Uns war wichtig zu zeigen, wie sich Kaninchen- und Bautendichten entlang eines ländlich-städtischen Gradienten ändern. Dabei haben wir dann beobachtet, dass sich auch die Struktur der Bauten verändert bzw. die Anzahl der darin lebenden Kaninchen. Wir können auch noch gar nicht mit Sicherheit sagen, ob die Kaninchen wirklich vom Land in die Stadt gewandert sind. Vielleicht sind die Populationen in der Stadt weniger starken Schwankungen unterworfen, weil hier mehr Futter zur Verfügung steht und weniger natürliche Feinde lauern.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Stadtökologie ist ein noch recht junger Forschungsbereich, da gibt es noch viel zu entdecken und zu erforschen. Auch wegen Zunehmender Mensch-Wildtier-Konflikte. Gemeinsam mit dem Betreuer meiner Doktorarbeit, Prof. Martin Plath, bin ich auf der  Suche nach einem Thema darauf gestoßen, dass in Frankfurt recht viele Wildkaninchen leben. Zusätzlich stellte sich nach Gesprächen mit Jägern heraus, dass es im Umland Frankfurts mittlerweile weniger Kaninchen gibt.

Frankfurt ist ja eine sehr spezielle Stadt: eine kleine Weltstadt mit relativ geringer Ausdehnung. Könnte denn die Kaninchen-Population sowas wie der Seismograph einer Stadt sein?

Die Stadtentwicklung hat in den letzten Jahren eine bestimmte Richtung genommen: Die verstärkte Anlage von Parks und Grünanlagen soll zu einer ‚Entstressung‘ von Großstädten beitragen. Frankfurt ist heute eine sehr grüne Stadt, was natürlich einen positiven Effekt auf Flora und Fauna hat. Das Vorkommen von vielen Wildkaninchen, Füchsen oder Wildschweinen in deutschen Städten wie Frankfurt oder Berlin ist also ganz allgemein gesprochen ein Indikator dafür, dass Städte durchaus einen geeigneten
Lebensraum für Wildtiere darstellen.

Eine Betonwüste würde den Kaninchen nicht so behagen.

Genau. Unsere Ausgangshypothese war aber, dass es in der Stadt insgesamt weniger Bauten als auf dem Land gibt, aber an den wenigen geeigneten Stellen dann auf engem Raum große Populationen anzutreffen sind. Aber es war gerade umgekehrt: Die Bauten waren gleichmäßig über die Stadt verteilt, während es auf dem Land an bestimmten Stellen zu „Klumpen“ kam. Also insgesamt ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Wildkaninchen Frankfurts Stadtlandschaft wohl mögen.

Wenn die Lebensbedingungen für Wildkaninchen so gut sind in der Stadt: Könnte man schon von einer Plage sprechen?

Die Tiere können gerade in kalten Wintern für Verbiss an Pflanzen sorgen; auch die Kaninchenbauten können Schäden an Gebäuden nach sich ziehen. Dementsprechend werden auch regelmäßig Jäger angeheuert, um die Populationen zu dezimieren. Als Biologin würde ich aber sagen, dass man da einen Mittelweg finden muss. Die Natur komplett aus der Stadt zu verbannen halte ich für falsch. Es hat ja auch positive Seiten: So kommen Großstädter in Kontakt mit Wildtieren.

Werden Sie weiter zum Thema Wildkaninchen in Großstädten forschen?

Die Feldarbeit, die im Rahmen meiner Doktorarbeit stattgefunden hat, ist jetzt abgeschlossen. Nun bin ich gerade dabei, die Daten zu analysieren und zusammenzufassen; Die Doktorarbeit werde ich hoffentlich dieses Jahr abgeben können. Eine Weiterführung ist im Augenblick noch nicht geplant.

blog_forschung-Madlen-Ziege

Madlen Ziege, Biologin. Foto: privat

Muss man sich als Wissenschaftlerin für solche populären Meldungen bisweilen in der Fachcommunity rechtfertigen?

Ich habe bisher noch keine negativen Reaktionen erhalten; insgesamt war die Resonanz sehr gut, auch von internationalen Kollegen. Ich kann ja auch nichts dafür, was als Ergebnis meiner Arbeit herausgekommen ist (lacht).

Sie haben aber, entnehme ich Ihren Worten, selber nichts gegen eine Popularisierung Ihrer Forschungsergebnisse, so wie es gerade in den Medien stattgefunden hat.

Nein, überhaupt nicht. Denn dadurch wird die grundsätzliche Beschäftigung mit Wildtieren in der Stadt in die Öffentlichkeit getragen. Der Mensch kann und sollte sich nie ganz von der Natur abschotten, vielmehr mit offenen Augen durch die Stadt gehen und schauen, was sich dort mittlerweile alles findet. Das Verhältnis von Natur und Zivilisation scheint sich gerade etwas zu verschieben. Die offenen Agrarlandschaften auf dem Land sind nicht nur für das Wildkaninchen nicht mehr so günstig; auch das Rebhuhn
oder der Hase finden dort immer seltener geeignete Lebensräume.
Die Fragen stellte Dirk Frank.

Der Artikel ist erschienen in UniReport 2/2015.