Prof. Annelie Keil bei der Ringvorlesung "Was hilft heilen?" am 29. Juni 2016. Foto: Universitätsklinikum

Prof. Annelie Keil bei der Ringvorlesung „Was hilft heilen?“ am 29. Juni 2016. Foto: Universitätsklinikum

Auf die Frage „Was hilft heilen?“ gab Prof. Annelie Keil am 29. Juni in der gleichnamigen Ringvorlesung des Instituts für Allgemeinmedizin eine schlichte Antwort: „Das Leben selbst!“ Die Soziologin und Gesundheitswissenschaftlerin ist durch zahlreiche Fernseh- und Radiosendungen bekannt und hat bei ihren Studierenden in Bremen schon lange einen „Kultstatus“. Ihre Frankfurter Zuhörer zog sie mit provokanten Fragen in ihren Bann.

„Hauptsache gesund? Leben „Nein danke“? Der Mensch ist mehr als sein Befund“ war das Thema der Bremer Professorin. Darin warf sie zentrale Fragen auf: Was ist ein lebenswertes Leben? Wie viel Einfluss übt der Umgang zwischen Arzt und Patient auf die Heilung aus? Keil betonte, dass medizinische Fachkenntnisse zwar immens wichtig sind, aber die Begleitung des Patienten durch den Arzt beim Erleiden und Entscheiden in seiner Krankheit eine zentrale Bedeutung hat. Die Interaktion, die Umgebung der Arztpraxis oder der Klinik seien starke sensorische Stimuli, die der Patient mit einer therapeutischen Handlung verbindet. Ein wesentlicher Aspekt ärztlichen und pflegerischen Handelns sei aufzuzeigen, was Patienten in ihrer Krankheit beeinflussen können und sie dabei zu unterstützen, ihre Fähigkeiten auszuschöpfen, um am Heilungsgeschehen aktiv teilnehmen zu können.

Annelie Keil, geboren 1939, war 1971- 2004 Professorin an der Universität Bremen in den Arbeitsbereichen Sozialarbeitswissenschaft, Gesundheitswissenschaften und Krankenforschung, angewandte Biographie- und Lebensweltforschung und langjährige Dekanin des Fachbereichs Human- und Gesundheitswissenschaften. 1992 erhielt sie den Berninghausen Preis für ausgezeichnete Lehre und 2004 das Bundesverdienstkreuz. Sie konnte auch persönlich aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen, erlitt sie doch als junge Frau bereits einen Herzinfarkt und durchlebte mehrere Krebserkrankungen. „Das Leben hat uns nichts versprochen, aber es hält viel“, so Keil. Ohne eine gute Krankheit sei die Gesundheit nichts wert.

„Wir befinden uns auf brüchigem Boden und Krankheiten oder Schicksalsschläge können uns jederzeit ereilen. Wenn es uns erwischt, heißt es „Land gewinnen“ und Haltung bewahren.“

Heilung bedeute, Lebenswille und Lust aufs Leben zu wecken. Dies zu erzeugen heiße auch, Lust auf Gesundheit zu erzeugen. Das seien alles außerordentlich wichtige Schritte, die bei der medizinischen Begleitung durch Arzt und Pflegende zur Heilung beitragen. Dabei versteht die Soziologin Heilung als einen Prozess und eine Einstellungssache. Wann jemand wirklich geheilt sei, könne sehr unterschiedlich interpretiert werden. „Wir bekommen ein Gehirn, aber denken müssen wir selbst“, was so viel bedeutet, dass wir Erkennen und Einfluss nehmen können, was heilen hilft!

Als Fazit konnte das gebannt lauschende Publikum mitnehmen, dass Gesundheit eine umfassende Lebenskompetenz ist, die unter allen Lebensumständen mit Intuition, Krankheitserfahrung, Herz und Verstand immer wieder neu erzeugt werden muss.

Die nächsten Vorlesungen der Ringvorlesungsreihe des Instituts für Allgemeinmedizin:

  • 13. Juli „Weniger ist manchmal mehr – Quartärprävention als Schutz vor zu viel und falscher Medizin“ von Prof. Ferdinand Gerlach
  • 5. Oktober „Choosing Wisely – Less is more, more or less“ von Prof. James McCormack (Canada)