Wer anderen hilft, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, handelt altruistisch. Inwieweit und warum sind Menschen bereit, etwas zu tun, das anderen mehr nützt als ihnen selbst? Diese Frage beschäftigt zahlreiche wissenschaftliche Fachrichtungen. Psychologen der Goethe-Universität haben nun algorithmisch einen Fragebogen entwickelt, der altruistisches Verhalten messen soll.

Inwieweit sind Menschen bereit, etwas zu tun, das anderen mehr nützt als ihnen selbst? Die Psychologin Prof. Sabine Windmann und ihr Team haben ein Messinstrument für Altruismus entwickelt (Foto: Iryna Imago/Shutterstock)

Jesus, Mutter Teresa oder Mahatma Gandhi – sie gelten als Inbegriff des altruistisch handelnden Menschen, der das Wohl der Anderen über sein eigenes Wohl stellt. Koste es, was es wolle. Systemtheoretisch betrachtet können solche persönlich nachteiligen Handlungen enorme Auswirkungen haben. Evolutionstheorien etwa sehen in altruistischem Verhalten langfristig einen Mechanismus der Gruppenselektion. Auch für das Funktionieren moderner Gesellschaften ist es unerlässlich, einander zu helfen, gerade angesichts globaler Bedrohungen. Wie ließe sich dem Klimawandel oder Massenmigration anders begegnen als durch altruistisches Handeln – ein Handeln, das zukünftige Generationen und unbekannte Fremde im Blick hat?

In welchen Situationen und warum Menschen und menschliche Gruppen altruistisch handeln, wird von verschiedenen wissenschaftlichen Fachrichtungen – von der Biologie über die Anthropologie bis zur Ökonomie – erforscht. Dazu werden oft ökonomische Spiele eingesetzt, die als direkte Probe des interessierenden Verhaltens gelten. Im „Diktatorspiel“ beispielsweise gibt ein Spieler einem Mitspieler aus freien Stücken einen selbstgewählten Anteil eines geschenkten Guthabens ab. Ein solcher Akt des Abgebens von Ressourcen (sei es Geld oder Energie, Information, Blut, Organe…) liegt letztlich jeder Form des Hilfeverhaltens zugrunde. Die Fachliteratur spricht auch von „altruistischem Belohnen“.

Demgegenüber besteht „altruistisches Bestrafen“ in ökonomischen Spielen darin, Kosten auf sich zu nehmen, um unfairen oder unkooperativen Mitspielern deren erzielte Gewinne zumindest teilweise wieder abzunehmen. Auch jenes Verhalten ist altruistisch, insofern die bestrafende Person freiwillig Kosten auf sich nimmt, um Trittbrettfahrer zu läutern und für die Zukunft zu warnen. Davon profitiert die gesamte Gruppe. In der Realität moderner Gesellschaften wird altruistisches Bestrafen oft koordiniert oder institutionalisiert (z.B. bei der Steuerfahndung).  

Studien mit ökonomischen Spielen sind extrem aufschlussreich in Bezug auf belohnenden und bestrafenden Altruismus, basieren jedoch auf relativ teuren und aufwändigen Versuchsanordnungen. Sie erfordern die Bereitstellung von Geld, die Koordination mehrerer Mitspielenden (die einander in der Regel nicht kennen dürfen), und sie erlauben nur bedingte experimentelle Kontrolle und/oder müssen mit unvollständiger Aufklärung arbeiten (Täuschung).

Aus diesem Grund hat die Psychologin Prof. Dr. Sabine Windmann gemeinsam mit ihren Koautor*innen an der Goethe-Universität ein Messinstrument konzipiert, das die beschriebenen Komponenten des Altruismus im Selbstbericht erfasst. Es handelt sich um eine Skala, die Aussagen enthält wie: „Trotz der Kosten für mich unterstütze ich auch mir unbekannte Personen“ (für Hilfeverhalten) und „Ich beobachte genau, ob sich jemand im Team daneben benimmt“ (für Altruistisches Bestrafen). Die Aussagen wurden aus einem großen Aussagen-Pool von einem Algorithmus ausgewählt, der spezifisch für Itemauswahl und Skalenkonstruktion von Juniorprofessor Dr. Martin Schultze, ebenfalls am Institut für Psychologie der Goethe-Universität, entwickelt wurde. Er basiert auf der bewährten Ant Colony Otimization, und erlaubt es verschiedene Qualitätskriterien des Instruments gleichzeitig zu optimieren.  „Das ist extrem gut gelungen“, erläutert Sabine Windmann. „Die Gütekennwerte der Skala sind beeindruckend und haben klassische Verfahren der Skalenkonstruktion deutlich übertroffen“. 

Interessanterweise erfasst die Skala noch eine dritte Facette des Altruismus, die in der verhaltensökonomischen und biologischen Literatur bislang unbekannt ist: die Moralische Courage, kurz MC. Hier geht es darum, in proaktiver Weise ethisch-moralische Werte zu vertreten trotz erwartbarer sozialer Bedrohungen, beispielsweise entgegen einem Macht- oder Autoritätsgefälle. Edward Snowden oder Greta Thunberg sind hierfür prototypische Beispiele. Diesen Personen geht es nicht darum, andere Menschen oder Gruppen zu belohnen oder zu bestrafen in Reaktion auf konkrete soziale Ereignisse oder Beobachtungen. Sondern sie möchten – grundsätzlich und langfristig – die geltenden Regeln der Ressourcenverteilung ändern; Windmann spricht von den „Kontingenzen“. Um dies zu erreichen, nehmen Personen mit Moralischer Courage unkalkulierbare physische und psychische Gefahren in Kauf einschließlich sozialer Ächtung und Ostrazismus, also Ausschluss durch die Gruppe. „Hohe MC-Personen sind Change Agents. Sie drängen nicht auf die Einhaltung, sondern auf die Veränderung sozialer Normen“, sagt Windmann. Selbsteinschätzungen zu Aussagen wie „Wichtige Veränderungen für alle versuche ich auch gegen den erklärten Widerstand der Allgemeinheit durchzusetzen“ oder „Ich hinterfrage offen die Entscheidungen von Autoritäten oder Vorgesetzten“ bilden diese Neigung ab.

Somit steht ein Fragebogen zur Verfügung, der drei konzeptuell und empirisch unterscheidbare Facetten altruistischer Verhaltenstendenzen in wenigen Minuten erfasst, und der sich – zunächst im deutschen Sprachraum – als Alternative zu ökonomischen Spielen einsetzen lässt. Dass der Fragebogen aussagekräftig ist, wurde in ersten Validierungsstudien bestätigt: Die Subskalen weisen die zu erwartenden Korrelationen auf sowohl mit ökonomischen Spielen als auch mit etablierten anderen psychologischen Instrumenten.    

Als nächsten Schritt plant die Arbeitsgruppe um Sabine Windmann mit der Psychologie-Doktorandin Lucie Binder analoge Skalen-Konstruktionen in anderen Ländern, allen voran USA und China. „Das ist nicht ganz trivial. Wir können nicht einfach die Aussagen des Fragebogens übersetzen und dann annehmen, dass sie dort dasselbe messen wie hierzulande.“ Weiterhin werden derzeit unterschiedliche Studierenden- und Berufsgruppen untersucht. Dies überprüft einerseits die mehrdimensionale Konzeption der Skala und ermöglicht andererseits, deren Vorhersagewert für die Berufseignung zu ermitteln. „Hohe Bereitschaft zum Hilfeverhalten brauchen wir beispielsweise in pflegerischen Berufen; hohe Moralische Courage erwarten wir in Führungspositionen und in künstlerischen Berufen, beispielsweise bei Satirikern“, erläutert Sabine Windmann. Altruistische Bestrafung werde vor allem von kohärenten und stark zielgebundenen Gruppen praktiziert wie Militärs – oder auch in Sekten. „In extremer Ausprägung ist keine der Facetten harmlos oder alltäglich, aber interessant ist, dass die drei in unterschiedlicher Weise sozial erwünscht sind und aus diesem Grund differentiell auf die Akteure rückwirken“. So sei gut belegt, dass sich (moderates) Hilfeverhalten positiv auswirke auf soziale Beziehungen, subjektives Wohlergehen und sogar die eigene Gesundheit. Aber wie verhält sich dies mit den beiden konfrontativen Komponenten? „Diese erzeugen zunächst einmal Konflikt und Stress“, erläutert die Professorin. „Doch was wäre die Gemeinschaft ohne sie? Die Egoisten könnten die Hilfsbereiten ausnutzen.“

Aus diesem Grund tritt Sabine Windmann dafür ein, Altruismus nicht allein mit Hilfeverhalten gleichzusetzen. Dieses entfalte seine volle gesellschaftliche Wirkung erst im Verbund mit Altruistischer Bestrafung und Moralischer Courage. „Nur mit allen dreien gemeinsam sind wir stark.“

Publikation: Sabine Windmann, Lucie Binder, Martin Schultze: Constructing the Facets of Altruistic Behaviors (FAB) Scale | Social Psychology (hogrefe.com)