Bassam Tibi vor dem Schreibtisch seines „Helden“ Adorno; Foto: Lecher

Er kam als junger Syrer Anfang der 60er Jahre nach Frankfurt. Am Studienkolleg der Goethe-Universität lernte er Deutsch, später dann studierte er bei Theodor W. Adorno und Iring Fetscher politische Philosophie. Mit 28 wurde Bassam Tibi Professor für Politikwissenschaft an der Universität Göttingen. Mittlerweile ist er emeritiert, aber seine Expertise ist nicht nur beim Thema Islam immer noch gefragt. Anfang Dezember diskutierte Tibi auf Einladung des Studienkollegs mit Geflüchteten des Academic Welcome Program. Und der Besuch des Adorno-Denkmals auf dem Campus Westend war für den 72-Jährigen natürlich Ehrensache.

UniReport: Herr Prof. Tibi, wenn Sie auf die Zeit mit Adorno zurückschauen – woran denken Sie spontan?

Bassam Tibi: Adorno war für mich ein genialer Mensch, den man sehr selten im Leben trifft. Dass jemand so viele kognitive Fähigkeiten haben kann, ist für mich immer noch ein Wunder. Adorno war mein Held. Er hat mich gewissermaßen auch umerzogen: Ich kam aus einer Welt, in der man mit Antisemitismus aufwächst. Und in der der Einzelne nichts, das Kollektiv hingegen alles ist. Ich habe von ihm gelernt, dass ich Bassam Tibi bin, und ob ich Aristokrat, Moslem oder Araber bin, spielt dabei keine Rolle. Das hat mich sehr geprägt, und ich habe später übrigens auch zur Verständigung zwischen Juden und Moslems aufgerufen, was mir viele in Frankfurt lebende Moslems damals übel genommen haben. Während der Studentenproteste, in denen Adorno stark unter Beschuss geriet, ging ich einmal zu ihm und sagte ihm: „Ich bin zwar Linker, aber ich verabscheue diese studentischen Aktionen gegen Sie. So geht man mit seinem Lehrer nicht um.“ Da war Adorno schon sehr gerührt.

Aber die Studierenden haben damals ihren Lehrer in Frage gestellt – sollte das in einem aufgeklärten und demokratischen Staat nicht auch möglich sein?

Ich denke, dass die Gesellschaft Autoritäten benötigt. Für mich waren meine Lehrer Adorno und Fetscher solche Autoritäten, die man nicht ins Lächerliche ziehen darf. Auch im Bereich des Rechts und der Sicherheit benötigt eine stabile Gesellschaft Autoritäten – so muss natürlich die Polizei von allen Bürgerinnen und Bürgern akzeptiert werden, eine parallele Rechtsprechung wie im Zeichen der Scharia darf nicht geduldet werden. Da muss der Staat klare Kante zeigen. Damit will ich aber natürlich nicht für einen autoritären Staat plädieren.

Als Sie einmal ein Referat halten sollten, hatten Sie etwas Probleme mit Adornos Unterrichtsstil.

Das war 1966, da war ich gerade im dritten Semester. Es war mein erstes Referat bei Adorno, im Seminar „Einführung in die Soziologie“ im Hörsaal V in Bockenheim. Das Thema war Émile Durkheims Buch „Die Regeln der Soziologie“. In meiner Heimatstadt Damaskus war ich zweisprachig aufgewachsen, sprach also Arabisch und Französisch, auch mein Englisch war ganz gut. Im Deutschen tat ich mich allerdings etwas schwer mit den Umlauten, habe daher mein Referat abgelesen. Aber Adorno hat mich fortlaufend unterbrochen und meine Aussprache korrigiert, das war nicht so angenehm. Aber die Studierenden waren auf meiner Seite, und ich habe schließlich sogar eine Eins für das Referat bekommen (lacht). Adorno war natürlich auch nur ein Mensch, sicherlich mit vielen Fehlern, aber ich habe ihn sehr bewundert.

Waren Sie in den letzten Jahren nochmal in Syrien?

Nein, denn ich würde sicherlich nach meiner Ankunft dort verhaftet werden. Dabei ist Syrien immer noch meine Heimat, dort habe ich die ersten 18 Jahre meines Lebens verbracht und dort möchte ich auch mal beerdigt werden.

Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Heimatlandes?

Für eine friedliche Lösung bedürfte es Parteien, die über eine definierbare Macht verfügen. Solche Parteien könnten dann über Lösungen des Konfliktes verhandeln. Aber dafür sind die Konfliktlinien zu diffus. Auch eine militärische Lösung sehe ich nicht, denn auch Assad kann mit der syrischen Armee nicht gegen die Aufständischen siegen. Wir haben es also mit einem „protracted conflict“, einem in die Länge gezogenen Konflikt, zu tun, der kaum in den nächsten fünf Jahren gelöst werden kann. Und das bei einer Zahl von ca. 12 Millionen Syrern, die sich auf der Flucht befinden – ob im Ausland oder im Inland.

Sie sind selber gläubiger Moslem …

… schon seit meiner Kindheit, und das war ich selbst in den 60er Jahren, als Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Ich denke, dass der Islam von seinen Denkstrukturen und seinen Werten generell für die Geflüchteten und Migranten aus den arabischen Ländern eine ganz entscheidende Rolle spielt. Migrationsforscher, die das Gegenteil behaupten, liegen komplett falsch. Ich habe daher als junger Professor mit 30 Jahren eine neue Forschungsrichtung gegründet, die ich „Islamologie“ genannt habe. Damit soll der Islam nicht nur textbasiert, sondern als „fait social“, als gesellschaftliche Realität, untersucht werden. Natürlich sind aber gute Kenntnisse des Korans notwendig, gerade auch, um Passagen, die einem aufgeklärten Menschen fragwürdig oder gar verabscheuungswürdig vorkommen, historisch einordnen zu können. Wenn im Koran beispielsweise die „Tötung der Ungläubigen“ verlangt wird, dann ist das keineswegs heute noch wörtlich zu verstehen.

Sie haben schon vor vielen Jahren als Erster den Begriff der „Leitkultur“ in die Diskussion eingebracht.

„Leitkultur“ bedeutet für mich aber eben nicht, dass die Mehrheitskultur die Werteordnung bestimmt und die Gruppe der neu Hinzugekommenen sich dem einfach unterwerfen muss. Im Dialog, aber auch im zivilen Streit der Meinungen aller Beteiligten muss eine Art Hausordnung entwickelt werden. Natürlich gibt es auch zentrale Werte in einer modernen Demokratie, die nicht verhandelbar sind, zum Beispiel die Gleichheit der Geschlechter.

Wie haben Sie hier am Studienkolleg die Diskussion mit geflüchteten Akademikern erlebt?

Ich war vorher sehr aufgeregt: Nach über 50 Jahren wieder die Räume des Studienkollegs zu betreten, und dann mit jungen Geflüchteten zu sprechen, ein Großteil muslimischen Glaubens. Wie würden sie wohl auf mein Konzept eines europäischen Islams reagieren? Denn ich wollte mit ihnen offen diskutieren, ohne mich zu verstellen. Aber ich war sehr überrascht von der großen Zustimmung, die ich für die Idee eines offenen und aufgeklärten Islams bekommen habe.

Wenn man in die USA schaut, aber auch in einige europäische Länder, dann sieht man die politische Rechte erstarken. Könnte das ein Problem für die Integration von Geflüchteten und Zuwanderern werden?

Dieser Backlash droht die Gesellschaft noch weiter zu polarisieren und muss mit Sorge betrachtet werden. Ich sehe aber eine Polarisierung auch im demokratischen Lager: Wenn ich zu Diskussionen eingeladen werde, dann werden manche problematischen Aspekte der Integration ausgeblendet. Man muss diese aber thematisieren können, ohne gleich als islamophob ausgegrenzt zu werden.

Die Fragen stellten Mattheus Wollert (Leitung Internationales Studienzentrum an der Goethe-Universität) und Dirk Frank.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.