Die Frankfurter Poetikvorlesungen werden im Wintersemester 2014/15 einen etwas anderen Weg beschreiten: Unter dem Motto „Poetiken zwischen den Künsten – Dialoge mit der Literatur“ werden die Bezüge zwischen musikalischen, filmischen und literarischen Kompositionen ausgelotet. Für dieses Projekt konnten der Komponist Wolfgang Rihm und der Regisseur Dominik Graf gewonnen werden. Die Musikwissenschaftlerin Prof. Marion Saxer und der Filmwissenschaftler Prof. Vinzenz Hediger stellen im Folgenden die beiden neuen Poetikdozenten vor.

Musik als „subjektivste Kunst“ – Wolfgang Rihm

Wolfgang Rihm; Copyright: Universal Edition Eric Marinitsch

Wolfgang Rihm; Copyright: Universal Edition Eric Marinitsch

Wolfgang Rihm wurde 1952 in Karlsruhe geboren. Er studierte zwischen 1968 und 1976 Komposition in Karlsruhe, Köln und Freiburg bei Eugen Werner Velte, Karlheinz Stockhausen, Klaus Huber, Wolfgang Fortner und Humphrey Searle. In Freiburg studierte er außerdem Musikwissenschaft bei Hans Heinrich Eggebrecht.

Verschiedene Stipendien (u. a. Villa Massimo, Rom) und Auszeichnungen folgten, darunter der Rolf Liebermann-Preis (für Die Hamletmaschine), das Bundesverdienstkreuz, der Jacob Burckhardt-Preis der Johann Wolfgang von Goethe-Stiftung, der Bach-Preis der Stadt Hamburg und 2003 der Ernst von Siemens Musikpreis.

Seit 1973 wirkt er an der Musikhochschule Karlsruhe und hat dort seit 1985 eine Professur für Komposition inne. Bei den Darmstädter Ferienkursen ist Rihm seit 1973 immer wieder ein viel beachteter Dozent. Er ist Mitglied der Akademien der Künste München, Berlin und Mannheim; verschiedene Festivals und Reihen wurden seiner Musik gewidmet.

Wolfgang Rihms Musik ist im aktuellen Konzertleben – in Theater, Konzert, Radio und auf Tonträger – in einem Maße präsent wie wohl keine andere der Komponistenkollegen seiner Generation.

Dies mag sich zum einen seinem enormen OEuvre verdanken, das mittlerweile um die 500 Werke unterschiedlichster Gattungen und Besetzungen umfasst, von Solowerken für verschiedene Instrumente über Lieder-Zyklen, Kammer- und Ensemblemusik bis hin zu zahlreichen Orchester- und einer ganzen Reihe von Bühnenwerken, die Interpreten und Veranstaltern viele Möglichkeiten für die Programmgestaltung bieten und zudem auch noch sehr gut spielbar sind.

Für Rihm ist Musik die „subjektivste Kunst“ und so vertritt er konsequent eine Ästhetik, in der das subjektive Ausdrucksbedürfnis im Mittelpunkt steht, obgleich er um dessen genuine Gefährdung und stets vom Scheitern Bedroht- Sein genau weiß. Es mag auch dieser ästhetische Ansatz sein, der an Positionen der Tradition anknüpft, der es Rihms Musik ermöglicht, eine Vielzahl von Hörern unmittelbar zu erreichen.

Die Beschäftigung mit anderen Künsten gehört zu den Konstanten von Rihms kompositorischem Denken. Dass neben der Bildenden Kunst die Literatur für ihn eine zentrale Rolle spielt, dafür steht bereits sein „op. 1“ aus den Jahren 1968 –1970 ein, in dem der junge Rihm „Gesänge“ zu Gedichten von Georg Trakl, Hölderlin, Stefan George, August Stramm, Georg Heym, Rainer Maria Rilke und Oskar Loerke komponiert hat. Allein die Fülle der Textdichter, deren Werke er im weiteren Verlauf seines Schaffens als Lieder musikalisch gefasst hat, weist Rihm als profunden Literaturkenner aus:

Die künstlerische Beschäftigung mit Gedichten von Petrarca, Eduard Mörike, Clemens Brentano, Achim von Arnim, Joseph Eichendorff, Hölderlin, Goethe, Karoline von Günderrode, Georg Büchner, Arthur Rimbaud, Christine Lavant, Else Lasker-Schüler, Hermann Lenz, Robert Musil, Paul Fleming, Peter Härtling, Monique Thoné, Paul Celan, Wolf Wondratschek, Heiner Müller und Durs Grünbein belegen sein breites literarisches Interesse.

Dazu kommen die Bühnenwerke, darunter die Kammeroper „Jakob Lenz“, das Monodram „Das Gehege. Eine nächtliche Szene“ (2004 / 2005) nach Botho Strauß, „Penthesilea Monolog“ (2005) nach Heinrich von Kleist, um nur wenige der vielen literarisch angeregten Beispiele zu nennen. Eine „Vertonung“ literarischer Vorlagen im traditionellen Sinn lehnt Rihm als Unmöglichkeit ab. Vielmehr entwickelt er eine Vielzahl ganz eigener, neuer musikalischer Beziehungen zu Texten, deren Versuchscharakter er betont. [Autorin: Marion Saxer]

Kinofilme & »German quality TV« – Dominik Graf

Dominik Graf; Copyright: Susie Knoll

Dominik Graf; Copyright: Susie Knoll

Wenn man Kritikern, Literaturund Filmwissenschaftlern glauben darf, leben wir im Zeitalter des „Quality TV“. Amerikanischen Produzenten sei es zu verdanken, dass das einstige Schmuddelmedium Fernsehen nun endlich sich auf Augenhöhe mit Kino und Literatur bewege.

Seit einigen Jahren nun schon sind im Fernsehen Serien wie „The Sopranos“ und „Mad Men“ zu sehen, denen die Kritik Kinoqualität attestiert und zubilligt, dass sie Geschichten von einer Vielschichtigkeit erzählen, wie man sie sonst nur aus dem Roman kennt.

So sehr hat die Legende vom „Quality TV“ Fuß gefasst, dass nun auch die deutschen Fernsehanstalten, aufgescheucht durch einige flüchtig recherchierte Artikel in der New York Times über den vermeintlich desolaten Zustand des deutschen Fernsehens, dem Trend hinterhereilen und ihre eigenen „Qualitätsserien“ in die Produktion geben.

In der allgemeinen Euphorie über das „quality TV“-Phänomen werden zwei Dinge vergessen. Erstens gab es Fernsehen in Kinoqualität auch früher schon, allerdings nicht in den USA, sondern in dem vermeintlich so abgeschlagen vor sich hin sendenden Deutschland.

Das neue deutsche Kino der 1960er und 1970er Jahre war zunächst Fernsehen und verdankt seine Entstehung weitgehend der Arbeit, die wagemutige Fernsehredakteure wie Eckart Stein, der langjährige Leiter des kleinen Fernsehspiels, mit Regisseuren wie Kluge, Schroeter, Sanders-Brahms oder Farocki leisteten.

Man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass die Qualitätsserie ohnehin eine deutsche Erfindung ist und Rainer Werner Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“ (1980) und Edgar Reitz’ „Heimat“ (1984) in diesem Feld die ersten Maßstäbe setzten.

Und zweitens hat sich die Praxis des Fernsehens in Kinoqualität, das zugleich als Kino verstanden werden kann, das aus dem Fernsehen heraus entsteht, in Deutschland durchaus kontinuierlich fortgesetzt, wofür in paradigmatischer Weise das Werk von Dominik Graf steht.

Geboren und aufgewachsen in München, wo er ab 1974 die Hochschule für Fernsehen und Film absolvierte, beherrscht Graf alle Register des Kinospielfilms ebenso souverän wie die unterschiedlichen Formate der Fernseh-Fiktion. Der Bogen seines Werks reicht vom historischen Kino-Drama „Die geliebten Schwestern“, der von der Dreiecksbeziehung zwischen Friedrich Schiller und den Schwestern Charlotte und Caroline von Lengefeld handelt und bei der Berlinale 2014 im Wettbewerb lief, über mehrere „Tatort“-Filme bis zur Krimiserie „Polizeiruf 110“, bei der er in den letzten zehn Jahren regelmäßig einzelne Folgen realisiert hat.

Selbst für die nun allseits geforderten deutschen „Qualitätsserien“ hat Dominik Graf schon das Modell geliefert, mit dem eindrucksvollen Zehnteiler „Im Angesicht des Verbrechens“ (2010), der für den WDR realisiert wurde und von einem lettisch-jüdischen Emigranten erzählt, der im Dienst der Berliner Polizei im Milieu der Russenmafia ermittelt, einem Milieu, mit dem er zugleich verwandtschaftlich verbandelt ist. Aus der Intimität persönlicher Geschichten ein Panorama der (deutschen) Gesellschaft und ihrer Epochen zu entwerfen:

Diese Qualität von Grafs Arbeit könnte man als eines großen Romanschriftstellers würdig beschreiben, oder einfach nur als das, was Kino im Moment seines Gelingens leistet. Dass Graf in den USA (noch) nicht so gefeiert wird wie die Macher des „quality TV“ liegt vor allem daran, dass amerikanische Fernsehkritiker nur „Wetten dass …?“ kennen. Nach der Frankfurter Poetik-Vorlesung wird es für solche Un- und Teilkenntnis erst recht keine Rechtfertigung mehr geben. [Autor: Vinzenz Hediger]

Termine
27. Januar 2015: Wolfgang Rihm
3. Februar 2015: Dominik Graf
Campus Westend, Hörsaalzentrum, HZ 1&2.
Beginn jeweils um 18 Uhr, Eintritt frei.