Berlin: Demonstranten auf der Hanfparade 2014; Foto: Ullstein bild – Thielker

Berlin: Demonstranten auf der Hanfparade 2014; Foto: Ullstein bild – Thielker

Bei Fragen zu Drogenkonsum, Konsummotivation und wirksamer Drogenpolitik sind die Mitarbeiter des Centre for Drug Research der Goethe-Universität gesuchte Gesprächspartner. Sie waren maßgeblich am Erscheinen des 2. Alternativen Drogen- und Suchtberichts beteiligt, der es am 18. Mai bis in die Tagesschau schaffte.

Durch unsere regelmäßigen lokalen Umfragen unter Schülern, Junkies und in der Ausgehszene seit 2002 haben wir ein gewisses Alleinstellungsmerkmal in der nationalen Drogenforschung“, sagt Dr. Bernd Werse nicht ohne Stolz. Er hat das Centre for Drug Research 2001 mitgegründet. Es ist dem Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung an der Goethe-Universität angegliedert und finanziert sich ausschließlich über Drittmittel.

Die jährlichen Umfragen, ‚Monitoring-System Drogentrends‘ (MoSyD), die seit 2002 mit finanzieller Unterstützung des Drogenreferats der Stadt Frankfurt am Main durchgeführt werden, sind ein wichtiges Standbein, weil sie wertvolle Einblicke in alle Arten von Drogenkonsum und Konsumtypen bieten. So füllten für den Bericht 2013 mehr als 1.500 Schülerinnen und Schüler der 10. bis 12. Klasse an allgemeinbildenden Schulen sowie des 1. bis 3. Ausbildungsjahres an Berufsschulen in Frankfurt am Main einen computergestützten, standardisierten Fragebogen auf Tablet-Computern aus.

„Es gibt keine andere Stadt, die sich das leistet“, lobt Werse seine Förderer. „Sie wollen Bescheid wissen, was sich im Konsum und bei den Konsumentengruppen verändert.“ Die Ergebnisse seien zwar eigentlich lokal, „aber auch für die Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht sind wir die beste Quelle, wenn es um Trends und Entwicklungen geht, weil wir alles mit Zahlen belegen können.“ Durch weitere Studien, die zum Teil auf den Resultaten von MoSyD aufbauen, konnte das Team vor kurzem auf vier feste Mitarbeiter plus studentische Hilfskräfte aufgestockt werden.

Zum Status quo der Drogenszene: Die Gefahr, an das härteste Ende, die offene Szene abzurutschen, ist offenbar geringer geworden. „Krankheit und Elend der Heroin- und Cracksüchtigen im Stadtbild schrecken nachwachsende Generationen ab. Das Durchschnittsalter liegt heute bei knapp 40.“ Das läge aber auch daran, dass sich die Lebensbedingungen der Junkies in Frankfurt durch Konsumräume und Substitutionsprogramme maßgeblich verbessert hätten. „In anderen Städten ist das keineswegs selbstverständlich.“

Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen spielt unter den illegalen Drogen Cannabis die größte Rolle – mit einem deutlichen Anstieg in den letzten Jahren. „Jeder Fünfte unserer Befragten hatte im Vormonat mindestens einmal gekifft. 42 Prozent haben es schon einmal ausprobiert.“ Im Vergleich dazu fallen alle anderen Drogen quantitativ massiv ab. „Acht Prozent haben Speed, Kokain, Ecstasy oder psychoaktive Pilze schon einmal ausprobiert, weniger als ein Prozent Crystal Meth.“

„Gesetze haben kaum Einfluss auf das Niveau des Drogenkonsums“, ist Werses Überzeugung. Das sich-berauschen-Wollen sei wohl seit Jahrhunderten eine menschliche Konstante und die Bekämpfung ließe sich nicht auf das Strafrecht abwälzen. Daher hat er schon im letzten Jahr gerne die Redaktion für den Alternativen Drogen- und Suchtbericht übernommen. „Er soll den offiziellen Drogenbericht der Bunderegierung sinnvoll ergänzen durch aktuelle Ergebnisse aus Forschung und Praxis.“

Nicht mehr und nicht weniger als einen echten Paradigmenwechsel weg vom Verbot, hin zur Akzeptanz, dass es Drogenkonsum gibt, fordern jedoch die Herausgeber. Das sind akzept e. V. Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik, Deutsche AIDS-Hilfe e. V. und JES Bundesverband – Junkies, Ehemalige, Substituierte. „Wo einst Abstinenz oberstes Gebot war, steht in einer zeitge- mäßen Drogenpolitik das Ziel an erster Stelle, das Leben der Abhängigen und ihre Gesundheit zu schützen (Prinzip der Schadensminimierung).

Dafür gilt es zu akzeptieren, dass manche Menschen Drogen konsumieren. Entsprechende Ergänzungen des Betäubungsmittelgesetzes sind bislang nur Stückwerk, weil Strafe das leitende Prinzip geblieben ist“, hieß es in der gemeinsamen Pressemitteilung. Zu den Autorinnen und Autoren zählen auch der Vorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, und der Polizeipräsident von Münster, Hubert Wimber.

„Wir brauchen jetzt den Schritt vom erfolglosen Verbot zu einer wirkungsvollen Regulierung“, sagte Prof. Dr. Heino Stöver, Vorstandsvorsitzender von akzept e. V. und Direktor des Instituts für Suchtforschung der Frankfurt University of Applied Sciences bei der Vorstellung. „Wir wissen längst, welche Maßnahmen wirken. Mit einer staatlich kontrollierten Abgabe von Drogen können wir viele Probleme lösen. Jugend- und Verbraucherschutz würden damit massiv gestärkt.“

Wie das gehen soll, kann Werse erläutern. „Bisher sind illegale Drogen für alle illegal. Dadurch gibt es keinen besonderen Jugendschutz.“ Würde die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene aber legalisiert, würde das dichte Netzwerk des Drogenkleinhandels unter Konsumenten schrumpfen. Man hätte eine bessere Kontrolle über den Stoff, würde viel Geld für die Strafverfolgung sparen und könnte das Geld in den Jugendschutz stecken.

Denn die meisten, die Drogenerfahrung machen, tun dies als Jugendliche oder junge Erwachsene. Hier möchten die Verfasser des alternativen Drogen- und Suchtberichts auch Alkohol und Nikotin stärker ins Visier nehmen. „Deutschland, Luxemburg und Bulgarien sind die einzigen EU-Länder, in denen noch Plakatwerbung für Zigaretten erlaubt ist“, empört sich Werse. „Und Alkohol ist so billig, dass man ihn mit höheren Steuern belegen müsste.“

Dass das Medieninteresse am alternativen Drogenbericht mittlerweile größer sei als am offiziellen, zeige, dass in der Gesellschaft ein Umdenken im Gange sei, glauben Werse und sein Kollege, Dr. Gerrit Kamphausen. Längst unterstützten deutsche Strafrechtsprofessoren, Mediziner, Kriminalbeamte und neuerdings sogar der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU, Joachim Pfeiffer, Reformen, was beispielweise die staatlich regulierte Freigabe von Cannabis betrifft.

„Neulich hatte sogar die Wirtschaftswoche eine Titelgeschichte zu dem Thema“, weiß Werse. „Ich bin dafür, den Besitz geringer Mengen für den Eigenbedarf bei allen, auch harten Drogen, straffrei zu stellen.“ Dass es Junkies gebe, sei gesellschaftliche Realität. „Das müssen wir akzeptieren und sie aus ihrem schlechten Umfeld herausholen.“ Die Unterscheidung der Rauschmittel in legal und illegal ist für die Vertreter der akzeptierenden Drogenpolitik eine willkürliche.

Angenommen, sie fiele weg, wäre es dann für Werse immer noch nachvollziehbar, wenn Eltern mehr fürchten, dass ihr Kind kifft, als dass es Alkohol trinkt? „Das kommt darauf an“, wägt er ab. „Wenn es psychisch sensibel ist, ist es eher durch Cannabis gefährdet. Wenn es Anerkennungsdefizite hat, eher durch Alkohol.“ [Autorin: Julia Wittenhagen]