Zwei erfolgreiche Studienabbrecher: Yi Shi und Claus Wisser.

1963 sitzt ein junger Student im alten Hörsaalgebäude auf dem Campus Bockenheim und trifft eine wichtige Entscheidung: Er bricht gegen den Willen seiner Eltern das Studium ab. Heute sitzt er einem jungen Chinesen gegenüber, der 46 Jahre später am selben Ort dieselbe Entscheidung traf, nämlich in diesem Fall sein Informatikstudium an den Nagel zu hängen.

Beide Männer verbindet nicht nur diese gleiche Entscheidung, beide haben aus dem Nichts erfolgreiche Unternehmen gegründet. Claus Wisser trifft Yi Shi. Yi Shi trifft Claus Wisser. Der Raum für diese Begegnung hätte nicht besser gewählt sein können: im TechQuartier, einem Fintech-Start-up Hub.

Start-up-Szene trifft Studiendurchstarter

Umringt von jungen Start-up-Unternehmern fühlt sich Yi Shi sichtlich wohl. Es ist der zweite Tag seines Besuches an der Goethe-Universität. Zuvor hat er bereits seine alten Professoren getroffen, jetzt widmet er sich mit Freude und Neugier den Jungunternehmern, die alle ganz wild darauf sind, Tipps von ihm zu erhalten.

Yi Shi erzählt von der chinesischen Innovationskultur – kurz: try and error. Die Start-up-Unternehmer berichten von der Angst des Versagens und Fuck up Nights. Yi Shi muss lachen und fragt nach, was er darunter verstehen soll. In China gebe es keine „Looser“, scheitern gehöre dazu. „Die Chinesen sagen, wir machen das“, bringt er es auf den Punkt. Eine Unternehmensgründung sei zwar vergleichbar mit einem Marathon, aber mit Fleiß und Ausdauer durchaus zu bewältigen.

Vom Hörsaal auf die Forbes-Liste

Yi Shi ist kein typischer Alumnus. Er studierte lediglich drei Semester Informatik und Wirtschaftswissenschaften an der Goethe-Universität. Dann brach er ab und gründete in Shanghai sein erstes Unternehmen, einen digitalen Werbedienstleister. China bot ihm eine hervorragende Gründungskultur. Heute besteht die Avazu Holding aus drei Firmen, eine davon ist börsennotiert. Der 28-jährige Chinese, der erst mit 11 Jahren nach Deutschland kam und auf dem zweiten Bildungsweg sein Fachabitur erwarb, gilt laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes inzwischen als einer der 30 wichtigsten Unternehmer unter 30 Jahren in China. Nicht das übliche Bild eines Studienabbrechers.

Claus Wisser entspricht genauso wenig diesem Bild. Im Gespräch fällt der Begriff „Durchstarter“, der ihm viel besser gefällt. Ohne finanzielle Unterstützung seiner Eltern begann er in den 1960er Jahren ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. Schnell war die Idee geboren, mit nächtlichem Putzen das Studium zu finanzieren. Das Putzgeschäft lief so gut, dass Wisser schließlich sein Studium abbrach und sein Putzimperium, die Wisag, gründete – und mit diesem durchstartete.

Digitales Marketing und der internationale Fahrradverleih Obike ermöglichen Yi Shi, dass er sich seiner Universität auch mit finanzieller Förderung dankbar zeigen kann. In seinen noch jungen Lebensjahren gründete er bereits eine Verbrauchsstiftung für seine Alma Mater. Momentan unterstützt er eine Studie, die in internationalen Vergleichen der Frage nachgeht, welche Ökosysteme Start-ups benötigen, um erfolgreich zu sein.

Die Erfolgsformel: Fahrrad + Schreibgerät = Firma

Ein Computer und ein Fahrrad waren Yi Shis Anfang, ähnlich wie bei Claus Wisser, der mit einem Drahtesel, einer Schreibmaschine und einem Putzeimer sein Business startete. Wisser engagiert sich seit Jahren persönlich mit Zuwendungen sowie aktiv im Vorstand der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität. „Es sei ein bisschen wie Nachsitzen, wenn ich mich heute in der Universität engagiere“, fasst er schmunzelnd zusammen. Die Idee, seinen Studienabschluss im Alter noch nachzuholen, hat Wisser wieder verworfen. Seine Firma leitet zwar inzwischen sein Sohn, aber der Senior hat aus einem seiner Hobbies ein neues Unternehmen gegründet und investiert die freie Zeit nun lieber in die Restauration von alten Immobilien.

Auf die Frage, welche Eigenschaften ein erfolgreicher Unternehmer benötigt, bringen es beide auf den Punkt: Entscheidungswille, Experimentierfreude und Risikobereitschaft. Ein universitärer Abschluss sei für einen Gründer nicht von Bedeutung. Aber beide betonen, dass sie an der Goethe-Universität wichtige Grundlagen für ihr Unternehmertum lernten. Sie fühlen sich als stolze Alumni und geben daher aus Dankbarkeit gerne etwas an die Universität zurück.

Autorin: Anna Kubasiak