Ein Beitrag von Kai Zacharowski


Im Januar 2020 hatte ich durch persönliche Kontakte tiefe Einblicke in das SARS-CoV-2 Krankheitsgeschehen in China. Die chinesische Regierung bestellte tausende von Beatmungsgeräten, u.a. in Deutschland. Aufgrund dieser Informationen versuchte ich mein Umfeld zu sensibilisieren und vorzubereiten – leider – wie ich später noch ausführen werde ohne europäischen Erfolg!

Im März 2020 war nun endgültig klar, dass auch Deutschland nicht verschont wird. Wir haben uns vorbereitet und medizinische Kapazitäten für COVID-19 in einem bisher undenkbaren Ausmaß bereitgestellt. Wir haben unser Universitätsklinikum Frankfurt umgestaltet, um der anstehenden Krise professionell Herr zu werden. Wir haben unsere Teams geschult im Umgang mit COVID-19 Patienten sowie dem Eigenschutz. Oberstes Gebot war und ist immer Schutz der MitabeiterInnen und beste Versorgung unserer Patienten, eine durchaus schwierige Aufgabe bei immer neuen Verunsicherungen und Informationen aus der Weltpresse. Viele der Mitarbeiter hatten schlichtweg Angst sich anzustecken und Menschen in ihrem Umfeld zu infizieren wie z.B. die eigene Familie. Das führte dazu, dass einige unsere MitarbeiterInnen im Intensivbereich über viele Wochen Ihre Familien nicht gesehen haben, eine extrem belastende Situation für alle Beteiligten. Viele von uns machten auch die Erfahrung der Ausgrenzung, man könnte ja auch infektiös sein…

Ohne jeden Zweifel wusste ich, dass mein Team zu 100% für die Patienten da sein wird. Persönlich hatte ich Angst und Sorgen, dass durch die Aufopferung im Beruf, durch diese selbst auferlegte Schicksal, jemand aus meinem Team krank wird. Diese Belastung zog ich jeden Tag hinter mir her wie einen Stein, den man nicht anheben und aus dem Weg räumen kann. Das Risiko einer Infektion war tagtäglich gegeben bei schwindenden Kräften und Konzentration, und dennoch mussten alle noch so gefährlichen Interventionen zum Wohle unsere Patienten vorgenommen werden. Der Gedanke, dass jemand aus dem Team auf unserer eigenen Station liegen wird und stirbt, bereitete mir Albträume.  In den USA sind mehr als 1000 Krankenhausmitarbeiter gestorben. Man vermutet, eben wegen der hohen Virenlast am Arbeitsplatz.

Nach oder trotz acht Jahren Lebenserfahrung im englischen Gesundheitssystem bin ich überzeugter Europäer, ich liebe Europa und unsere Nachbarländer und Mitmenschen. Als Präsident der Europäischen Fachgesellschaft für Anästhesiologie kann ich berichten, dass über 70% aller intensivpflichtigen COVID-19 Patienten von Anästhesiologen in Europa betreut wurden. 

Ich habe mich drei Monate lang für Europa geschämt. Wo waren wir für Italien, Spanien oder  Frankreich? Außer kleinen individuellen Hilfen – wir haben auf unserer Intensivstation verschiedene Europäer betreut, hat sich Europa in der Krise in meinen Augen als nicht solidarisch genug gezeigt. Trotz ausreichend Informationen bzgl. der Lage in China wurden des Geschäfts wegen erst viel zu spät europäische Maßnahmen auf dem Weg gebracht. Wie viele infizierte Menschen letztendlich über die diversen Flughäfen nach Europa gekommen sind, wird wohl für immer unklar bleiben. Sehenden Auges wurde gewartet und verzögert bis letztendlich die einzelnen europäischen Länder die Reißleinen zogen, Grenzen wurden zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder geschlossen, die europäische Gesellschaft vor dem Zerfall. Die einzelnen europäischen Länder waren auf sich gestellt, teilweise keinen Zugang zu ausreichenden Beatmungsgeräten und medizinsicher Schutzausrüstung. Jeder für sich, für sein Land. In meinen Augen eine traurige und beschämende Situation. Dekrete aus Ministerien, dass diverse medizinische Geräte nicht mehr ausgeführt werden dürfen, ein Skandal.

Wo war die europäische Taskforce, die europäischen Geräte, Produkte und Gesundheitsfachleute dort einsetzen, wo es am notwendigsten war?  Der Zusammenhalt ist gebröckelt. Die Italiener waren die größten Freunde der Deutschen. Das sind sie jetzt nicht mehr. 

Eine Sache darf nicht unerwähnt bleiben, mein Stolz aber auch das größte Dankeschön an unsere Pflegekräfte in Europa. Ohne sie wären viel mehr Menschen gestorben, unsere europäische Gesellschaft muss dem Berufsbild der Pflege mehr Würdigung entgegenbringen.

Es wird nicht die letzte Pandemie der Menschheit sein, daher brauchen wir jetzt dringend einen europäischen Neuanfang. Antibiotika, persönliche Schutzausrüstungen, systemrelevante Medizinprodukte müssen wieder in Europa produziert werden. Nur dann haben wir als Gesellschaft eine Chance, nicht erneut auseinandergetrieben werden. Diese Chance dürfen wir nicht verspielen, auch wirtschaftlich lohnt sich das für Europa, denn wir haben weltweit die höchsten Qualitätsstandards – darauf können wir uns und unsere Patienten sich dann im Notfall bei der Behandlung verlassen.

Kai Zacharowski, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie, Universitätsklinikum Frankfurt, Goethe-Universität Frankfurt


Dieser Artikel erscheint in der Reihe Goethe-Vigoni Discorsi und ist in einer leicht abgewandelten Version zuerst am 20. Juli 2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht worden.