Ein Beitrag von Volker Schlöndorff


Eigentlich sollte ich etwas schreiben über das, was die Welt bewegt oder zurzeit nicht genug bewegt: den Klimawandel. Das ist seit zwei Jahren mein Thema, genauer: die Bäume, die so wichtig sind für uns alle. Nur sie können die Erderwärmung bremsen, die sonst eine Milliarde Menschen, die heute noch als Kleinbauern leben, aus ihren Dörfern in die Städte vertreiben wird, wenn nicht, und das ist die große Hoffnung, Vernunft einkehrt und der Ackerbau verändert wird, beim Kleinbauern wie beim Agrarkonzern. Bäume können die von Verkarstung bedrohten Böden stabilisieren, Landwirtschaft in ihrem Schatten kann die Böden restaurieren und die Bauern ernähren, ihre Blätter Kohlenstoffdioxid absorbieren, ihr Holz Baustoff liefern, der weniger schädlich ist als die verheerende Zementherstellung.

Das Problem war bisher, dass fast alle in trockenen Gebieten gepflanzten Bäume nach ein, zwei Jahren eingehen. Mangels Wasser können sie keine Wurzeln bilden. Nun hat der australische Agronom Tony Rinaudo endeckt, wie ganze Wälder wieder wachsen können, indem man auf unter der Erde noch intakten Wurzeln aus früheren Zeiten zurückgreift. Dafür hat er 2018 den Alternativen Nobelpreis und den Beinamen the forest maker erhalten. Bei dieser Gelegenheit habe ich ihn kennengelernt. Ich war begeistert von seiner Methode. Und da ich nicht verstehe, warum sie nicht längst auf der ganzen Welt praktiziert wird, beschloss ich, einen Film über ihn zu machen.

Das ganze folgende Jahr habe ich ihn begleitet bei seiner Arbeit mit den Kleinbauern in Afrika und Indien – in Mali, Ghana, Burkina Faso und Niger, in Jarkhand und im Staate Maharashtra, wo sich in den letzten Jahren mehr als 130 000 Bauern das Leben genommen haben. Ich habe ihn bei seinen Workshops gefilmt. „Siehst du, Tony, alles, was mir als Filmkunst heilig war, nutze ich schamlos, um Werbung für deine Bäume zu machen“, sagte ich ihm scherzhaft im Nachtzug von Kolkata ins nordöstliche Bengalen. In diesem Sommer wollte ich in Äthiopien sein, wo Bauern aus Tonys wiedererstandenen Wäldern schon CO2-Zertifikate für Hunderttausende Dollars einlösen, aber seit sechs Monaten steht unser Projekt still, und deshalb will ich nicht weiter darüber schreiben. Erst mal machen und mit dem Trommeln bis zum Kinostart warten.

Kinostart? Welcher Kinostart? Jede Woche erlebt die Kinowelt eine neue seismische Erschütterung. Vor zwei Wochen erreichte uns aus den Vereinigten Staaten die Nachricht, dass die größte Kinokette die Reduzierung der minimalen Schonzeit für die Auswertung von Filmen im Kino von derzeit drei Monaten (bei uns achtzehn Monate!) auf siebzehn Tage akzeptiert. Danach darf jeder Film, von den teuersten Blockbustern bis zu den Low-Budget-Filmen, in Streaming-Diensten angeboten werden.

Jüngst meldete der Disney-Konzern, dass er ganz auf den Kinostart von „Mulan“ – Kosten zweihundert Millionen Dollar – verzichten und den Film nur in ihrem Video-on-Demand-Dienst anbieten wird. Den ersten „Mulan“-Film sahen bei uns immerhin vier Millionen Zuschauer, weltweit spielte er dreihundert Millionen Dollar ein, von dem neuen Film erwartete man sich etwa das Doppelte. Da lässt sich ermessen, in welcher Größenordnung hier gespielt wird, wenn auf solche Summen an der Kinokasse verzichtet wird. Christopher Nolans Film „Tenet“, vor der Krise einer der großen Hoffnungsträger der Branche, ist soeben, nach mehrmaligem Verschieben, ins Kino gekommen, allerdings mit einer Woche Vorsprung erst einmal außerhalb Amerikas. Als Experiment sozusagen, um zu sehen, wie viel Geld damit noch an der Kinokasse zu erlösen ist – und um das Ergebnis mit den Erlösen der Streaming-Dienste zu vergleichen. Ein Dreihundert-MillionenDollar-Experiment wird womöglich über die Zukunft des Kinos entscheiden. Auch in Deutschland und Europa halten Verleiher große Filme weiterhin zurück, denn das Wenige, das sie bei den augenblicklichen Besucherzahlen in den Kinos einspielen können, lohnt den Aufwand eines Kinostarts nicht. Dass die Kinos dabei auf der Strecke bleiben, wird als unvermeidlich hingenommen: Entweder gehen die Verleiher und damit die Produzenten pleite oder die Kinos. Das Nachsehen haben auf jeden Fall die Zuschauer, die Kinofilm-Freunde, die es trotz aller Widrigkeiten immer noch gibt.

Warum trifft es die Kinos so hart? Die älteren Zuschauer bleiben aus Angst vor dem Virus fern – oder weil sie inzwischen entdeckt haben, dass man Filme auch zu Hause sehen kann, ohne ein digitales Genie zu sein. Die Jüngeren haben sich ohnehin seit langem dazu entschlossen, auf dem Bett liegend, in der U-Bahn oder im Flugzeug Filme auf dem Tablet, dem Laptop oder dem Handy zu schauen.

Kino schien dabei schon seit längerem ein auslaufendes Modell zu sein, aber nun hat ihm die Krise den Todesstoß versetzt – könnte man befürchten, wenn man nicht wüsste, dass die Menschen immer wieder Orte suchen werden, an denen sie gemeinsam etwas erleben möchten. Das waren Theater und Konzertsaal für die einen, der Fußballplatz für die anderen – und Kino war ein Ort für alle. Egal ob in Multiplexen für das Popcorn-Kino oder in den Filmkunsttheatern für den sogenannten anspruchsvollen Film. Alles passé?

Ehe man lamentiert, sollte man sich erinnern, dass gerade das Arthouse-Kino eine ziemlich junge Erscheinung ist, aus der Not erfunden zur Zeit der Nouvelle Vague in Paris, als es für die Filme von Godard, Truffaut und Chabrol keine angemessenen Kinos mehr gab. Der neue Film brauchte neue Spielstätten. Plötzlich entstanden im Quartier Latin, in engen Seitenstraßen, Kellern und unter Kneipen winzige Filmkunstkinos, Cinémas d’Art et d’Essai genannt, eine Bewegung, die sich schnell auf der ganzen Welt verbreitete. Bei uns vollzog sich mit dem Jungen Deutschen Film und seinem Publikum eine ähnliche Trennung der kommerziellen und der kulturellen Kino- und Verleihstruktur. Die kommerzielle Filmindustrie antwortete mit der Erfindung der Multiplexe, flankiert schließlich von Lounge-artigen Edelkinos. Das war en gros die Entwicklung von den Sechzigern bis heute. Mehrfach totgesagt, hat das Kino sich immer wieder neu erfunden. Und nun? Das Kino ist tot – es lebe das Kino? Die digitale Technologien haben neue Formen des Erzählens hervorgebracht, nicht zuletzt der Serien, die eine ganze Generation dem Kino entfremdet haben. Auch dem Film als Einzelstück, der wie der klassische Roman oder das Theaterstück eine geschlossene Geschichte in einem Bogen erzählt, scheint dieser Generation etwas aus einer anderen Zeit, eine Zumutung womöglich, denn man muss sich über einen längeren Zeitraum konzentrieren, und der Inhalt verlangt meist, dass man sich damit auseinandersetzt. „Der Vorhang geht irgendwann auf, und mit Ende der Erzählung fällt er wieder, hoffentlich nach nicht mehr als zwei Stunden“, wie Billy Wilder es einst definierte.

Ich habe es an mir selbst erlebt, wie süchtig Serien machen können, von den Klassikern des Genres „Breaking Bad“, „Homeland“ oder House of Cards“ über die edlen „The Crown“ und „Downtown Abbey“ bis zu den modischen „Little Lies“, „Grace and Frankie“ und „Suits“ oder den komischen wie „Curb your Enthusiasm“. So unterhaltsam sie auch sind, wie innovativ die audiovisuelle Sprache auch ist, auf mich wirken sie zeitraubend (wer hat die Zeit, sich all die Folgen anzusehen – auch bei Corona?!). Das Prinzip ist „more of the same“. Wahrscheinlich können sie keinen anderen Sinn liefern, als dass alles immer weitergeht. Nie stellt sich bei mir jedenfalls die Erregung ein, die ich beim Verlassen des Kinos oftmals empfinde, dass mir ein Film nachgeht oder mich zum Reden darüber bringt, egal ob mit mir selbst beim Gang durch nächtliche Straßen oder mit anderen in der nächsten Kneipe. Der Fortsetzungsroman hat auch nicht die gesamte Belletristik hinweggefegt und, wenn der Vergleich stimmt, wird es auch wieder Bergmans und Fellinis geben, Antonionis und de Sicas, Formans und Fassbinders, die Filme machen, von denen jeder ein Einzelstück ist, und die eine große Leinwand und den geschlossenen Raum mit anderen brauchen, um mit dem Publikum zu kommunizieren. So ist weder der Autorenfilm noch das Kino tot. Beide werden nur von einer neuen Generation neu erfunden werden. Unsere Sehnsucht hinterlässt eine nie zu schließende Marktlücke.

Volker Schlöndorff, Regisseur


Dieser Artikel erscheint in der Reihe Goethe-Vigoni Discorsi und ist in einer leicht abgewandelten Version zuerst am 29. August 2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht worden.