In seinem neuen Buch »Gruß aus der Küche« widmet sich der Soziologe Tilman Allert den (vermeintlich) kleinen Dingen des Lebens – den »Kunstwerken des Sozialen«.

UniReport: Herr Prof. Allert, der titelspendende Artikel in Ihrem neuen Buch beschäftigt sich mit einem Detail aus der Gastronomie. Was macht diesen wohlbekannten Satz so signifikant?

Tilman Allert: Zum einen ist der Spruch „Ein Gruß aus der Küche“ ein Versprechen: Man kündigt damit eine kulinarische Qualität an. Zum anderen handelt es sich aber auch um eine leistungsindifferente Gabe, die dem Gast gewährt wird. Drittens wird damit aber zugleich die Wartezeit, ein Übergang überbrückt. Man sieht: Hinter einem solchen Satz verbirgt sich viel mehr, als man vermuten könnte. Ebenso markiert das „Viel Vergnügen“, das der Kellner dem Gast heute beim Überbringen der Speise anstelle von „Guten Appetit“ häufig wünscht, einen geradezu revolutionären Einschnitt. Denn nun wird das Essen zu einem ästhetischen Event stilisiert. Dazu gehören beispielsweise auch die Verzierungen, die man mit Saucen auf dem Teller kreiert. Dass der Restaurantbesuch heute zu einem Event stilisiert wird, würde ich im Übrigen gar nicht beklagen. Essen ist heute eben keine Sättigungsbeilage mehr, es unterliegt ästhetischen Gestaltungskriterien und bedient im Übrigen den Wunsch der Augen, beteiligt zu werden. Darauf reagiert der Spruch „Viel Vergnügen“.

In einem Artikel über jugendliche Hosenmode sprechen Sie über die Jeans mit dem ab Fabrik gelieferten oder selbst herbeigeführten Riss: Was kann uns dieses modische Phänomen sagen?

Mit dem Hinweis einiger Beobachter, dass es sich lediglich um ein „Modephänomen“ handele, erschließt sich wenig. In Handlungen, die geschehen, weil alle es tun, steckt eine Sinndimension, und die herauszuarbeiten ist Aufgabe der phänomenologischen Soziologie. Die zerrissene Jeans wird ja als „Destroyed Jeans“ verkauft. Darin vollzieht sich jenseits des Modischen die Dramatik einer Adoleszenz-Krise, der psychosozialen Choreographie der Ablösung. Dazu gehört zunächst die Erwartung der Eltern, dass diese Krise schnell an der Familie vorübergeht und diese wieder zurück zur Normalität finden. Zweitens wollen die Kinder selber aus dieser Phase raus, denn es ist eine Krise, in der man sich als verletzlich und unfertig empfindet, obwohl und gerade weil das „Cool“ sein der allergrößte Wunsch ist. „So erwachsen, wie ihr mich seht, bin ich noch gar nicht.“ Komplex wird die Gemengelage von Gefühlen gegenüber den Erwachsenen dadurch, dass die „Destroyed Jeans“ nur Zeichen sind, die Unvollständigkeit zwar kommunizieren, jedoch mit einer ungeheuren Botschaft: „Wenn Ihr glaubt, ihr müsstet mir helfen und mir nahekommen, dann werdet Ihr sehen: Es ist nur ein Textil!“ Ein unglaublich raffiniertes, aber als solches gar nicht erkanntes Spiel mit dem Verhältnis von Vollständigkeit und Unvollständigkeit, von Perfektion und Imperfektion.

Sie schreiben, dass die „angestrengten Reflexionen und Selbstmitteilungen über das innere Befinden“ womöglich der Vergangenheit angehören, doch „geblieben sei die Botschaft, jedoch eine, mit der gespielt“ werde. Haben wir es auch im Bereich der Mode mit einem Bedeutungsverlust von Zeichen zu tun?

Wir haben es, so würde ich es ausdrücken, mit einer Überdeterminiertheit zu tun: Es steckt noch das Alte in dem Zeichen der Jeans: nämlich das Gebrauchtsein. Als die Jeans noch nicht zerrissen wurde, demonstrierte der Träger damit bereits: „Ich gehöre zu den Arbeitenden, ich bin kein Youngster mehr, die Welt der Arbeit hat mich schon erreicht.“ Ich würde also nicht sagen: Früher hatte die Jeans diese Bedeutung, heute eine andere. Es handelt sich eher um eine Steigerung des Gebrauchtgefühls, die Hose muss auch heute erkennbar abgenutzter erscheinen. Mit dem Stretch im Stoff tritt eine neue Dimension hinzu, nämlich die demonstrative Haut. Dem wäre genauer nachzugehen, was in Arbeiten, die ich betreue, erfreulicherweise auch geschieht, die sich beispielsweise mit der Bein- oder Ganzkörperrasur bei Männern und Frauen beschäftigen.

Viele der von Ihnen analysierten Phänomene sind in jugendlichen Modewelten angesiedelt. Im Beitrag über das Tätowieren sprechen Sie davon, dass die Jugend „ihr Privileg, Träger eines ästhetischen Avantgardismus zu sein“, eingebüßt habe.

Jugendliche haben heute kaum noch die Möglichkeit, sich modisch abzugrenzen, da selbst ihre Eltern als „Otto Normalabweichler“, so die schöne Bezeichnung von FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube, einen zum Mainstream gewordenen individuellen Stil pflegen. Das erzwingt jedoch Erfindungsreichtum. Die Jeans wird auf immer komplexere Weise zerrissen und auch verziert.

„Das ist doch nur Mode“, sagte und sagt man auch heute noch häufig zu solchen Phänomenen. Heute scheint sich die Gesellschaft dafür stärker zu interessieren, wie lässt sich das soziologisch erklären?

Mode ist ein Selbstdarstellungsspiel. „Wir alle spielen Theater“ heißt ein berühmter soziologischer Klassiker von Erving Goffman. Aus diesem Grund habe ich in den vergangenen Jahren mit dem Schauspiel Frankfurt kooperiert. Im Theater zeigt sich trivial und anschaulich zugleich, was die Soziologie zu ihrem Analysegegenstand erhoben hat: das Spiel, das wir spielen, wenn wir uns begegnen. Man könnte sagen, dass es in Deutschland eine Tradition gibt, die Form, in der man kommuniziert, geringer zu bewerten als die Idee der Authentizität dahinter. Adorno hat ja mal spöttisch angemerkt, dass die Deutschen ihre Identitätsvorstellung pflegen wie Blumen auf dem Balkon. Identität ist aber ohne Eintritt in die Sozialität nicht denkbar. Georg Simmel hat sich in einem Aufsatz mit den unterschiedlichen Sichtweisen in Europa beschäftigt: Der „romanische“ Typus – so seine Formulierung –, den man beispielsweise im katholischen Italien antrifft, empfinde im Unterschied zum „germanischen“ Typus das Sich-Präsentieren und Inszenieren in der Öffentlichkeit als normal bzw. geradezu geboten, und nicht etwa ein Verzicht auf Authentizität.

Sie beschreiben und analysieren in Ihren Texten Alltagsphänomene. Aber wohnt Ihren Texten nicht auch implizit ein normativer Ansatz inne: dass man der Komplexität des sozialen Miteinanders respektvoll und aufgeschlossen begegnen sollte?

Ja, wenn man so will, geht es in vielen Analysen um ein Verständnis und insofern Anerkennung der Imperfektion und der Würde des Alltäglichen. Die Zuspitzung auf das Meritokratische sowie auf die Like/Dislike-Dichotomie kann man als eine Bedrohung der Weltwahrnehmung bezeichnen. Ich plädiere für den Respekt vor dem Übergang, für den Aufenthalt in der Grauzone. Meine Texte stehen somit nicht für eine Sozialkritik, sondern in der Tradition der Phänomenologie für eine Sorgfalt der Beobachtung, für die Lust auf das Erkennen dessen, was einen umgibt und von dem man ein Bestandteil ist.

Die Fragen stellte Dr. Dirk Frank.

Tilman Allert

Gruß aus der Küche.
Soziologie der kleinen Dinge.

Frankfurt am Main: S. Fischer 2017

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Dieser Artikel ist in der Ausgabe 5.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.