Weltweite Trauer um die Opfer der Anschläge von Paris. Auch viele Muslime brachten ihre Anteilnahme zum Ausdruck; Foto: ullstein bild – snapshot-photography/K.M.Krause

Weltweite Trauer um die Opfer der Anschläge von Paris. Auch viele Muslime brachten ihre Anteilnahme zum Ausdruck; Foto: ullstein bild – snapshot-photography/K.M.Krause

Prof. Susanne Schröter vom Forschungszentrum Globaler Islam über die Anschläge von Paris und die Gefahren des gewaltbereiten Islamismus.

UniReport: Frau Prof. Schröter, die Attentäter von Paris waren mehrheitlich Franzosen. Droht den europäischen Ländern eine islamistische Gefahr sozusagen von innen heraus?

Schröter: In vielen europäischen Ländern können wir seit einigen Jahren beobachten, dass die Missionsversuche salafistischer Akteure außerordentlich erfolgreich sind – vor allem unter Jugendlichen. Der französische Islamwissenschaftler Olivier Roy spricht von einer islamistischen Jugendbewegung, der muslimische Psychologe Ahmad Mansour sogar von einer „Generation Allah“. Ein Teil der muslimischen Jugend Europas, darunter übrigens viele Konvertiten, habe sich, so Mansour, von den Normen und Werten des Westens abgewendet und strebe eine religiös fundierte Ordnung an, die sich ausschließlich an einer bestimmten Auslegung des Koran und der islamischen Überlieferungen orientiert.

Unhinterfragtes Vorbild für das eigene Handeln und für die Begründung einer „gottgewollten“ gesellschaftlichen Ordnung sind der Prophet Mohammed und die ersten drei Generationen von Muslimen, die so genannten Salaf oder Salafiyyun. Problematisch sind daran zwei Aspekte: erstens die schnelle Verbreitung der Bewegung, die, so der Islamwissenschaftler Marwan Abou Taam, bereits die Diskurshoheit innerhalb der konservativen muslimischen Gemeinschaften übernommen hat; zweitens ihre tendenzielle Gewaltbereitschaft. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind aus Deutschland etwa 800 Jugendliche nach Syrien ausgereist, um sich dem IS anzuschließen, darunter 20% junge Frauen. Sie sind in einen weitaus größeren Unterstützerkreis eingebunden und können sich der Sympathie und Zustimmung innerhalb eines bestimmten muslimischen Milieus sicher sein, das seine innere Abkehr vom als gottlos und sündhaft denunzierten „Westen“ bereits vollzogen hat. Für den Zusammenhalt innerhalb unserer Gesellschaft stellt beides eine Herausforderung dar.

Wie groß ist Ihrer Ansicht nach die Bedrohung, die von jungen gewaltbereiten Muslimen in Deutschland ausgeht – ist die Situation ähnlich gefährlich wie in Frankreich oder gibt es Unterschiede?

Frankreich ist in anderer Weise außenpolitisch gegen islamistischen Extremismus aktiv als Deutschland – sowohl in Westafrika als auch in Syrien. Daher ist es stärker ins Visier islamischer Terroristen gerückt. Grundsätzlich richtet sich der von IS ausgerufene Krieg jedoch auch gegen andere Länder. In Videobotschaften des IS wird aufgerufen, Anschläge in allen westlichen Ländern durchzuführen, und zwar gegen die Zivilbevölkerung. Der deutsche Jihadist Denis Cuspert, der in der Propagandaabteilung des IS eine wichtige Rolle spielt, hat bereits vor einiger Zeit für Attentate auf U-Bahnen geworben.

Sehen Sie die reale Gefahr, dass IS-Sympathisanten oder gar IS-Terroristen als Flüchtlinge getarnt ins Land kommen?

Dass der IS als Flüchtlinge getarnte Kämpfer nach Deutschland schmuggelt, lässt sich bislang nicht bestätigen. Fakt ist allerdings, dass Salafisten dazu aufrufen, Flüchtlinge zu „betreuen“, und dass es verschiedene Versuche gab, Zugang zu Aufnahmeeinrichtungen zu erhalten.

Die Anschläge von Paris haben wieder mal die Frage aufgeworfen, ob der Terrorismus des IS etwas mit dem Islam zu tun hat. Ist es abwegig, einen Zusammenhang zu sehen?

Die Anschläge wurden von Muslimen im Namen des Islam durchgeführt. Keinen Zusammenhang zu sehen ist vollkommen absurd. Dazu kommt: Weder salafistischen Predigern noch den Welterklärern des IS kann man mangelnde religiöse Kenntnisse vorwerfen. Sowohl der Koran als auch das Beispiel des Propheten Mohammed, der ja nicht nur Religionsstifter, sondern auch Staatsmann und Kriegsherr war, lässt sich für vielerlei Zwecke instrumentalisieren. Wie bei Quellen anderer Religionen kommt es auf die Lesart, die Interpretation und die Methoden der Auslegung an.

Werden die neuen Anschläge in Paris die fremdenfeindliche Haltung in Deutschland gegenüber den mehrheitlich muslimischen Flüchtlingen stärken, auch wenn diese mehrheitlich vor der Gewalt des radikalen Islamismus geflüchtet sind?

Eine beängstigende Zunahme an fremden- und islamfeindlichen Stimmen ist auf jeden Fall evident. Nach Angaben des Bundesinnenministers gab es in diesem Jahr fast 500 Anschläge auf Asylbewerberunterkünfte. Dazu kommen Aufmärsche von Rechtspopulisten gegen Flüchtlinge, der nachhaltige Erfolg von PEGIDA oder die wachsende Zustimmung für die AfD, der, Umfragen zufolge, 7% der Bundesbürger bei einer Wahl die Stimmen geben würden. Nach einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung vom November 2014 empfinden 57% aller Bundesbürger den Islam als bedrohlich. 61% waren der Ansicht, der Islam passe nicht in die westliche Welt. Beide Zahlen hatten gegenüber 2012 deutlich zugenommen, und man kann davon ausgehen, dass sich die negative Haltung weiter verstärkt.

In Fußgängerzonen wird von salafistischen Gruppen kostenlos der Koran verteilt – stellt das möglicherweise ein Einfallstor dar?

Die sogenannte „Lies-Aktion“ ist eines der wichtigsten Einfalltore – neben salafistischen Predigern und Internetauftritten von Salafisten und Jihadisten. Das ist seit langem bekannt. Sie dient dazu, junge Menschen anzusprechen und zu Treffen in kleineren geschlossenen Zirkeln einzuladen, in denen dann die weitere Indoktrination stattfindet.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, junge Muslime von dem Weg der Radikalisierung abzubringen? Welche Rolle könnten dabei deutsche Bildungsinstitutionen übernehmen, welche die muslimischen Gemeinden?

Es sind in diesem Jahr eine ganze Reihe von Maßnahmen angelaufen. Das Land Hessen hat zusammen mit dem Bund ein neues Landesprogramm zur Extremismusbekämpfung aufgelegt, das für einen Zeitraum von 5 Jahren mit 13,5 Mio. Euro gefördert wird – und sich im Übrigen nicht nur mit islamischem Extremismus, sondern auch mit der Prävention von Rechtsextremismus befasst. In dieser Förderlinie unterhält die NGO „Violence Prevention Network“ eine Beratungsstelle gegen Salafismus und Jihadismus und nimmt auch Kontakt zu inhaftierten Jihadisten bzw. Syrienheimkehrern auf, die auf ihren Prozess warten. Vieles wird auf kommunaler Ebene organisiert.

In Frankfurt wurden z. B. mehrere Modellprojekte mit muslimischen Gemeinden gestartet, in denen muslimische Jugendarbeit gefördert wird, von der man sich dann eine Immunisierung gegen den Extremismus erhofft. In Wiesbaden werden aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben“ verschiedene Maßnahmen gefördert, die auch die Arbeit an Schulen einschließen. Da Radikalisierung auch in Gefängnissen stattfindet, wurden in mehreren hessischen Haftanstalten Gefängnisimame eingesetzt, die Prävention und Deradikalisierung mit den Mitteln der Seelsorge erreichen sollen. Ich persönlich halte die Summe der eingeleiteten Maßnahmen grundsätzlich für sinnvoll, würde aber eine sorgfältige Evaluierung anraten, um zu überprüfen, wo Erfolge erzielt werden können und wo nicht. Insbesondere die Schulen sollten stärker einbezogen werden.

Für die Vermittlung von interkulturellem und interreligiösem Wissen, Demokratieerziehung und Debatten über Werte, Vorstellungen eines guten Lebens etc. sind Schulen die geeigneten Orte. Allerdings fehlt es bislang an entsprechenden Kompetenzen im Lehrkörper und möglicherweise auch an Formaten, in denen Schüler und Schülerinnen dezidiert für die multikulturelle Gegenwart fit gemacht werden. Ratsam wäre es meiner Meinung nach, die Einrichtung eines neuen Faches anzudenken, da es sich schließlich nicht nur um Extremismusprävention, sondern um Schlüsselkompetenzen für die Gesellschaft der Zukunft handelt.

Prof. Dr. Susanne Schröter ist Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam (FFGI), Direktorin des Instituts für Ethnologie, Principal Investigator im Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Direktorin im Cornelia Goethe Centrum für Geschlechterforschung und Vorstandsmitglied des Deutschen Orient-Instituts. Sie hat die Vorlesungsreihe „Normenkonflikte in pluralistischen Gesellschaften“ konzipiert.