Foto: Dettmar

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Herr Wagner, wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich im Rahmen eines Beitrages für das Ressort Bildung ausgerechnet in einer Abendschule umzusehen?

Was in Deutschland über Bildung geschrieben wird, ist häufig sehr selbstreferentiell. Auf gut Deutsch: Meistens schreiben sehr gebildete Menschen über Bildung oder über Bildungserwerb. Manchmal schreiben dann auch Gebildete über Ungebildete, also meistens eher in einem fordernden Tonfall, „macht mehr, tut mehr, lernt mehr“. Ganz selten kommt es mal vor, dass sich Menschen ohne Bildung oder noch ohne Bildung über Bildung äußern. Warum sie die erwerben wollen, wie schwer oder wie schön das ist. Und diesen letzten Fall finde ich am interessantesten. Meistens werden Kinder beobachtet, wenn sie an der Schule sind, oder Lehrer. Aber bei Erwachsenen an einer Abendschule ist der besondere Reiz, dass sie sich äußern können, warum sie das tun – die können reden über Bildung, ohne bereits eine abgeschlossene Aus-Bildung zu haben. Aber sie sind auf dem besten Wege, eine solche zu erwerben.

Für viele klingt „Abendschule“ heute etwas angestaubt, oder?

Ich glaube nicht, dass Abendschulen besonders ‚angestaubt‘ sind. Es gibt zwar nur noch sehr wenige, das liegt aber auch an der institutionellen Konkurrenz der Kollegs. Das sind diese Tagesgymnasien für Leute, die Bafög bekommen. Die Abendschule ist anders, weil sie von ihren Hörern verlangt, dass sie berufstätig sind. Das ist eine Einschreibungsvoraussetzung. Und das gibt dem Ganzen nochmals einen ganz anderen ‚Kick‘: diese besondere Belastung am Abend nach dem Job. Ich habe mich gefragt: Wer das auf sich nimmt, dem muss es doch verdammt ernst sein mit Bildung und Lernen.

Sie haben die Leute nicht nur interviewt, sondern sich auch mit in den Unterricht gesetzt. Hat man dann als Journalist Berührungsängste?

Nein, ich gehe eigentlich immer sehr gern auf Leute zu. Die hatten eher Berührungsängste mit mir – mit dem promovierten Journalisten von einer großen Tageszeitung. Ich habe als teilnehmender Beobachter einfach dem Unterricht beigewohnt. Es ist Schule, da ist es auch nicht so ungewöhnlich, dass man mal Leute in der Klasse sitzen hat, die man nicht so gut kennt und die nie etwas sagen. Es hat mir auch wirklich Spaß gemacht. Da sitzt man abends und beschäftigt sich mit einem Fach wie Latein. Da muss man erst mal jemanden finden, der das freiwillig macht. Und das mit den ganz normalen Abiturvoraussetzungen, wie jeder andere Gymnasiast in Berlin auch. Die kriegen da nicht ein „Abitur light“, nur weil sie abends studieren. Die prüfungsrelevanten Fächer und der Lehrplan sind nämlich gleich.

Die Schulbank nochmal zu drücken hat ja etwas von der „Feuerzangenbowle“: Man kehrt nochmal zurück an die ‚Penne‘ und sitzt wieder dem Lehrer gegenüber. Da man heute gerne vom „Lebenslangen Lernen“ spricht, ist das vielleicht gar nicht mehr so ungewöhnlich?

Von der „Feuerzangenbowle“ hat das leider gar nichts mehr. Dazu ist es den Leuten auch zu ernst. Aber richtig ist: Schule am Abendgymnasium ist ein Stück weit eine Zurückversetzung in eine Zeit, wo man noch unmündig war. Auf dem Abendgymnasium hat man aber Leute sitzen, die mindestens im Studentenalter sind oder älter. Aber es ist eben Schule: Einer steht vorne und es gibt Regeln und auch mal Ermahnungen: „Jetzt seien Sie mal still, Herr Müller!“; „Jetzt zappeln Sie mal nicht immer so rum!“ Lebenslanges Lernen ist hingegen ein sehr spezieller Fall von Lernen und benennt als Schlagwort den Qualifikationsdruck in nahezu allen Berufen heutzutage. Aber das ist eben alles integriert in den Arbeitsalltag, ein „learning on the job“, während die Abendschule einen knallharten Bruch bedeutet zu dem, was die Leute den ganzen Tag gemacht haben. Ich glaube aber, dass es genau das ist, was die Abendschüler suchen. Ein Online-Abitur beispielsweise käme für sie nicht infrage.

In Ihrem Artikel sprechen Sie auch davon, dass mehrfach das Wort „Korrektur“ fiel, als Sie die Leute nach Gründen für ihren Abendschulbesuch gefragt haben.

Ja, also die Rektorin sprach auch davon: „Wir sind so etwas wie eine Bildungsambulanz. Wir reparieren, wir schienen, wir heilen Brüche.“ Oft wird die Schulzeit kritisch, wenn man so in der neunten, zehnten Klasse ist. Nicht so sehr vom Stoff, sondern einfach von der Persönlichkeit her. Und da hört man viele Geschichten von Brüchen, von „Ich hab Scheiße gebaut“ über „Ich war zu blöd, ich hab nicht auf meine Eltern gehört“ bis hin zu „Ich wollte ausbrechen“. Ein paar Jahre später möchte man das wieder „reparieren“. Denn die meisten dieser Schüler wissen schon, dass sie nicht intellektuell oder geistig gescheitert sind, sondern an den biografischen Schwierigkeiten. Aber die Pubertät ist nun bei ihnen zu Ende, das Umfeld hat gewechselt, eine gewisse Reife ist dazu gekommen. Man sagt nun: „Ich kann das ja, ich bin ja nicht blöd“ oder „Ich kann mir das zutrauen“.

Der Besuch des Abendgymnasiums ist keine Fort- oder Weiterbildung, um im Job weiterzukommen. Stattdessen interpretieren sie auch mal ein Goethe-Gedicht. Das ist interessant vor dem Hintergrund, dass gerade wieder über Nützlichkeit von Bildung diskutiert wird.

Die Schule sollte ruhig nützliche Dinge vermitteln. Aber man versteht Bildung nicht, wenn man sie nur unter Nützlichkeitsaspekten betrachtet oder optimieren möchte. Wenn man nur mit diesem Fortbildungs- und Aufstiegsgedanken das Abendgymnasium betrachtet, dann versteht man nicht die Motivation der Leute, die es besuchen. Natürlich wird von den Abendschülern die Nützlichkeit eines Abiturs für den weiteren Bildungsweg gesehen. Was sie aber jeden Abend wieder in das Klassenzimmer zieht, ist die Freude darauf, die Klassenkameraden zu treffen. Da sind Freundschaften entstanden. Denn alle teilen die Erfahrung, dass sie im Beruf wenig oder gar keine Unterstützung für dieses Vorhaben bekommen. Auch ihre Freunde sagen: „Jetzt musst du wieder abends in die Schule gehen, komm’ doch lieber mit uns ins Kino.“ Nur an der Schule fühlen sie sich verstanden. Schule ist immer ein Gemeinschaftserlebnis. Um zu verstehen, wie Schule gelingen kann, darf man nicht nur fragen, was Bildung nützt und wie noch mehr Schüler Abitur machen können. Das wäre auch eine ganz furchtbare Verarmung von Schulbildung.

Was Ihr Besuch des Abendgymnasium auch zeigt: Es gibt offensichtlich ganz unterschiedliche Lebensläufe und Bildungsbiographien. Manche brauchen einfach länger, um herauszufinden, was sie gerne lernen wollen und worauf sie beruflich Lust haben.

Man glaubt heute, man müsste die jungen Leute immer noch jünger auf den Arbeitsmarkt loslassen. Wir haben mittlerweile immer mehr Studierende an den Universitäten, die minderjährig sind. Ich halte das im Grunde genommen für einen großen Quatsch. Ich komme aus einer Generation, die im Vergleich zu den heute Studierenden einen viel geringeren Druck hatte. Das Privileg, sich Zeit zu nehmen und Dinge gründlich zu studieren, gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften, schätze ich im Nachhinein als ungeheuer wichtig ein. Aber die Zeiten haben sich eben geändert. Und heute herrscht ein gar nicht mehr nachvollziehbarer Konkurrenzkampf und Leistungsdruck bereits in den Schulen.

Sie arbeiten ja selber für eine überregionale Zeitung – was ist Ihnen wichtig, was würden Sie sich künftig noch stärker im Wissenschaftsjournalismus wünschen?

Zunächst einmal ist Hochschuljournalismus Journalismus über den Betrieb, die Institution. Man muss Skandale aufdecken; man muss beobachten, wie sich das Verhältnis von privater und öffentlicher Finanzierung von Wissenschaft verhält und zu Fragen der universitären Selbstverwaltungen recherchieren. Das ist im engeren Sinne nicht nur Wissenschaftsjournalismus, sondern auch Politikjournalismus. Dann haben wir aber noch den Wissenschaftsjournalismus selbst, der mehr die inhaltliche Seite betrachtet. Und ich glaube, dass es da, wenn ich jetzt mal von den Geistes- und Sozialwissenschaften sprechen darf, natürlich immer auch darum geht, auf die Bedeutung von geisteswissenschaftlicher Forschung und deren Nützlichkeit hinzuweisen. Man muss sich als Wissenschaftsjournalist aber auch trauen zu fragen, warum etwas Bestimmtes erforscht wird, etwas Anderes dagegen nicht. Und auch die Frage stellen: Was bringt das überhaupt? Wissenschaftsjournalisten sind ja oft auch Wissenschaftler oder auch Ex-Wissenschaftler und können durchaus auf Augenhöhe mitreden. Das erfordert natürlich viel intensive Lektüre und ständige Beobachtung der Forschung. Und daher hoffe ich, dass Wissenschaftsjournalismus weiterhin in Tageszeitungen, im Radio und im Fernsehen gut bezahlt wird. Das ist keine Sache, die man mal so nebenher machen kann.

Das Interview führte Dirk Frank

Der Goethe-Medienpreis 2014

Die Gewinner des Goethe-Medienpreises für wissenschafts- und hochschulpolitischen Journalismus von FAZIT-Stiftung und Goethe-Universität wurden am 23. Februar im Rahmen einer Festveranstaltung ausgezeichnet. Dem Journalisten Dr. Gerald Wagner von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde für seinen Beitrag „An der Abendschule sagt keiner ,Fack Ju Göhte‘“ – Aufstieg durch Bildung?…“ er mit 4.000 Euro dotierte 1. Preis zuerkannt.

Der mit 1.800 Euro dotierte 2. Preis ging an Florian Felix Weyh (Deutschlandradio Kultur) für sein Feature „Der eine macht, der andere wacht – Peer Review als Qualitätssicherungsverfahren in der Wissenschaft“. Bernd Kramer erhielt für seinen Beitrag „Wahrheiten wie bestellt“ aus der Deutschen Universitätszeitung den mit 1.200 Euro dotierten 3. Preis. Der undotierte Anerkennungspreis ging an das studentische Radio Mephisto 97,6 aus Leipzig. Der Goethe-Medienpreis ist der einzige Preis seiner Art im deutschsprachigen Raum. Die nächste Ausschreibungsrunde startet im April 2016.
www.goethe-medienpreis.uni-frankfurt.de