Drogenforscher Dr. Bernd Werse über die Hoffnung, dass eine neue Regierung eine liberalere Drogenpolitik umsetzen könnte.

Herr Werse, man liest an vielen Stellen, dass in der Ampel-Koalition hinsichtlich der Legalisierung von Cannabis eine große Einigkeit herrsche. Wie schätzen Sie das ein?

Bernd Werse: Ja, die Befürworter einer Legalisierung von Cannabis sind gerade recht euphorisch. Es ist ja zum ersten Mal so, dass aller Wahrscheinlichkeit nach zwei Parteien, die bei der Bundestagswahl gut abgeschnitten haben und ganz klar in Richtung einer Legalisierung tendieren, Teil einer Dreierregierung werden. Auch die SPD hat sich mittlerweile etwas bewegt, auch wenn man dort noch etwas verhalten von „Modellprojekten“ spricht. Es gibt aber auch noch andere Stimmen in der SPD: Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher hat sich kürzlich noch dagegen ausgesprochen. Karl Lauterbach wiederum hat sich gerade erst dafür ausgesprochen, allerdings mit merkwürdigen Argumenten. Man muss natürlich erst einmal abwarten, was aus dieser Aufbruchsstimmung entsteht. In Hessen beispielsweise wartet das Projekt „Drug-Checking“ immer noch auf seine Umsetzung. Ich hoffe wirklich, dass es in Deutschland eine Legalisierung in der Weise gibt, dass man Cannabis regulär in einem Laden kaufen kann. Es könnte aber auch so etwas Halbherziges wie in Luxemburg dabei entstehen: Dort hatte man bereits vor einigen Jahren eigentlich eine Legalisierung beschlossen. Das Ergebnis ist jetzt: Man darf zuhause für den Eigenbedarf einige Pflanzen anbauen, der Besitz von geringen Mengen Cannabis ist aber immer noch eine Ordnungswidrigkeit, die mit einer Geldbuße belegt ist.

Als Gegenargument wird unter anderem angeführt, dass eine Legalisierung eine gewisse Signalwirkung habe und gerade Jugendliche dazu verleite, Cannabis zu konsumieren. Werden die Zahlen auch bei uns explodieren?

Es hat sich bislang in keinem der Länder, in denen Cannabis legalisiert wurde, gezeigt, dass die Zahlen bei Jugendlichen explodiert wären. In Kanada beispielsweise gab es nur einen leichten Anstieg, allerdings in der Phase der Corona-Krise. In einigen US-Bundesstaaten gab es nach der Legalisierung sogar Rückgänge in dieser Altersgruppe. Die These stimmt also nicht.

Wie schätzen Sie die Aussage eines Psychotherapeuten in der ZEIT ein, dass Cannabis für die Entstehung von Psychosen verantwortlich sei – das sei „wie russisches Roulette“, wird er zitiert.

Die Gefahren sind kein Spezifikum von Cannabis, sondern können auch bei anderen Drogen auftreten. Wenn man regelmäßig Alkohol konsumiert, setzt man sich auch einer gewissen Gefahr aus, dass es zu einer Psychose kommt. Es geht dabei immer um das auslösende Moment, nicht darum, dass eine Droge quasi aus dem luftleeren Raum eine solche Erkrankung produziert. Die vorliegenden Studien zeigen, dass es bei Menschen, die ohnehin eine Neigung haben, eine solche psychische Erkrankung zu bekommen, durch Drogenkonsum ausgelöst werden kann. Dieser Zusammenhang ist gegeben, die Wahrscheinlichkeit ist aber sehr gering. Das Entscheidende beim Thema Cannabis ist aber: Das Risiko ist vorhanden, wenn Cannabis legal ist und ebenso, wenn es illegal ist. Wenn ich vor Jugendlichen spreche, betone ich immer: Wenn man merkt, dass einem der Cannabis- Konsum nicht guttut, dass man paranoide Gedanken entwickelt und schlecht draufkommt, während es den Freunden gut geht, sollte man dringend den Konsum einstellen. In einer legalen Umgebung könnte man viel offener über solche Dinge diskutieren.

Manche Mediziner verweisen auch darauf, dass bei jungen Menschen Cannabis-Konsum Hirnschädigungen nach sich ziehen könne. Müsste man also mit einer höheren Altersgrenze gegensteuern?

Die Altersgrenze, die meistens im Gespräch ist, liegt bei 18, so wie bei den meisten anderen Aspekten des Erwachsenwerdens, was ich für sehr sinnvoll halte. Ich weiß, dass es diese Diskussionen gibt, in denen betont wird, dass das Gehirn erst mit Mitte 20 vollständig ausgereift sei. Höhere Altersgrenzen hielte ich aber für übertrieben. Man würde damit einen großen illegalen Markt bei jungen Erwachsenen schaffen, denn die meisten Konsumenten fangen eben nicht mit Mitte 20 an. Studien zur Gehirnentwicklung zeigen, dass ein hoher Konsum im frühen Jugendalter die Entwicklung des Hirns massiv stören kann. Hingegen ist dieses Risiko zu einem späteren Zeitpunkt, selbst wenn die Gehirnentwicklung noch nicht abgeschlossen ist, kaum gegeben. Und wenn man wenig konsumiert, ist das Risiko gar nicht vorhanden. Insofern muss man die Gefahren realistisch sehen; zudem müsste man mit dem Argument auch den Alkoholkonsum erst später zulassen. Es erschließt sich mir ohnehin nicht, warum man Bier und Wein schon ab 16 konsumieren darf, auch wenn hier ein übermäßiger Konsum ebenso zu den bekannten Folgen führen kann wie bei Schnaps.

Ein Land wie die Niederlande, lange Zeit großer Vorreiter, hat gerade mit kriminellen Banden große Probleme. Wo liegen die Gründe dafür, was ist da schiefgelaufen?

Das Grundproblem liegt darin, dass man Cannabis dort nie wirklich legalisiert hat. Anbau und Import sind komplett illegal und liegen daher in den Händen von Leuten, die im besten Fall enthusiastische Cannabis-Anbauer sind, die den Leuten was Gutes liefern wollen. Im schlimmsten Fall sind es aber skrupellose Kriminelle. Der ganze Markt ist überhaupt nicht reguliert. Das Einzige, was in den Niederlanden zwar nicht erlaubt, aber toleriert wird, ist die Abgabe von geringen Mengen an den Endkunden in den Coffeeshops. Das ist für die Konsumenten ein ziemlich großer Vorteil, denn die Kriminalisierung und der Kauf auf dem Schwarzmarkt entfallen. Aber das Produkt und die Prozesse, die dahinführen, liegen weitgehend in den Händen Krimineller. Als man vor einigen Jahren versuchte, mit Wärmebildkameras die Cannabis-Anbauer zu verfolgen, hat das die Situation eher noch verschlimmert, die Geschäfte haben sich noch mehr ins Kriminelle verlagert. Also handelt es sich insgesamt um ein hausgemachtes Problem. Wenn man die Produktion in legale Bahnen lenken würde, hätte man auch nicht mehr das Problem, dass derjenige, der im Gewächshaus Cannabis anbaut, nebenbei auch noch Ecstasy produziert.

Eine bloße Entkriminalisierung bringt also nichts. Was wären die Alternativen, wie müssten Vertrieb und Verkauf geregelt sein?

Das sieht man am deutlichsten in Uruguay: Dort hat schon vor einigen Jahren Cannabis legalisiert. Es hat zwar einige Zeit gedauert, bis die Versorgung gesichert war. Man hat unter strenger staatlicher Kontrolle den Verkauf in Apotheken zugelassen. Nun mag man darüber streiten, ob dass der optimalste Verkaufsort für ein Genussmittel wie Cannabis ist. Es läuft insgesamt aber einigermaßen reibungslos in Uruguay; man kann darüber hinaus auch Cannabis selbst anbauen oder einem sogenannten „Cannabis Social Club“ beitreten zum gemeinsamen Anbau. In Uruguay bietet man in den staatlichen Ausgabestellen niedrige Preise an, die jene auf dem Schwarzmarkt noch unterbieten. In Kanada hingegen konnte man bereits vor der offiziellen Legalisierung in vielen Läden Cannabis kaufen, da hat der Staat nicht eingegriffen. Über viele Jahre ist eine große Industrie entstanden, die Cannabis zu niedrigen Preisen produzierte. Dort war es schwieriger, die Konsumenten zu motivieren, auf dem legalen Markt einzukaufen. Dies sollte hier in Deutschland im Falle einer Legalisierung kein Problem sein, zumal wir auf dem Drogenmarkt wesentlich höhere Preise haben.

Bei einer Legalisierung werden konservative Kreise wahrscheinlich heftig dagegen wettern …

Das passiert ja jetzt schon in großem Stil! Ich wundere mich auch darüber, weshalb gerade so viele Leute zum Thema befragt werden, die dafür nicht qualifiziert sind, etwa Vertreter*innen der Polizeigewerkschaften. Das liegt vermutlich daran, dass man in der Wissenschaft kaum noch jemanden findet, der den repressiven Status Quo verteidigt.

Gibt es denn auch noch weitere Bestrebungen, Drogen wie LSD oder Ecstasy zu legalisieren?

Aus meiner Sicht wäre das durchaus sinnvoll. Gerade bei Drogen, die zwar auch ihre speziellen Gefahren haben, die aber im Hinblick auf eine Abhängigkeit eher unproblematisch sind, wie z. B. Psychedelika oder Ecstasy. Ich glaube aber nicht, dass das so schnell passieren wird. Es wäre jetzt schon ein großer Schritt, von der kompletten Kriminalisierung von Cannabis auf einen legalen Markt umzuschwenken. Das andere würde noch viele Jahre dauern. Andererseits muss man sehen, dass z.B. Kalifornien gerade eine Entkriminalisierung für solche Drogen angeht, in Oregon hatte man die Entkriminalisierung für alle Drogenkonsumenten bereits letztes Jahr beschlossen – eine Maßnahme, mit der man in Portugal schon seit 20 Jahren gute Erfahrungen gemacht hat.

An welcher Stelle müsste die Politik in Deutschland besonders aufpassen, um Fehler zu vermeiden?

Was man in Kanada und den USA gesehen hat: Wenn man auf eine komplette Kommerzialisierung setzt und alle möglichen Produkte verkauft werden können, die mit Cannabis zu tun haben – von hochprozentigen Konzentraten bis hin zu Schokolade und Gummibärchen -, mit Werbung und Mengenrabatten, dann steigt der Konsum auch stark an. In Ländern bzw. Provinzen, in denen stark reglementiert, Werbeverbote verhängt und auf eine begrenzte Abgabe an wenigen Verkaufsstellen gesetzt wurde, ist es nicht zu einem merklichen Anstieg gekommen. Süßigkeiten mit THC versetzt braucht man nicht im Handel, man muss es den Leuten auch nicht zu leicht machen. Wir brauchen kein Cannabis-Wunderland. Die Regelungen, die man in den USA geschaffen hat, sind ohnehin etwas schizophren. Einerseits setzt man auf Kommerzialisierung, andererseits ist der Konsum nirgendwo in der Öffentlichkeit gestattet, nur zuhause oder in irgendwelchen gesonderten Räumen. Ich bin der Meinung, dass man auch in bestimmten Bereichen der Öffentlichkeit rauchen sollen dürfte. So gesehen sind Coffeeshops ein gutes Konzept, ermöglichen sie doch einen gemeinsamen Konsum und damit eine Art von sozialer Kontrolle.

Fragen: Dirk Frank

Weitere Informationen auf der Website des Centre for Drug Research an der Goethe-Universität