Ringvorlesung zu »Contemporary Approaches to Feminist Philosophy«.

Dr. Kristina Lepold und Dr. Marina Martinez Mateo organisieren die Vorlesungsreihe des Instituts für Philosophie in Kooperation mit dem Cornelia Goethe Centrum und dem Exzellenzcluster Normative Ordnungen. Der UniReport hat den beiden einige Fragen dazu gestellt.

UniReport: Frau Lepold, Frau Martinez Mateo, etwas Grundsätzliches zur Ringvorlesung: Gibt es einen »roten Faden« bei der Auswahl der Vorträge?

Wir haben bei der Konzeption der Ringvorlesung und bei der Auswahl der Vortragenden verschiedene Ziele verfolgt. Zunächst wollten wir zeigen, dass die feministische Philosophie mitten im Zentrum der Philosophie steht und nicht als Randgebiet angesehen werden sollte. Deshalb haben wir die Vorlesung entlang der drei philosophischen Kernbereiche „Ontologie“, „Epistemologie“ und „Ethik/Politik“ sortiert. Zudem wollten wir die Bandbreite der Ansätze sichtbar machen und haben deshalb zu jedem dieser Themen zwei Vertreter*innen mit möglichst unterschiedlichen Zugängen eingeladen: Während etwa Charlotte Witt eine große Rolle in aktuellen Diskussionen der angelsächsischen analytischen Philosophie spielt, lässt sich z. B. Patricia Purtschert der kontinentalen Tradition kritischer Theorie zuordnen. Diese verschiedenen philosophischen Traditionen kommen nur selten ins Gespräch. Dem wollten wir mit der Auswahl der Vortragenden entgegenwirken. Darüber hinaus wollten wir mit der Ringvorlesung die wichtigsten aktuellen Diskussionsstränge vorstellen.

Was sind die wichtigsten Diskussionsstränge?

Wichtige Themen sind etwa die Frage nach dem ontologischen Status von Geschlecht (wie kann die soziale Wirklichkeit der Kategorie Geschlecht beschrieben werden?); Diskussionen um epistemische Ungerechtigkeit (inwiefern äußern sich Diskriminierungen in bestimmten Wahrnehmungs- und Wissensformen?) oder auch Diskussionen um eine feministische Ethik sowie um die Notwendigkeit und die Möglichkeiten einer Dekolonialisierung von „gender“.

Wie kann man sich das Verhältnis von Feminist Philosophy und Gender Studies vorstellen: Ist es ein komplementäres, wo liegen die Unterschiede?

Wenn man unter Gender Studies eher sozialwissenschaftliche Ansätze versteht, kann man die feministische Philosophie wohl tatsächlich als eine Ergänzung sehen. Entscheidend ist, dass es dabei um eine Auseinandersetzung mit Geschlecht mit den Mitteln der Philosophie und mit Blick auf die Philosophie geht. Einerseits soll also der spezielle Beitrag der Philosophie für die Bearbeitung der Fragestellungen der Gender Studies herausgestellt werden, andererseits soll aus der Perspektive von Geschlecht eine kritische Perspektive auf die Philosophie überhaupt gewonnen werden.

Was ist der Stellenwert der feministischen Philosophie in der derzeitigen akademischen Philosophie (überhaupt und in Deutschland)? Ist das Ziel, die feministische Philosophie als eine feste Teildisziplin zu etablieren, oder geht es vielmehr darum, das ganze Fach Philosophie neu im Sinne des Feminismus zu denken?

Das eigentliche Ziel sollte sicherlich sein, die Philosophie ausgehend vom Feminismus neu zu denken. Das wollten wir durch die Strukturierung der Ringvorlesung in die oben genannten drei Themengebiete gerade zeigen: dass die feministische Philosophie innerhalb der Kernbereiche der Philosophie verortet werden sollte. Dennoch könnte es zunächst ein plausibles Ziel sein, sie als eigenständigen Teilbereich zu etablieren, indem z. B. Professuren geschaffen werden, die dezidiert für feministische Philosophie denominiert sind. So könnte man an den Philosophieinstituten erstmal begreiflich machen, dass feministische Philosophie wirklich im vollen Sinn Philosophie ist. In anderen Ländern, insbesondere in den USA, findet sich diese institutionelle Verankerung bereits viel mehr, so dass dort auch die feministische Philosophie überhaupt viel präsenter ist. In Deutschland ist hingegen noch einiges zu tun.

Wie schätzen Sie die Situation von Frauen in der Philosophie ein, gibt es Unterschiede zu anderen geisteswissenschaftlichen Fächern wie Soziologie oder Politologie, ist die Philosophie immer noch »männlich« geprägt?

Ja, das kann man wohl sagen. Besonders in Deutschland ist die Lage verheerend und auch in Frankfurt ist dies zu sehen: Dass es an einem der bedeutendsten Philosophieinstitute Deutschlands bald gar keine Professorin mehr gibt, ist eigentlich ein Skandal (sollte es zumindest sein). Ob und inwiefern diese Situation direkt mit der Disziplin und der Tätigkeit der Philosophie zusammenhängt, ist selbst eine Frage, mit der sich die feministische Philosophie auseinandersetzt. Sicherlich kann man etwa sagen, dass ein Kanon, der nahezu zu 100 Prozent aus Texten von Männern besteht, zu denen einige gehören, die nicht gerade besonders anerkennende Ansichten über die Vernunftbegabung von Frauen in ihre viel gepriesenen Theorien eingebaut haben, nicht gerade förderlich für die Beteiligung von Frauen ist. Da ist also einiges an Selbstkritik gefragt.

Die Fragen stellte Dirk Frank

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.19 des UniReport erschienen.