Was gefällt Menschen und warum? Ein Rätsel, über das die Philosophie schon seit Menschengedenken sinniert. In Frankfurt gibt es seit 2013 ein Max-Planck-Institut (MPI) für empirische Ästhetik, das die verschiedensten Disziplinen zusammenbringt, um diese und andere Fragen der Rezeptionsästhetik des menschlichen Geschmacks zu beantworten – zum Teil in enger Zusammenarbeit mit der Goethe-Universität.

Musik hören im Dienste der Wissenschaft – das ist offenbar für viele Zeitgenossen eine attraktive Vorstellung. Auch wenn der Verdienst mit 10 Euro pro Stunde eher überschaubar ist: Das Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik hat selten Schwierigkeiten, genügend Studienteilnehmer zu finden.

Welche Schlüsselerlebnisse machen Menschen für ihren Musikgeschmack verantwortlich? Welche Musik mögen sie überhaupt nicht und warum? Und warum macht Sport mit Musik mehr Spaß? Um diese Fragen geht es zum Beispiel Forschungsprojekten der Abteilung Musik, die – wie es sich für empirische Studien gehört – auf Mitwirkende angewiesen sind.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Das Max-Planck-Institut ist in drei Abteilungen gegliedert: Die Abteilung Sprache und Literatur leitet Prof. Winfried Menninghaus; er hat den Forschungsansatz der empirischen Ästhetik in die Literaturwissenschaft getragen. Direktor der Abteilung Neurowissenschaften ist Prof. David Poeppel. Und die Abteilung Musik führt Dr. Melanie Wald-Fuhrmann.

„Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ – diese Erkenntnis, die dem Griechen Thukydides (ca. 454 v. Chr. bis ca. 396 v. Chr.) zugeschrieben wird, könnte als Ausgangsthese der Forschung gelten, die am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik betrieben wird: „Schönheit ist keine Eigenschaft von Objekten. Uns geht es darum, welche Menschen auf welche Weise auf unterschiedliche ästhetische Reize reagieren“, erklärt Dr. Melanie Wald-Fuhrmann.

Welche Rolle spielen Geschlecht und Alter, Sozialisation und Bildungsgrad bei der ästhetischen Wahrnehmung und Bewertung? Psychologie, Soziologie, Poetik, Musikwissenschaft, Ethnologie, Neurowissenschaften: verschiedene Disziplinen befassen sich auf ihre Weise mit dieser Fragestellung. Ihre Ansätze zusammenzubringen und die Anstrengungen zu bündeln, das ist das Ziel des nunmehr vierten und jüngsten Max-Planck-Instituts in Frankfurt.

Um Grundlagenforschung geht es und nicht etwa darum, Handlungsanleitungen für Kunstschaffende oder Werbestrategen zu formulieren. 90 Mitarbeiter hat das Institut derzeit insgesamt, 20 davon sind in der Abteilung Musik tätig. „Wir haben Musikwissenschaftler aller Couleur, aber auch Psychologen, Neurowissenschaftlerinnen, Linguisten – und zwei Tonmeister“, sagt Wald-Fuhrmann, die zuvor Professorin für Musiksoziologie und historische Anthropologie der Musik an der Berliner Humboldt-Universität war.

Der Aufbau einer neuen Forschungseinrichtung hat die heute 36-Jährige nach Frankfurt gelockt, von Anfang an habe sie sich sehr wohlgefühlt. „Die Bedingungen hier sind ideal und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit ist groß“, lobt sie. Zum Beispiel auf Seiten der Goethe-Universität. Ein Kooperationsvertrag ist derzeit in Vorbereitung. Angedacht ist ein Austausch mit den Musikwissenschaftlern, Literaturwissenschaftlern, Ethnologen, Soziologen, Psychologen, Neurowissenschaftlern, Filmwissenschaftlern und den Kunsthistorikern.

Gemeinsame Projekte sind geplant, zum Beispiel in Zusammenhang mit einem LOEWE-Schwerpunkt. Die Abteilung Musik kooperiert bereits konkret mit der Goethe- Universität. Seit zwei Jahren gibt es ein trilaterales Kolloquium von MPI, Musikhochschule und Goethe-Uni. Vier- bis sechsmal pro Semester treffen sich Professoren, Studierende und Doktoranden zum fachlichen Austausch.

„Außerdem bereite ich mit Kollegen aus der Sinologie und Japanologie etwas zu ‚Klassik‘ als internationaler Denkform vor“, erklärt Wald-Fuhrmann, die vom Sommersemester an als Professorin an der Uni lehren wird. Schon jetzt beteiligt sich das MPI mit Lehrveranstaltungen und Forschungsseminaren am interdisziplinären Masterstudiengang Ästhetik.

Wann wird geklatscht?

Die Forschungsumgebung am MPI ist gut durchdacht und ausgestattet: Seit Oktober gibt es in den Räumlichkeiten am Grüneburgweg 14 ein eigenes Laboratorium für die Rezeptionsforschung. Das so genannte Art- Lab erlaubt, nicht nur die Wirkung von Musik auf den isolierten Einzelnen zu untersuchen, sondern auch ihre Wirkung in einer Live-Situation mit vielen Zuhörern. So wird in einem Projekt der Konzertforschung das Phänomen Applaus untersucht:

Wann entschließt sich der Einzelne zu klatschen? Welche Rolle spielt Applaus insbesondere im klassischen Konzert, da Emotionen ja nur sehr beschränkt geäußert werden können? An die 50 Plätze gibt es im ArtLab, einem Aufführungssaal mit variabler Raumakustik, einem Messsystem für physiologische Informationen und Selbstauskünfte sowie Kameras zur Beobachtung von Bühne und Publikumsbereich.

Es besteht sogar die Möglichkeit, mit Labor-Messgeräten im Publikum und auf der Bühne mittels Elektroenzephalografie (EEG) Hirnströme zu messen. Um verwertbare Erkenntnisse zu erzielen, müssen zunächst jedoch geeignete Methoden entwickelt bzw. bestehende Methoden verbessert werden. „Bisher hat man vor allem Erregungszustände gemessen, zum Beispiel anhand des Hautwiderstandes“, erklärt die Musikwissenschaftlerin.

Im ArtLab ist auch die Erfassung der Blickbewegungen möglich sowie von Mimik, Gestik und anderen Verhaltensparametern. Eine besonders feine Messung erlauben Elektroden, die an die Gesichtsmuskulatur angeschlossen sind. Ohne Selbstauskünfte der Studienteilnehmer geht es bislang allerdings nicht. „Wir werden nie zu einer endgültigen Aussage dazu kommen, wie Ästhetik funktioniert“, sagt Wald-Fuhrmann.

Daran könnten selbst ausgefeilte naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden nichts ändern – zu komplex sind die Mechanismen, die zum Beispiel bei persönlichen Antipathien gegen eine bestimmte Musikart eine Rolle spielen. Simple Erklärungsansätze wie der „mere-exposure- Effekt“, wonach der bloße mehrmalige Kontakt mit ein und demselben Objekt das Gefallen an ihm steigert, seien jedenfalls heute nicht mehr möglich.

Der Forschungsansatz des Frankfurter Instituts stößt Wald- Fuhrmann zufolge international jedoch auf große Aufmerksamkeit. „Das Interesse am Ästhetischen ist groß, es ist Teil unserer Identität“, erklärt Wald-Fuhrmann. Auch deshalb habe man selten Probleme, genügend Studienteilnehmer zu finden.