Abdullah Jouma

Das Tandemprojekt »MILELE – miteinander lehren lernen« ermöglicht Lehramtstudierenden der Goethe-Universität und geflüchteten Lehrkräften praxisnahe Erfahrung an Schulen

Praxiserfahrung hat Abdullah Jouma eigentlich genug. Schließlich hat er in seiner Heimat Syrien bereits zwei Jahre lang als Lehrer gearbeitet. Aber an einer Schule in Deutschland lehren? Das ist etwas ganz anderes. Abdullah (27) lacht, wenn er an seine ersten Eindrücke an der Karmeliter-Grundschule im Frankfurter Bahnhofsviertel denkt, an der er ein halbes Jahr lang hospitiert hat.

„Da ist alles viel durchgeplanter als an syrischen Schulen“, sagt er. „Der Lehrplan, das pädagogische Konzept, aber auch, wie Lehrer und Schüler miteinander umgehen. Besonders interessant fand ich, wie viele Sozialassistenten im Einsatz sind – das kenne ich aus Syrien nicht.“ Trotz der Unterschiede im Schulalltag fand Abdullah schnell seinen Platz im Klassengefüge der vierten Klasse, bei der er einmal pro Woche hospitierte.

„Es gab dort zwei Kinder aus Syrien, die kaum deutsch sprachen“, erzählt er. „Für sie war ich so etwas wie ein Engel: endlich einer, der sie verstehen konnte. Ich half ihnen bei den Hausaufgaben und unterstützte die Lehrerin auch bei den Gesprächen mit den Eltern dieser Kinder.“ Abdullah Jouma ist einer der Lehrkräfte, die an der ersten Runde des Programms MILELE – miteinander lehren lernen teilgenommen haben. Das Programm ist ein Angebot von Starker Start ins Studium und bringt Lehrkräfte mit Flucht- oder Migrationshintergrund zusammen mit Lehramtsstudierenden der Goethe-Universität, die gemeinsam an kooperierenden Schulen den Schulalltag zwei Semester lang unterstützen.

Abdullah, der in einer Grundschule seiner Heimatstadt Aleppo als Sportlehrer tätig war und seit vier Jahren in Deutschland ist, hat bereits an einen Sprachkurs im Academic Welcome Programm (AWP) der Goethe Universität teilgenommen. Ein Bekannter machte ihn daraufhin auf das Programm MILELE aufmerksam. Die Möglichkeit, im Rahmen des Programms einen Einblick in das deutsche Schulsystem zu gewinnen und endlich wieder mit Schülern zu arbeiten, gefiel ihm sofort. Neben der Arbeit in der Klasse bietet das Programm die Möglichkeit, an einem wöchentlichen Sprachkurs und an weiterqualifizierenden Pro-L-Kursen teilzunehmen, um die pädagogischen Kenntnisse zu vertiefen.

Teilnehmende können zudem während der gesamten Projektlaufzeit Deutschkurse und Fortbildungen an der Goethe-Universität wie auch das Seminarprogramm von academic experience Worldwide besuchen. „Mit MILELE bieten wir nicht nur geflüchteten und migrierten Lehrkräften die Möglichkeit, im deutschen Berufsalltag anzukommen, sondern ermöglichen auch Studierenden in der 1. Phase der Lehrerausbildung, die gelernte Unterrichtmethodik zwei Semester lang effektiv und praxisnah umzusetzen“, sagt Martina Ripplinger, die das Projekt betreut. Die Lehramtsstudierenden belegen begleitend zur Hospitation ein ins Studium integriertes Seminar zur Reflexion ihrer schulischen Erfahrungen.

Im Austausch mit den geflüchteten oder migrierten Lehrkräften profitieren die Studierenden von der Berufserfahrung der ausgebildeten Lehrkräfte, diese wiederum von dem Einblick in das Schul- und Bildungssystem in Deutschland. Ziel dieses Projektes ist es, zivilgesellschaftliche Verantwortung zu fördern, Menschen egal welcher Herkunft gleiche Bildungschancen zu ermöglichen und für zivilgesellschaftliche Themen zu sensibilisieren. Partner des Projekts sind die Stiftung Polytechnische Gesellschaft, die Volkshochschule Frankfurt sowie das Dezernat für Integration und Bildung der Stadt Frankfurt.

Ab Wintersemester 2019 geht das Projekt in die zweite Runde.
Ansprechpartnerin für Interessierte ist Martina Ripplinger: m.ripplinger@em.unifrankfurt.de

Melanie Gärtner

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 5.19 des UniReport erschienen.