Eveline Lemke ist Grünen-Politikerin, frühere Wirtschaftsministerin des Landes Rheinland-Pfalz und frischgebackene Präsidentin der Karlshochschule in Karlsruhe. Sie gehört zu den Fellows der ersten Runde des »Mercator Science-Policy Fellowship-Programms«, das 2016 gestartet ist und Politiker aus unterschiedlichen Ressorts mit Wissenschaftlern der Rhein-Main-Universitäten zusammenbringen möchte. Der UniReport hatte die Gelegenheit, Lemke bei ihren Gesprächen mit zwei Wissenschaftlern der Goethe-Universität zu begleiten. Thema der lebendigen Gespräche waren unter anderem das Erstarken des Rechtspopulismus und neue soziale Bewegungen.

Ein vollgepacktes Programm mit Gesprächen und Themen wartet an diesem Dienstag im April auf Eveline Lemke: Die agile Politikerin und Wissenschaftsmanagerin ist mit vielen aktuellen Fragen und Themen, die sie diskutieren möchte, auf den Campus Westend gekommen, da gilt es, keine Zeit zu verlieren. Kaum hat Eveline Lemke das Büro des Neuzeithistorikers Prof. Christoph Cornelißen im IG-Farben-Haus betreten, schon kommt sie auf ein hochaktuelles Thema zu sprechen:

Eveline Lemke im Gespräch mit Prof. Christoph Cornelißen; Fotos: Dirk Frank

Vor dem Hintergrund einer unruhigen politischen Großwetterlage, in der Rechtspopulisten und Demokratiefeinde sich Gehör und Einfluss verschaffen, ist ein „Kampf um die Wahrheit“ entbrannt; Lemke möchte einer schleichenden Entpolitisierung der Gesellschaft entgegenwirken, sieht auch die Wissenschaft in der Pflicht, sich politisch zu positionieren.

„Was können wir aus der Geschichte lernen, beispielsweise von jenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich in der Zeit des Nationalsozialismus gewehrt und gegenseitig unterstützt haben?“, fragt Lemke daher den Historiker, der sich schwerpunktmäßig mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts beschäftigt.

Aus der Geschichte lernen?

Cornelißen zögert etwas mit seiner Antwort: Geschichte sei kein Besteckkasten aus Lehren und Regeln, den man politisch und gesellschaftlich direkt nutzen könne, um die Fehler der Vorgängergenerationen zu vermeiden, gibt der Historiker zu bedenken. Cornelißen stimmt Lemke darin zu, dass die Wissenschaften nicht im Elfenbeinturm verharren, sondern sich in öffentliche Debatten einmischen sollten.

„Ohne die Wissenschaft geht ein Rationalitätsanker moderner Gesellschaften verloren. Die Selbstbehauptung der Wissenschaft ist in der jetzigen Lage schon ein Erfordernis“, stellt Cornelißen fest. Meinungsfreiheit ist für den Historiker ein hohes Gut: „Im Seminar und in der Vorlesung sollte im Prinzip auch jeder so reden können, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, sofern er nicht andere verunglimpft und Hassreden führt.“

Cornelißen betont, dass der Hochschullehrende seinen Studierenden keine Meinungen vorzusetzen, sondern unterschiedliche akademische Gesprächs- und Austauschformen zu vermitteln habe. Faktizität habe nicht nur etwas mit Fakten, sondern mit einem rationalen Diskursverhalten zu tun. Eveline Lemke macht sich Sorgen, ob und wie mit Menschen außerhalb der akademischen Welt, die Fakten leugnen oder verharmlosen, diskutiert werden kann.

„Mit AfD-Anhängern über historische Sachverhalte zu diskutieren ist sehr schwierig, denn sie pflegen eine bestimmte Überzeugung von historischen Abläufen, die diskursiv kaum zu korrigieren ist“, gibt Cornelißen zu bedenken. „Wie kann man aber Jugendliche, die sich als abgehängt und chancenlos sehen, davor bewahren, nach rechts abzudriften?“, möchte Eveline Lemke gerne wissen. Der Historiker kommt an dieser Stelle auf den schulischen Geschichtsunterricht zu sprechen:

Wenn sich Schülerinnen und Schüler unter entsprechender fachlicher Anleitung mit der Nationalsozialismus und dem Holocaust beschäftigten, könne die Gesellschaft der Konjunktur rechter Gedanken sicherlich frühzeitig entgegenarbeiten. Ein moderner Geschichtsunterricht könne natürlich nie der alleinige Garant für das Heran- wachsen von demokratisch gesinnten Staatsbürgern sein, dafür gebe es mittlerweile zu viele andere Sozialisationsinstanzen.

Cornelißen kommt in diesem Zusammengang auch auf die wachsende Gruppe von Jugendlichen mit einer Migrationsgeschichte zu sprechen. „Wenn diese Jugendlichen zum Beispiel mit der Geschichte des Dritten Reiches konfrontiert werden, kann die Lehrkraft nicht automatisch ein instinktives familiengeprägtes Interesse an dieser Zeit wie bei deutschen Schülern voraussetzen“, erläutert Cornelißen. Hier bedürfe es einer anderen Didaktik, die interdisziplinär und mit einer Sensibilität für interkulturelle Differenzen bei der Behandlung des Genozids auch einmal auf andere historische Beispiele rekurriert.

Engagieren sich junge Leute noch? Und wofür?

Der nächste Gesprächstermin führt Eveline Lemke vom IG-Farben- Haus zum PEG-Gebäude, dort trifft sie sich mit Dr. Eva Ottendörfer, Politikwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt internationale Institutionen und Friedensprozesse. Lemke interessiert, ob und warum sich junge Menschen heute für Politik engagieren; als Grünen-Politikerin ist sie sehr von der Friedensbewegung geprägt, vermisst aber deren Unterstützung bei Jüngeren.

Wie sieht die Politologin den Wandel in der politischen Partizipation? Ein starkes Engagement junger Leute sieht Eva Ottendörfer im Bereich der Menschenrechte, wovon beispielsweise die Organisation Amnesty International ganz entscheidend profitiere. „Die Friedensbewegung hingegen müsste sich einmal der Aufgabe stellen, sich wieder neu zu erfinden und mit einem frischeren Image wieder interessanter zu werden für die heutige junge Generation“, so Ottendörfer.

Eveline Lemke (r.) im Gespräch mit Dr. Eva Ottendörfer (l.); Foto: Dirk Frank

Wenn Organisationen die für junge Leute wichtigen Medien wie Film, Internet und Social Media bedienten, hätten sie gute Chancen, ihre Zielgruppe auch zu erreichen. Dies sei leider bei vielen rechten und fundamentalistisch- religiösen Gruppierungen zu beobachten, die oftmals erstaunlich professionell an ihrer Selbstdarstellung arbeiteten und sich als NGOs präsentierten. Eveline Lemke erinnert sich, wie die Grüne Bewegung es einst mal verstanden habe, junge Leute zu mobilisieren.

Eva Ottendörfer sieht die Grünen in einer schwierigen Position: Aus einer Partei, die einst auf die ökologische Krise mit einem gesellschaftlichen Gegenentwurf reagiert hat, sei eine geworden, die als etablierte politische Kraft selber mit Reaktionen zu kämpfen hat, diesmal aber aus dem illiberalen Lager. Otterndörfer weist aber darauf hin, dass auch heute noch von jungen Menschen durchaus liberale Positionen vertreten und verteidigt werden:

„Die proeuropäische Bewegung Pulse of Europe zeigt ja, dass nicht nur rechte Kräfte ihre Befürworter mobilisieren können.“ Eveline Lemke stellt abschließend die Frage: Wie könnte die Wissenschaft erforschen, an welchem Punkt demokratische Gesellschaften Gefahr laufen, sich selbst abzuschaffen? Gäbe es dafür auch empirische Verfahren, gesellschaftliche Konfliktsituationen zu entschärfen, damit es nicht zur Eskalation kommt?

Die Politologin sieht die Datenlage vorerst als Problem an; soziale Veränderungen ließen sich nicht analog zu den physikalischen Veränderungen erforschen, ein Rechtsruck sei schwieriger als der Klimawandel zu erfassen. Allerdings sieht sie beispielsweise in den Plänen für die Einrichtung einer Professur für quantitative Friedens- und Konfliktforschung einen Weg in diese Richtung. Ein erster Kontakt ist jedenfalls geknüpft, Eveline Lemke und Eva Ottendörfer gehen mit einem positiven Fazit aus dem Gespräch:

Beide können sich auf dem Forschungsfeld eine Kooperation zwischen der Karlshochschule International University und verschiedenen Institutionen der Goethe-Universität gut vorstellen. Eveline Lemke schaut auch deswegen sehr positiv auf ihre Gespräche an der Goethe-Universität zurück: „Die Begegnungen im Rahmen des Mercator Science-Policy Fellowship-Programms bringen uns voran. Sie ermöglichen es der Wissenschaft, die Perspektive der Politik zu verstehen und umgekehrt. Ich wünsche mir, dass das Programm fortgesetzt wird und sich noch viele unterschiedliche Teilnehmer gegenseitig bereichern können.“

RMU-Wissenschaftsabend

Am 2. Mai trafen sich knapp 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Rhein-Main-Universitäten (RMU) im Gästehaus der Goethe-Universität zum ersten RMU-Wissenschaftsabend. Der Abend stand unter dem Motto „Perspektivwechsel weiter denken“. Ausgerichtet wurde der Abend von der Geschäftsstelle des Mercator Science-Policy Fellowship-Programms. Der Anlass war der Beginn des Fellowship-Programms an den Rhein-Main-Universitäten, welches den Austausch zwischen Wissenschaft, öffentlichem Sektor, Zivilgesellschaft und Medien fördert.

Über 150 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der RMU hatten sich an dem Programm beteiligt. An Tischen zu den Themen Technologietransfer und Ausgründungen, Politikberatung, Öffentlichkeitsarbeit und Weiterbildung tauschten sich die Teilnehmer darüber aus, wie der Brückenschlag zur Gesellschaft noch weiter intensiviert werden könnte. Moderiert wurde der Abend von dem Vizepräsidenten der Goethe-Universität für Third Mission, Prof. Dr. Schubert-Zsilavecz (r.). Der Vizepräsident der Hochschule Geisenheim, Prof. Dr. Otmar Löhnertz, stellte sowohl seine Hochschule als auch die dort hergestellten Weine vor.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.