Frankfurt Menschen, die vor Folter und Krieg flüchten, leiden häufig unter den Folgen traumatischer Ereignisse, die sie im Heimatland oder auf der Flucht erlebt haben. Schätzungen aus einem deutschen Aufnahmelager lassen vermuten, dass etwa ein Drittel der neu angekommenen Geflüchteten an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leidet.1 Diese psychische Störung geht mit wiederkehrenden sehr belastenden Erinnerungen, Alpträumen, Schlafstörungen und Konzentrationsstörungen einher. Sprachliche Barrieren und andere Hürden im neuen Land erschweren, dass Geflüchtete mit einer PTBS psychotherapeutische Behandlung erhalten.

Im Rahmen eines von der Aventis Foundation geförderten Projektes möchten Psychotherapeuten der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Goethe-Universität dazu beitragen, die Versorgung Geflüchteter mit PTBS nachhaltig zu verbessern. In einem ersten Schritt werden zehn Psychotherapeuten in Frankfurt und Darmstadt darin geschult, in ihren Praxen Traumatherapien für geflüchtete Menschen durchzuführen. Sie erlernen eine weltweit sehr gut untersuchte Psychotherapie von Traumafolgestörungen. Die Betroffenen erhalten 12-16 Behandlungssitzungen. Es werden Doppelsitzungen angeboten, weil die meisten Therapien mit Hilfe eines Sprachmittlers durchgeführt werden müssen.

„Die Cognitive Processing Therapy ist durch ihre vergleichsweise kurze Dauer und hohe Wirksamkeit ein sehr geeignetes Verfahren“, erklärt Privatdozentin und Studienleiterin Regina Steil, die über langjährige Erfahrungen in der Behandlung traumatisierter Menschen verfügt. „Diese Therapie ist schonend: Sie kommt ohne eine lange Konfrontation mit den traumatischen Erinnerungen aus, die von den Patienten oft als sehr belastend erlebt wird.“, so Steil. In der Behandlung beschäftigen sich Therapeut und Patient gemeinsam mit belastenden Überzeugungen, die die Betroffenen in der Folge der traumatischen Ereignisse entwickelt haben. Therapieforscherin und Psychotherapeutin Dr. Meike Müller-Engelmann gibt ein Beispiel: „Viele Betroffene denken: „Ich bin schuld an dem, was mir passiert ist. Ich hätte an diesem Tag nicht an diesem Ort sein dürfen, ich hätte wissen müssen, was passiert. Solche Selbstvorwürfe verhindern langfristig, das Geschehene verarbeiten zu können.“ Therapeut und Patient stellen diese Überzeugungen gemeinsam auf den Prüfstand und der Therapeut unterstützt den Patienten dabei, hilfreichere Einstellungen zu entwickeln.

„Eine große Herausforderung wird es sein, unsere westlich geprägte Psychotherapie an die Bedürfnisse der Geflüchteten anzupassen“, erklärt Prof. Dr. Ulrich Stangier, Lehrstuhlinhaber für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Goethe-Universität. Stangier und sein Team arbeiten seit 2016 an Therapiekonzepten für geflüchtete Patienten. Bereits 120 Hilfesuchende sind in der Psychosozialen Beratungsstelle für Geflüchtete an der Goethe-Universität unterstützt worden, unter anderem mit Gruppentherapien und Einzelberatung. „Therapien lassen sich nicht einfach eins zu eins für Geflüchtete übernehmen. Wichtig ist ein kultursensibles Vorgehen“, so Stangier. „Zum Beispiel müssen wir Therapeuten den Geflüchteten mehr Raum für Ihre Alltagssorgen geben, etwa bei einem ungeklärten Aufenthaltsstatus oder falls die Familie im Kriegsgebiet gefährdet ist.“ Auch der Einsatz geschulter Dolmetscher in Farsi oder Arabisch ist Teil des Projekts.

Nora Görg, die Koordinatorin des Projekts, berichtet von einem großen Bedarf an Traumatherapien für Geflüchtete. „Wir haben schon jetzt Anfragen erhalten, noch vor dem offiziellen Start der Studie.“ Langfristig möchten die Frankfurter Forscher ein Netzwerk an Therapeuten im Rhein-Main-Gebiet aufbauen, die geflüchteten Menschen bei der Bewältigung einer PTBS helfen können.

Die Therapeutenschulungen und die Therapien sollen im April beginnen. Betroffene Geflüchtete aus dem Raum Frankfurt/Darmstadt sowie an einer Projektteilnahme interessierte Psychotherapeuten aus Darmstadt können sich bereits jetzt bei der Studienleitung melden: Dipl.-Psych. Nora Görg, Tel.: 069-79823844, Goerg@psych.uni-frankfurt.de