Der neue Frankfurter Poetikdozent Michael Kleeberg; Foto: Koethe

UniReport: Herr Kleeberg, mit „BESSEREM VERSTÄNDNISS. Ein Making-of“ sind Ihre Poetikvorlesungen überschrieben. Können Sie der geneigten Leserin, dem geneigten Leser einen Tipp geben, wie er diesen etwas kryptischen Titel verstehen und einordnen kann?

Michael Kleeberg: „Besserem Verständniss“ mit Doppel-S ist der Titel des erklärenden Prosaanhangs, den Goethe in der Erstausgabe von 1819 den Gedichten des „Westöstlichen Divans“ nachstellte. Mein aktuelles Schreibprojekt ist vom Divan inspiriert, die Vorlesungen versuchen, die Entstehung dieses Projekts zu begründen und zu erklären – daher der Titel.

Sie haben sich in Reden und Interviews wiederholt für eine ambitionierte Literatur ausgesprochen – eine, die der Nivellierung widersteht, die dezidiert innovativ und experimentierfreudig bleibt. Findet diese Literatur in der starken Medienkonkurrenz aber noch Leser?

Dazu ist dreierlei zu sagen. Erstens meine ich mit Obengesagtem nicht, dass der Autor solcher Bücher die Grundlagen vergessen solle, nämlich das Erzählen. Das muss er ohne Verachtung des Lesers so tun, dass das entsteht, was Thomas Mann einmal ‚Lesehingabe‘ genannt hat. Was nun die ‚Medienkonkurrenz‘ betrifft. Inhaltlich sehe ich da keine: Weder ein Kinofilm noch eine TV-Serie noch ein Videospiel noch ein Zeitungsartikel oder wissenschaftlicher Beitrag leistet, was die große Literatur leistet, nämlich uns unser Menschsein zu schildern und zu erklären. Von daher also kein Problem. Wenn Sie mit ‚Medienkonkurrenz‘ jedoch meinen, dass in unserer Epoche mehr und mehr Zeit, die früher einmal zum Lesen von Romanen genutzt wurde, von anderen Dingen (die weniger Konzentration verlangen) weggefressen wird, dann muss ich Ihnen recht geben, auch aus eigener peinlicher Erfahrung. Was bedeutet das, wenn weniger Leute Literatur lesen und wenn Literaturleser weniger Bücher lesen? Für den Antrieb des Autors erst mal nichts, denn der schreibt als Individuum für ein (lesendes) Individuum. Ganz gleich, ob es dieses nur einmal oder 100.000 Mal gibt. Für sein Überleben aber sehr wohl, und da wird vielleicht bei den Schriftstellern, die nicht versuchen, den Bestsellermarkt zu beliefern, in Zukunft wieder eine Entkoppelung stattfinden zwischen künstlerischer Produktion und Brotberuf. Der „freie Autor“ ist ja eine relativ junge Erfindung. Vielleicht werden Schriftsteller in Zukunft, um die Freiheit und Autonomie ihrer Kunst zu verteidigen, wieder darauf zurückkommen, ihr Geld auf andere Weise zu verdienen. Ob das eine gute oder schlechte Entwicklung wäre, ist nicht so leicht zu sagen.

Sie haben selber einige Zeit in Frankreich gelebt, Marcel Proust übersetzt: Kann in Zeiten, in denen auch in Frankreich Europa in Frage gestellt wird, die Literatur ihren Beitrag zum Erhalt der Gemeinschaft leisten, oder wäre das eine Überforderung?

Die Literatur hat keine Beiträge zu irgendwas zu leisten.

Gibt es aus der langen Reihe der Frankfurter Poetikvorlesungen eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller, deren/dessen Poetik Sie besonders beeinflusst hat?

Was ich von dem einen oder anderen dieser Schriftsteller gelesen habe, sind ausschließlich ihre literarischen, nicht ihre theoretischen Hervorbringungen. Und ich lese Lyrik und Romane auch nicht mit dem Obduktionsbesteck, sprich mit der Frage, welche Poetik hinter den einzelnen Texten stecken könnte. Aber meine Lehrmeister und Vorbilder finden sich nicht in dieser langen, ehrwürdigen Reihe.

Der Literaturnobelpreis wurde 2016 Jahr erstmals an einen Sänger und Musiker vergeben – eine Wahl, die Sie nachvollziehen oder gar begrüßen können?

Nein, finde ich schwachsinnig. Mal ganz davon abgesehen, dass ich Dylans Musik noch nie gut ertragen konnte, ist seine lyrische Qualität, verglichen mit den Meistern des Fachs – nun ja: überschaubar. Wenn man sich in Stockholm vor der Popkultur verneigen und einen Lyriker auszeichnen wollte, der Stadien füllt, hätte man vielleicht auch Mahmud Darwisch nehmen können. Oder dann gleich Steven King, Terry Pratchett oder Stan Lee.

Welchen Tipp würden Sie einem Leser geben, der Ihr Werk noch nicht kennt – welches Buch würde sich für eine Erstlektüre anbieten?

Das kommt auf den Leser an. Einem jungen Literaturanfänger würde ich, seinen kürzeren Atem einkalkulierend, zu den Erzählungen raten, ein erfahrener Leser kann eigentlich überall einsteigen, je nach thematischem Interesse.

In „Michael Kleeberg im Gespräch“ datieren Sie den Entschluss, Schriftsteller werden zu wollen, auf den Oktober 1976. Wie kommt es zu so einer genauen Datierung? Und können Sie kurz die Entstehungsgeschichte des Wunsches, Autor zu werden, erläutern?

Stimmt nicht ganz: Oktober 1976 habe ich meine erste Kurzgeschichte verfasst, Januar ’77, nach der vierten, habe ich den Entschluss gefasst, Schriftsteller werden zu wollen, weil der Zustand beim Schreiben (und davor und danach) mir zum einen der einzige schien, den ich mein ganzes Leben lang immer wiederspüren wollte, und weil mir zum anderen alle andere Arbeit (und Arbeit überhaupt) ein Horror war. Abtauchen, durch Tapetentüren in ein Paralleluniversum entfliehen, Zeit formen und bannen – das war in etwa der Reiz. Und natürlich die Hoffnung auf unsterblichen Ruhm, soweit er jemandem erreichbar ist, der nicht singen und Gitarre spielen kann und kein Naturwissenschafts-Ass ist.

Auf Ihrer Homepage sind Sie auf einem Foto bei einer Recherchereise im Juli 2008 zusammen mit einigen UNO-Soldaten im Südlibanon zu sehen. Inwiefern prägt diese Art von Reisen in krisengeschüttelte Regionen Ihr Schreiben? Und allgemeiner gefragt: Welchen Stellenwert haben Recherchereisen für die Entstehungsgeschichte Ihres Werks?

Um es mal kurz und böse zu formulieren: Alles, was sich außerhalb eines literaturtheoretischen Seminars und außerhalb der Institutionen für die Batteriehaltung von Künstlern abspielt, hat einen wichtigen Stellenwert für einen Schriftsteller: jeder ausgeübte Beruf oder Job, jedes Gespräch mit einem Nichtkünstler, jede akribisch verrichtete unkünstlerische Arbeit, jede tatsächliche Reise in die Fremde, die keine Pauschalreise ist, jeder Aufenthalt in der Fremde unter Fremden. Das ist das Allgemeine. Und was das jeweils konkrete Projekt angeht, sind Recherchen nicht nur persönlich bereichernd, sondern dienen auch der Qualität des zukünftigen Buches. Ob das Recherchen in Büchern und Bibliotheken sind, in Banken oder Krankenhäusern, in Betten oder Wohnküchen oder in ,krisengeschüttelten Regionen‘ hängt ganz davon ab, worüber man schreiben möchte.

Ohne Ihren Poetikvorlesungen schon zu sehr vorweggreifen zu wollen: Können Sie einige Ihrer prägendsten Lektüreerfahrungen unseren Lesern verraten?

In ungefährer chronologischer Reihenfolge, was die Prosa betrifft: Klassische und germanische Götter- und Heldensagen, Dschungelbuch, Jim Knopf, Spiderman, Hermann Hesse, Jack London, Ernest Hemingway, Jack Kerouac, Boris Vian, F. Scott Fitzgerald, Harold Brodkey, Leo Tolstoi, Thomas Mann, Heinrich von Kleist, Goethe, Giorgio Bassani, Golo Mann, René Girard, Albert Cohen, Alexandre Dumas, Marcel Proust, Claude Simon, Jean Giono, John Updike, Philip Roth, Heimito von Doderer. Habe garantiert ein paar vergessen …

[Fragen: Esther Delp/Dirk Frank]

Frankfurter Poetikvorlesung: Michael Kleeberg

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.