Kürzlich 80 geworden: Carlo Giersch, mit seiner Frau Karin. Foto: Dettmar

Das Stifterpaar Karin und Carlo Giersch fühlt sich der Wissenschaft und jungen Talenten verpflichtet.

Seit über zwei Jahrzehnten engagieren sich die Ehrensenatoren Karin und Carlo Giersch für die Goethe-Universität. Ihre 1994 gegründete Stiftung Giersch unterstützt Nachwuchsforscher, fördert Deutschlandstipendiaten, Stiftungsprofessuren und Bauvorhaben wie das FIAS regelmäßig mit Beträgen in Millionenhöhe. 2014 überließ die Stiftung auch das Museum Giersch am Schaumainkai der Universität. Wissenschaft, Kunst, Kultur und Kindermedizin: Karin und Carlo Giersch fühlen sich der bürgerlichen Stiftertradition und den jungen Talenten Frankfurts verpflichtet.

Ein Essen mit dem Bundespräsidenten

Das glänzende Messingschild hängt gleich neben der Tür zum Konferenzraum. „Regel 1: Wenn wir uns nicht um unsere Kunden kümmern, wird es jemand anderes tun“, steht auf Englisch darauf. Ein Motto, das nach amerikanischem Motivationsvorbild klingt und für den Geist steht, der in der Büroetage der neoklassizistischen Villa am Main herrscht. „Dranbleiben, nicht nachlassen“, ließe sich das frei übersetzen. Ein Leitsatz, nach dem Carlo Giersch nicht nur sein Unternehmen früher, sondern auch seine Stiftung heute leitet. „Es gibt Regeln, sonst funktioniert das Leben nicht“, sagt er.

Eine davon ist, auch mit 80 Jahren Leistung und Disziplin einzuhalten. Noch immer kommt er jeden Tag ins Büro und arbeitet – abgesehen von einer Mittagspause – bis zum Nachmittag oder Abend. Krawatte und Jackett sind stete Begleiter. Bis auf diesen Morgen, da ist alles ein wenig legerer. Am Vorabend ist es spät geworden – „ein Essen mit dem neuen Bundespräsidenten bei seinem Antrittsbesuch in Hessen“, sagt er entschuldigend.

Förderschwerpunkt im Rhein-Main-Gebiet

Die Adresse der Stiftung Giersch am Sachsenhäuser Mainufer wirkt mehr wie ein Wohntrakt, denn eine Büroetage. Landschaftsporträts zieren die gelb gestrichenen Wände, Perserteppiche liegen auf dem Boden und elegante Bronzeskulpturen lenken den Blick auf die hohen Fenster und den Kamin im Besprechungszimmer. Tobi, der Mischlingshund, begrüßt Gäste freundlich. „Wir haben ihn aus dem Tierheim“, erzählt Carlo Giersch und krault Tobi am Ohr.

„Meine Frau hat ein großes Herz.“ Das verwundert nicht, ein teurer Rassehund hätte zu dem Frankfurter Stifterpaar nicht gepasst. Carlo Giersch schaut genau hin, an wen seine Spenden gehen und zu welchem Zweck. Neulich hat er sich Karten drucken lassen: „Freundlich abschlagen ist besser als unwillig geben“. Der 80-Jährige redet nicht gerne drum herum. „Wir geben gern und machen viel, aber alles geht eben nicht.“ Vier bis fünf Anfragen erreichen die Stiftung täglich. Ein Kuratorium wählt die Projekte aus.

Der Fokus liegt auf dem Rhein-Main-Gebiet und auf den Bereichen Wissenschaft, Kunst, Kultur und Kinder- und Jugendmedizin. Die TU Darmstadt und die Goethe-Universität gehören zu den Schwerpunkten. Gefördert werden millionenschwere wissenschaftliche Institutsneubauten wie das FIAS auf dem Campus Riedberg, aber eben auch kleinere Hilfen wie die rund 3000 Teddybären, die auf allen Fahrten der Rettungsfahrzeuge zwischen Frankfurt, Darmstadt oder Groß Gerau im Einsatz sind, um verunglückte oder verletzte Kinder über den ersten Schock zu trösten.

Der Gesellschaft verpflichtet

Carlo Giersch ist ein Unternehmer des alten Schlages. Ein erfolgreicher Geschäftsmann, der sich seiner Stadt verpflichtet fühlt. Mit dem Handel mit Elektronikbauteilen verdienten seine Firmen europaweit Milliarden. Anfang der 1990er Jahre trat er kürzer, zog sich 2000 ganz aus dem Unternehmen zurück. Er hätte sein Vermögen einfach ausgeben können. „Doch zwei Tage Nizza für eine Party – das bin ich nicht.“

Eigene Kinder hat das Paar nicht, Nichten und Neffen wollte er sein Erbe nicht einfach so überlassen. Das Ehepaar Giersch wollte etwas bewegen und manchmal sind es die richtigen Anfragen zu richtigen Zeit, die etwas ins Rollen bringen. 1990 sprach ihn Helmut Böhme, Präsident der TU Darmstadt an. Er und Carlo Giersch kannten sich aus dem Lions-Club. Seit Mitte der 1980er Jahre unterstützten die Gierschs die Darmstädter Universität bereits mit einem Best Teaching Award für alle Fachbereiche.

Ob er nicht auch helfen könne beim Kauf eines Chalets in den französischen Hochalpen, fragte Böhme eines Tages. Gedacht sei das Haus für die Begegnung junger Wissenschaftler, für den internationalen akademischen und sportlichen Austausch der Darmstädter Universität. Eine Idee, die der Frankfurter Unternehmer aus Amerika kannte und schätzte.

Carlo Giersch half tatsächlich, kaufte das Alpenchalet und 1990 entstand daraus die erste Stiftung, die Stiftung Giersch an der TU Darmstadt, die heute mit einem Vermögen von zehn Millionen Euro Projekte und Mitglieder der TU unterstützt. Gefördert werden rund 10 Projekte pro Jahr, die Stiftung vergibt zudem Deutschlandstipendien, den Athene-Preis für gute Lehre, den E-Teaching Award und Franziska-Braun-Preis an junge Akademikerinnen der TU.

Eine Stiftung für Frankfurt und die Goethe-Universität

„Das war der Anstoß“, erinnert sich Carlo Giersch. 1994 folgte die zweite Stiftung für ihre Heimatstadt Frankfurt und die Goethe-Universität. „Wir brauchen kluge Köpfe in Deutschland“, begründet das Paar sein Engagement für die Wissenschaft. Mit rund 60 Millionen Euro Stiftungsvermögen ist die zweite Stiftung Giersch ausgestattet. 2002 schenkte sie der Universität eine Villa auf dem Lerchesberg als Gästehaus.

Von dem Stiftungsengagement profitieren aber auch junge Nachwuchstalente wie die 25 Deutschlandstipendiat(inn)en der Goethe-Universität. Das bundesweite Programm fördert begabte junge Studierende. Der Bund gibt 150 Euro monatlich, 150 Euro zahlen private Sponsoren wie die Stiftung Giersch. Dank der Förderung sollen sich die Stipendiaten ganz auf ihr Studium konzentrieren können, sagt Carlo Giersch.

Exzellente Forschung am Standort Frankfurt sichern

Zu einem der großen Fördervorhaben an der Goethe-Universität zählt das 2004 gegründete FIAS – das Frankfurt Institute for Advanced Studies –, für das die Stiftung Giersch 2007 ein Gebäude auf dem Campus Riedberg finanzierte. Das FIAS bündelt die Grundlagenforschung von über 200 Naturwissenschaftlern aus den Bereichen Physik, Mathematik, Hirnforschung, Life Science und Computerwissenschaften, die sich mit Aufbau und Funktion komplexer Systeme in der belebten und unbelebten Welt befassen.

Ein Beispiel ist die Weiterentwicklung der Schwerionentherapie zur Tumorbehandlung. „Uns geht es darum, international exzellente Forschung am Standort Frankfurt langfristig zu sichern“, sagt der Mäzen. Jährlich veranstaltet die Stiftung Symposien am FIAS, zu denen Nobelpreisträger als Gastredner geladen sind. Zum zehnjährigen Jubiläum des FIAS spendete die Stiftung erneut eine Million Euro für die Forschungsarbeit. 2014 kam in unmittelbarer Nachbarschaft zum FIAS das Giersch Science Center dazu, als Wissenschaftszentrum für mehr als 250 internationale und interdisziplinäre Forscherinnen und Forscher.

Dort integriert ist die Graduiertenschule Giersch für Doktoranden der Goethe-Uni, der TU Darmstadt, des FIAS und GSI Helmholtzzentrums für Schwerionenforschung. Drei Jahre werden die Doktoranden dort mit rund 1200 Euro im Monat unterstützt. Wer seine Dissertation abschließt und überaus gute Leistungen unter Beweis stellt, den oder die zeichnet die Stiftung zudem mit den Giersch Excellence-Awards aus. Das Giersch-PostDoc- Startup ist mit 6000 Euro dotiert, zudem gibt es den Giersch- Excellence-Grant für Nachwuchswissenschaftler, die sich in der Promotionsphase befinden.

Stiftungsprofessur

Das jüngste Kind ist die Stiftungsprofessur für Bioinformatik, die 2016 mit Professorin Franziska Matthäus am Fachbereich Biologie besetzt wurde. Sechs Jahre lang wird die Stiftung die Arbeit mit insgesamt 600.000 Euro fördern. Bei der Forschung geht es um die Entwicklung mathematischer Modelle und die Simulation biologischer Systeme. „So etwas brauchen wir heute“, findet Carlo Giersch.

Selbst nie studiert

Aus Dank haben die Universitäten dem Stifterehepaar die Ehrensenatorenwürde verliehen – Karin Giersch ist Ehrensenatorin der Goethe-Universität, Carlo Giersch Ehrensenator der TU Darmstadt und erhielt außerdem die Ehrenprofessorenwürde des Landes Hessen. Der Stifter, der den Universitäten und der Wissenschaft so verbunden ist, hat selbst nie studiert. „Die Zeiten waren anders“, sagt er.

Der Frankfurter wurde kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges geboren. Die Eltern besaßen eine Gärtnerei in Sachsenhausen und arbeiteten von morgens bis abends. „Als der Krieg vorbei war, war ich sieben und habe Speis von Backsteinen geklopft.“ Er machte mittlere Reife, zog mit 17 daheim aus. Carlo Giersch begann eine Lehre als Groß- und Einzelhandelskaufmann, arbeitet in einem Elektrogroßhandel.

1961 verwirklichte er seinen Traum, für den er jahrelang gespart hatte: Er wollte nach Amerika. Mit einem Besuchervisum kam er in New York an, suchte sich eine Arbeit bei der Firma Grayba. Die USA führten Krieg in Vietnam. „Jeder, der amerikanischen Boden betrat und mit Arbeit Geld verdiente, konnte eingezogen werden“, erinnert sich der Mäzen. Daher jobbte er als Freiwilliger, der nicht bezahlt wurde, und lebte vom Ersparten.

„Ich habe monatelang nur Brot, Salami und Käse gegessen und gehofft, dass mich einer zum Essen einlädt“, lacht er. 1962 ging er zurück nach Frankfurt, zu seiner Frau Karin, die er damals schon kannte. „Ich habe viel gelernt über den Handel und Vertrieb mit Elektrowaren.“ Das kam ihm zugute, als er sich 1967 selbstständig machte mit seinen Ideen aus den USA. Ganz klein mit acht Mitarbeitern fing er an, als eine von 500 Firmen in Deutschland. Schnell stieg er auf.

„Grund waren der richtige Zeitpunkt, Glück und 14 Stunden Arbeit am Tag“, sagt Carlo Giersch – und das richtige Gespür. So ließ er etwa in Venlo als Erster in Deutschland ein Zentrallager errichten. In den 1990er Jahren war sein Unternehmen, das mit Elektronik-Bauteilen handelte, die Nummer 5 in Deutschland, im Jahr 2000 die Nummer 1 in Europa. 28 Firmen gründete oder kaufte er. Der jährliche Umsatz lag bei über zwei Milliarden Euro.

Sinn und Identität stiften

Als Konzern hat er sich nie gesehen: „Ich war Mittelständler.“ Das Bodenständige ist ihm wichtig bis heute. Carlo Giersch fährt Smart: „Das reicht mir.“ Seinen 80. Geburtstag hat er nicht pompös gefeiert, sondern mit einem Mittagessen mit seinen rund 15 Mitarbeitern. Als Dankeschön für die geleistete Arbeit gab es für sie ein Gehalt extra. „Es bleibt einem nur das, was man verschenkt“, formuliert er seinen Anspruch.

Fuchsig machen ihn „Erwartungsansprüche“ und gut verdienende Manager, die „nichts für die Gesellschaft geben“. Er und seine Frau leben gut, betont er. Doch die Stiftungsarbeit verleiht der Existenz Sinn. „Es macht zufrieden.“ Alle Stipendiaten, Forscher und Forscherinnen, die von der Stiftung gefördert werden, erhalten daher ein rotes Hemd mit dem Aufdruck der Stiftung Giersch. Die Farbe ist zum Markenzeichen geworden.

„Die Stiftung will nicht nur geben, sondern auch Identität stiften“, sagt Carlo Giersch. „Jeder, der das Hemd anzieht, soll daran denken, anderen zu helfen oder sie dazu zu motivieren.“

Ein Museum für die Universität

Wenn der Mäzen aus dem Fenster schaut, sieht er auf das Museum Giersch, vor dem die Fahnen der Goethe-Universität flattern. Der 80-Jährige ist seit Jahrzehnten Kunstliebhaber, hatte das Museum ursprünglich für seine Sammlung erworben. 2000 war das Museum eröffnet worden, 2014 hat es die Stiftung für 30 Jahre an die Universität übergeben. 600.000 Euro zahlt die Stiftung jährlich für Betrieb und Infrastruktur des Museums, das nun auch „das Schaufenster der Universität“ sein soll.

Unter anderem lernen Kunsthistoriker der Uni hier, wie man eine Ausstellung konzipiert, wie Beleuchtung und Hängung der Werke aussehen sollte. Stiften macht glücklich, sagt Carlo Giersch. Auf diese Weise überdauert, was er und seine Frau geschaffen haben. „Die Universität lebt länger als wir“, sagt er ganz pragmatisch.

[Autorin: Astrid Ludwig]

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.