Horst Entorf, Wirtschaftswissenschaftler; Foto: Lecher

Horst Entorf, Wirtschaftswissenschaftler; Foto: Lecher

Horst Entorf redet Klartext: „Integration ohne Kommunikation, ohne Sprachförderung? Vergessen Sie’s.“ Entorf ist Professor für Ökonometrie am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Goethe-Universität: Mit Hilfe mathematisch- statistischer Methoden will er wirtschaftstheoretische Zusammenhänge untermauern oder widerlegen – und dabei geht es bei weitem nicht nur um Finanzen und Bilanzen.

Sondern auch um Fragen aus Soziologie und Bildungsökonomie: Wie hängen gesellschaftliche Ungleichheit und finanzielle Allgemeinbildung zusammen? Wie wirkt sich der konkrete Aufbau des deutschen Bildungswesens mit seinem gegliederten Schulsystem aus? Findet soziale Durchmischung statt? Welchen Einfluss haben „gleichrangige“ Jugendliche, etwa Klassenkameraden und Kumpel aus dem Sportverein, auf die schulischen Leistungen von Migrantenkindern?

Entorf berichtet von einer Studie, in der er kürzlich zusammen mit einer Mitarbeiterin die Mathematik- Fähigkeiten von VWL-Erstsemestern untersucht hat. Eindeutiges Ergebnis: Die Mathe-Leistungen der Studienanfängerinnen und -anfänger hingen zwar, wie zu erwarten, von den Mathenoten, aber auch sehr stark von den Deutschkenntnissen ab! Bei gleichen Schulleistungen in Mathematik profitierten Erstsemester umso mehr vom angebotenen Mathevorkurs, je besser sie Deutsch sprachen.

Entorf konstatiert: „Kinder, in deren Elternhaus nicht Deutsch gesprochen wird, haben es viel schwerer in der Schule und später im Leben. Die Bedeutung von Sprachfähigkeiten für die Integration von Migranten kann also gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.“ Er sieht die deutsche Gesellschaft vor einer Herausforderung und zieht die Schlussfolgerung: „Integration kann nur gelingen, wenn der Staat noch viel mehr Sprachkurse ,on the job‘, also am Arbeitsplatz, als festen Bestandteil der Berufstätigkeit anbietet. Auch in einer Zeit knapper Kassen muss er hier ausreichend Geld in die Hand nehmen.“

Kriminalität ökonometrisch erfassen

Eine andere gesellschaftliche Herausforderung, mit der sich Entorf seit langem intensiv wissenschaftlich auseinandersetzt, ist Kriminalität. Dabei geht es dem Volkswirtschaftler Entorf bei weitem nicht nur um Wirtschaftskriminalität: „Mich interessiert es, das Massenphänomen Kriminalität durch ökonometrische Schätzverfahren zu erfassen“ sagt er. „Insbesondere frage ich mich, warum sich manche Menschen kriminell verhalten und andere nicht – Ökonomie lässt sich ja auch als Verhaltenswissenschaft auffassen.

Gesetzestreue Menschen sind den gleichen Anreizen ausgesetzt wie potenziell kriminelle. Aber sie sind durch ihr Elternhaus, durch ein günstiges soziales Umfeld, Bildung oder durch andere schützende Faktoren soweit in ihren Normen gefestigt, dass sie den Anreizen nicht erliegen. Mein Ziel ist es, diese vor Kriminalität schützenden Faktoren zu identifizieren.“ Um dieses Ziel zu erreichen, hat Entorf schon eine Vielzahl von Wegen beschritten:

In der Vergangenheit evaluierte er Straf- und Maßregelvollzug, entwickelte einen Index für das Ausmaß von der Kriminalität, der sich nicht allein auf Fallzahlen sondern auch auf die Schwere der Delikte stützt. Er erforschte die Wirkung und Effizienz von Strafrecht sowie den Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und Kriminalität – „Viele Kollegen anderer Disziplinen kennen mich daher eher als Kriminologen“, sagt Entorf.

Von großen Datenmengen fasziniert

Dabei begann er zunächst Mathematik zu studieren und wechselte nach dem Vordiplom zu seinem ehemaligen Nebenfach VWL. Hier waren Studium und Promotion davon geprägt, dass ihn der Umgang mit großen Datenmengen faszinierte: die Analyse von Zeitreihen, Querschnittsdaten, Paneldaten (= in bestimmten Abständen wiederholten Querschnittsproben). Nachdem Entorf seine Postdoc-Zeit in Belgien und Frankreich verbracht und sich anschließend habilitiert hatte, wurde er 1997 an die Universität Würzburg berufen.

Schon damals widmete er sich der Frage, wie Ökonomen zur Erforschung und Bekämpfung von Kriminalität beitragen können, und das Thema Kriminalität ließ ihn nicht los, als er 2001 an die TU Darmstadt und schließlich 2007 an die Goethe- Universität berufen wurde. Derzeit beschäftigt Entorf sich mit der Wechselbeziehung zwischen Tätern und Kriminalitätsopfern und geht dabei insbesondere auf Täter ein, die früher selbst Opfer von Straftaten waren.

Außerdem plant er, das Thema Kriminalität in einem größeren Zusammenhang zu betrachten: Unter anderem zusammen mit dem Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin und dem „European Aviation Security Center“ ist der Lehrstuhl für Ökonometrie der Goethe Universität dabei, den Vollantrag auf Fördermittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zu stellen. Die Verbundpartner planen ein Projekt zur systemischen Risikobetrachtung in der zivilen Sicherheitsforschung.

Gemeinsam mit Praxispartnern wie etwa dem Bundesverband der Sicherheitswirtschaft, dem Flughafen München und anderen wollen sie ein umfassendes Sicherheitskonzept erarbeiten, an das vier verschiedene Anforderungen gestellt werden: Es soll zugleich legal, wirksam, effizient und akzeptiert sein. Entorf will sich dabei der „Ökonomischen und ökonometrischen Analyse der Sicherheitslösungen in heterogenen Anwendungsfeldern“ widmen. Er wird ein allgemeines Modell entwickeln, das die Spezialfälle Feuerwehr, Rettung, Polizei / Kriminalität sowie Verkehr abdeckt und den Verantwortlichen einen akzeptablen Kompromiss zwischen perfekter Sicherheit und Bezahlbarkeit bietet.
[Autorin: Stefanie Hense]

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3.16 des UniReport erschienen [PDF].