Meike Piepenbring, Mykologin; Foto: Privat

Meike Piepenbring, Mykologin; Foto: Privat

Viel ist das nicht: Gerade einmal zwei bis drei Prozent, rund 120.000 von schätzungsweise bis zu sechs Millionen existierenden Pilzarten sind der Wissenschaft bekannt. Für die Mykologin Meike Piepenbring, Professorin am Institut für Ökologie, Evolution und Diversität des Fachbereiches Biowissenschaften, bestand darin von Anfang an ein starker Ansporn. „Im Studium habe ich mich für meine Diplomarbeit mit Botanik beschäftigt, mit der Anatomie und Morphologie von Pflanzen. Dann habe ich gemerkt, dass es bei Pilzen noch viel mehr zu entdecken gibt“, sagt Piepenbring. „Mich begeistert die unglaubliche Vielfalt der Strukturen und Überlebensstrategien.“

Außerdem beeindruckt Piepenbring, an welch‘ unterschiedlichen Vorgängen die Lebewesen aus dem Reich der Fungi beteiligt sind: „Da gibt es zum einen Situationen, in denen Pilze, ‚die Bösen‘ sind, zum Beispiel wenn Fußpilze oder Candida den Menschen erkranken lassen, oder wenn durch Schimmelpilze Lebensmittel ungenießbar oder Gebäude unbewohnbar werden“, zählt sie auf. „Zum anderen sind da die nützlichen Pilze, die Penicillin und andere Antibiotika produzieren, sowie Medizinalpilze, die nicht nur in der traditionellen chinesischen Medizin eine wichtige Rolle spielen.“ Außerdem lassen sich ohne bestimmte Schimmelpilze weder Camembert noch Gorgonzola herstellen, und Hefepilze sind sowohl beim Backen als auch bei der Getränkeproduktion beteiligt, wenn es beispielsweise um Bier oder um Apfelwein geht.

Forschung in den Tropen und im Taunus

Das sind Anwendungen für vergleichsweise gut untersuchte Pilzarten; ein ganz wesentlicher Aspekt der mykologischen Forschung ist die Suche nach unentdeckten Pilzen – für Piepenbring findet diese
Suche überwiegend in den Tropen statt. „Wir waren zum Beispiel in Costa Rica und in Panama unterwegs und in der südwestchinesischen Provinz Yunnan“, berichtet sie, „Aber genauso wichtig sind uns
die Exkursionen, die wir hier in Hessen machen“, ergänzt sie: „Es gibt nämlich auch hierzulande noch Pilze, die schlecht oder gar nicht bekannt sind, insbesondere unter den Mikropilzen.“

Anders als Großpilze wie zum Beispiel Pfifferling und Fliegenpilz sind Mikropilze mit bloßem Auge kaum oder nicht zu sehen. Im Gelände sammeln Mykologen Substrate, etwa Bodenproben und Blätter, die auffällige Flecken aufweisen. Sie bringen die Substrate auf ein Nährmedium, isolieren und untersuchen die Pilze, die darauf wachsen. Dabei geht es Piepenbring und ihrer Arbeitsgruppe nicht nur um unbekannte Pilzarten. Zum einen erforschen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler daneben die Stammesgeschichte einzelner Pilzgruppen, und zum anderen untersuchen sie, welche Pilze in verschiedenen geographischen Gebieten vorkommen. So hat eine Doktorandin von Piepenbring kürzlich alle Pilze gelistet, die sie über drei Jahre in einem bestimmten Gebiet im Taunus beobachtet hat.

Ein anderes Forschungsprojekt befindet sich buchstäblich vor der Haustür des Biologicums auf dem Riedberg- Campus, in einem jungen Buchenwald, der vor zwei Jahren als Teil des neu angelegten Wissenschaftsgartens gepflanzt wurde. Piepenbring und ihre Arbeitsgruppe möchten hier in einer Langzeituntersuchung herausfinden, wie sich die Pflanzenund Pilzvielfalt in einem heranwachsenden Wald entwickelt.

Nicht nur für ihre Forschung, auch für die Lehre reist sie um die ganze Welt. In einem durch die Volkswagenstiftung finanzierten Kooperationsprojekt wird sie 2017 für zwei Wochen Studierende in dem westafrikanischen Land Benin unterrichten. Und 2008 und 2009 ließ sie sich für zwei Jahre von der Goethe-Universität beurlauben. Unterstützt vom Deutschen Akademischen Austauschdienst hielt sie in Panama an der Universidad Autónoma de Chiriquí als Gastprofessorin Vorlesungen in Mykologie und leitete Praktika sowie Exkursionen im Gelände an.

Sieben Jahre für »Micología en los Trópicos«

Dieser Aufenthalt wirkte lange nach: „Immer wieder kamen in dieser Zeit Studierende zu mir und fragten: ‚Was ist das für ein Pilz? Wie heißt diese Art?‘“, berichtet Piepenbring. „Die enorme Vielfalt tropischer Pilze bedeutete dabei eine echte Herausforderung, zumal in Panama niemand über breite Pilzartenkenntnis verfügt. Außerdem ist der Wissenschaft nur wenig über tropische Pilze bekannt, so dass zu vielen Aspekten widersprüchliche oder gar keine Lehrmeinungen existieren. Also beschloss ich, ein Lehrbuch über die Mykologie der Tropen zu verfassen.“

In den vergangenen sieben Jahren hat Piepenbring praktisch jede freie Minute dem Manuskript „Introducción a la Micología en los Trópicos“ gewidmet, das sie unter dem Namen „Introduction to Mycology in the Tropics“ ins Englische übersetzt hat, damit es in den Tropen weltweit genutzt werden kann. Im Frühjahr 2015 wurden die Bücher in den USA gedruckt.

„Das war unglaublich viel Arbeit, die in Wissenschaftskreisen kaum gewürdigt wird“, sagt sie, „aber ich habe das mit an Besessenheit grenzender Motivation durchgezogen, weil nur mit einer solchen Grundlage Lehre und Forschung zur Mykologie in den Tropen vorankommen können. Zudem habe ich selbst dabei sehr viel gelernt! Ich möchte Biologen in den Tropen nicht nur ein breites Grundlagenwissen, sondern auch Wertschätzung dieser einzigartigen Vielfalt vermitteln und damit Motivation für den Schutz tropischer Urwälder. Viele Arten stellen sehr spezielle Ansprüche an ihren Lebensraum, weshalb durch die Zerstörung der Natur vermutlich viele Pilzarten aussterben, die wir noch gar nicht kennen.“ [Autorin: Stefanie Hense]