Goethe, Deine Forscher: Sonja Rohrmann, Psychologin

Persönlichkeitsunterschiede im Umgang mit Stress und Emotionen bilden den Forschungsschwerpunkt von Sonja Rohrmann, die am Institut für Psychologie der Goethe-Universität die Abteilung für Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik leitet. Neben der Grundlagenforschung in Persönlichkeitspsychologie und der Entwicklung von Persönlichkeitsfragebogen geht es ihr vor allem darum, klinische und arbeitspsychologische Befunde in Anwendungen umzusetzen, so etwa zur Gesundheitsförderung sowie zur Förderung der Arbeitszufriedenheit, der Motivation und Leistungsfähigkeit. „Ich habe untersucht, wie sich unterschiedliche Komponenten der Prüfungsängstlichkeit auf die Leistung von Prüflingen auswirken“, erläutert Rohrmann, „dazu habe ich ein Instrument entwickelt, das diese einzeln erfasst.“ Prüfungsängstlichkeit äußere sich vor allem durch Aufgeregtheit (emotionale und körperliche Anspannung), durch Interferenz (Ablenkung von der Aufgabe mit irrelevanten Gedanken), durch Besorgtheit und durch einen Mangel an Zuversicht. Abhängig davon, welche Komponente in der Prüfungsangst der Betroffenen am stärksten ausgeprägt sei, stehe etwa das Erlernen von Entspannungstechniken, die Stärkung positiver Gedanken oder von Selbstvertrauen im Vordergrund, um persönliche Belastungen zu reduzieren und die Leistungsfähigkeit zu steigern.

»Hochstapler« aus Überzeugung

Das Selbstvertrauen in Leistungssituationen ist auch bei Personen beeinträchtigt, die durch das „Impostor-Selbstkonzept“ charakterisiert sind; Rohrmann hat es intensiv erforscht: „Solche Menschen haben objektiv hohen schulischen oder beruflichen Erfolg – aber subjektiv das Gefühl, nichts zu können.“ Sie neigten dazu, objektive Erfolgsanzeichen nicht mit den eigenen Fähigkeiten zu erklären, führten sie vielmehr auf übermäßige Anstrengungen oder günstige äußere Umstände zurück. „Sie sind der Überzeugung, dass sie die Umwelt über die eigenen Fähigkeiten getäuscht haben und von anderen überschätzt werden. Lob weisen sie daher in der Überzeugung zurück, es nicht zu verdienen, und sie leiden unter der Angst, eines Tages als Hochstapler („Impostor“) entlarvt zu werden, wenn sie an einer Aufgabe scheitern.“ Laut Rohrmann hat das Impostor-Selbstkonzept z. T. schwerwiegende Konsequenzen, da es sich negativ auf das Arbeits-, Karriere- und Führungsverhalten auswirken und die psychische Gesundheit beeinträchtigen kann. Neben Angst ist eine weitere Emotion, der Rohrmanns wissenschaftliches Interesse galt, der Ekel. „Die Ekelemotion begann ihr evolutionäres Leben als angeborene Reaktion auf schlechten Geschmack, da bitter oder sauer schmeckende Substanzen häufig giftige Stoffe kennzeichnen“, erklärt Rohrmann. Im Laufe der kulturellen Evolution hätten sich verschiedene Reize zu Ekelauslösern entwickelt. Der Ekel vor Körperprodukten, einigen Tieren und bestimmter Nahrung habe das Ziel, den Körper vor Infektionen bzw. Krankheit zu schützen. Rohrmann befasst sich vor allem damit, dass sich Menschen stark in ihrer Ekelempfindlichkeit auf diese Reize unterscheiden. Auch hierzu hat sie ein Erhebungsinstrument entwickelt. Eine ausgeprägte Ekelempfindlichkeit spielt nach Rohrmann aufgrund der gestörten Wahrnehmung und Verarbeitung von Ekelreizen eine wesentliche Rolle für die Entwicklung spezifischer klinischer Störungen wie Essstörungen, bestimmte Zwangsstörungen (z. B. Waschzwang) und Phobien (etwa vor Spritzen und Blut).

Prognosen und Gutachten

Auch das Persönlichkeitsmerkmal „Psychopathie“, mit dem sich Rohrmann befasst und zu dessen Erfassung sie ein Verfahren entwickelt hat, hat erhebliche Auswirkungen im Alltag: „Personen mit hoher Ausprägung in diesem Persönlichkeitsmerkmal sind durch antisoziales Verhalten und mangelnde Empathie-Fähigkeit charakterisiert, sie können sich also kaum oder gar nicht in andere Menschen einfühlen“, beschreibt Rohrmann. Sie untersucht, welche Folgen eine hohe Psychopathie-Ausprägung hat, wie sie bei vielen Straftätern zu finden ist. Insbesondere erforscht sie, welchen Einfluss diese auf Kriminalprognosen hat, wie hoch in diesem Fall also die Wahrscheinlichkeit ist, (erneut) ein Verbrechen zu begehen.

Rohrmann war es immer wichtig, ihre Forschung in Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik in die Anwendung zu tragen und Studierende praxisnah auszubilden. So gründete Rohrmann, als sie 2009 an die Goethe-Universität kam, an der Schnittstelle von Wissenschaft und Anwendung, die Arbeitsstelle für Diagnostik und Evaluation (ADE). Diese stellt einerseits einen wichtigen Ansprechpartner für die Justiz dar; Gerichte und Staatsanwaltschaften wenden sich an die ADE, wenn sie rechtspsychologische Gutachten benötigen, sei es in Sorgerechts-Streitfällen, sei es, um nach Straftaten Glaubwürdigkeit oder Schuldfähigkeit zu beurteilen, sei es, um Kriminalprognosen zu erstellen. Andererseits wirken fortgeschrittene Studierende über die ADE an rechtspsychologischen Gutachten mit; der Praxisbezug der Lehre ist auf diese Weise sichergestellt. „An der ADE arbeiten die Studierenden in supervidierten Fachteams zusammen. Sie können hier Praktika absolvieren, als studentische Hilfskräfte tätig sein und sich nach dem Diplom bzw. Master zum Fachpsychologen für Rechtspsychologie weiterbilden“, zählt Rohrmann auf. Gleich, ob sie den Studierenden über die ADE begegnet, oder ob diese in ihrer Vorlesung sitzen: Sonja Rohrmann möchte mit ihnen in Interaktion treten und hofft, dass die COVID-19-Pandemie das weiterhin zulässt.

Stefanie Hense

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 1/2022 (PDF) des UniReport erschienen. 

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