Walter Rüegg; Foto: Universitätsarchiv Frankfurt

Walter Rüegg; Foto: Universitätsarchiv Frankfurt

Walter Rüegg, eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der Geschichte der Frankfurter Universität, verstarb am 29. April 2015 im Alter von 97 Jahren am Genfer See, wo er während seines langen, von intensiver wissenschaftlicher Arbeit erfüllten Ruhestandes wohnte. Geboren wurde er am 4. April 1918 in Zürich in die Familie des Kaufmanns Walter Heinrich Rüegg; seine Mutter Margrit, geb. Braun, hatte jüdische Vorfahren und eine Verwandtschaft, die nach Ungarn und Deutschland reichte.

Der Sohn wurde evangelisch-reformiert getauft und erzogen. Von 1921 an wuchs er in Neuhausen am Rheinfall auf. Die Landschaft prägte ihn und die Zeitgeschichte. Während in den zwanziger Jahren die Länder offen waren und Ausflüge fast unterschiedslos durch deutsches und schweizerisches Gebiet führten, wurde die Grenze später abgeriegelt, und es fand eine politische Entfremdung von Deutschland statt.

1936 nahm Rüegg das Studium der Klassischen Altertumswissenschaften und der Philosophie in Zürich auf. Der Vater bewog ihn dazu, auch Sozialökonomie zu studieren. So war angelegt, was Rüegg sein Leben lang beschäftigen sollte: die Untersuchung von Antike und Humanismus als Geistesgeschichte und als Paradigma soziologischer Analyse. Betrachtet man die Publikationen, zerfiel sein Forscherleben im Wesentlichen in zwei Teile:

erst erschienen die Arbeiten des Altphilologen, dann die des Soziologen. Doch blieben die Bereiche in seinem Denken aufeinander bezogen. Die damit gegebene Fragestellung spitzte sich bereits zu, als Rüegg sein Studium an der Sorbonne fortsetzte. Dort wurde an der ersten Universität Frankreichs die deutsche Altertumswissenschaft noch als Vorbild behandelt, während sich die Furcht vor der nationalsozialistischen Bewegung verbreitete.

Wegen des Kriegsausbruchs musste Rüegg den Pariser Aufenthalt abbrechen. „Aus dieser Situation heraus wählte ich nicht ein rein altphilologisches Thema, sondern ein Problem der humanistischen Bildung – welche mir insbesondere durch das aktuelle Geschehen in Deutschland, dem Lande des sogenannten Humanismus par excellence, fragwürdig geworden war – als Thema meiner Dissertation.“ Im Sommer 1944 promovierte er mit einer Arbeit über „Cicero und der Humanismus, formale Untersuchungen über Petrarca und Erasmus“. Er heiratete 1945 Liselotte Rickenbach, eine Mitstudentin. Das Paar hatte drei Kinder.

Beschäftigung mit dem Humanismus

Walter Rüegg wurde von Ernst Howald ermuntert, die akademische Laufbahn zu ergreifen. Mit einem Stipendium konnte er von 1947 bis 1950 in Florenz und Rom den italienischen Humanismus studieren. Charakteristisch ging es bald um die Fortwirkung des Humanismus; ein Thema lautete: „Der Humanismusbegriff beim jungen Marx“, und seine Antrittsvorlesung hielt Rüegg im Wintersemester 1951 über:

„Die Stellung der humanistischen Bildung im Kampf zwischen Christentum und Materialismus“. Rüeggs Arbeiten stießen in der Altertumswissenschaft, in der Philosophie, in der Pädagogik und in der Soziologie rasch auf großes Interesse. Schon 1946 begannen Reisen nach Deutschland unter den damaligen schwierigen Bedingungen. Die Marburger Hochschulgespräche boten die Anregung, sich mit der Idee des Studium generale zu beschäftigen.

Mit einzelnen Deutschen verstand sich Rüegg sogleich vorzüglich, so in Frankfurt mit dem Rektor der Universität (Walter Hallstein) und dem Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät (Heinz Sauermann), auch mit Ernst Beutler im Goethe-Haus, während ihm die Gelehrsamkeit von Ernst Robert Curtius bei weiteren Reisen besonderen Respekt einflößte. Für ihn wie für so viele Gelehrte, die in der frühen Bundesrepublik eine Rolle spielen sollten, wurde dann ein Amerikaaufenthalt zu einem bestimmenden Erlebnis.

Im Wintersemester 1953 kehrte Rüegg nach Zürich zurück. Als Nachfolger seines Vaters übernahm er die Geschäftsführung von Fachvereinigungen der Aluminiumindustrie. Die feste Verpflichtung, die er dadurch einging, hinderte ihn, einen Ruf als Ordinarius für Pädagogik an der Universität Köln anzunehmen. Ebenso musste er weitere Rufe nach Erlangen und Heidelberg ablehnen.

Er lernte dagegen die Probleme der Aluminiumindustrie kennen, insbesondere hatte er sich mit Kartellfragen, mit der Integration der Industrie und soziologischen Folgen der technischen Entwicklung zu befassen. Er wurde Titularprofessor in Zürich. Die entscheidende Wendung kam mit der Berufung (1961) auf den ersten Frankfurter Lehrstuhl für Soziologie an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, den in der Gründerzeit der Frankfurter Universität Franz Oppenheimer und nach ihm Karl Mannheim innegehabt hatten und der seit dessen Vertreibung der Wiedererrichtung harrte.

Distanziertes Verhältnis zur Kritischen Theorie

Breitenwirkung erreichte Rüeggs wissenschaftliches Schaffen durch sein Lehrbuch der Soziologie aus dem Jahr 1969. Es war ein Bestandteil des von ihm selbst angeregten Funk-Kollegs, einer „Vorlesungsreihe der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk“. Das Funk-Kolleg sollte den infolge der Zunahme der Studentenzahlen an die Grenzen der Aufnahmefähigkeit gelangten Universitätsbetrieb ergänzen und weitere Schichten erreichen.

Er war ein Vorkämpfer der Hochschulreform, stand aber in einem distanzierten Verhältnis zur Kritischen Theorie der Frankfurter Schule und ihrem utopistischen Denken. Von den „Hessischen Rahmenrichtlinien zur Gesellschaftspolitik“ hielt er wenig; er wandte sich besonders gegen die dogmatisch vorgegebene Geschichtstheorie. Theoretisch und in seiner eigenen Forschung setzte er sich für ein interdisziplinäres Verständnis der Soziologie ein.

Rüegg nannte als Zielsetzungen der Hochschulreform den Übergang zur Präsidialverfassung, die Umgestaltung der Fakultäten zu Fachbereichen, die stärkere Beteiligung promovierter Mitarbeiter, die stärkere Beteiligung der Studenten auf der Ebene der Fachgebiete, unter organisierter Evaluierung der Lehrveranstaltungen, und schließlich gelte es, die Größe der Universität zu beschränken; die Hochschulreform könne nicht darin bestehen, die Humboldt’sche Universitätsidee in plebiszitärer Form zu erneuern.

Rüeggs Berufung eröffnete für die WiSo-Fakultät die Perspektive, einen Diplomstudiengang Soziologie einzurichten. In der Philosophischen Fakultät, in der insbesondere Horkheimer und Adorno auch Soziologie neben Philosophie lehrten, existierte bereits ein solcher; man sollte schließlich, unter großen Mühen zu einer gemeinsamen Prüfungsordnung gelangen. Sie diente als Grundlage eines erfolgreichen gemeinsamen Studiengangs, der von 1966 bis 1971 bestand, als die Verantwortung für die Ausbildung an die Fachbereiche überging.

Letzter Rektor nach altem Recht

Rüegg wurde 1963 zum Dekan gewählt, und diese Funktion wiederum war sein Sprungbrett für das Rektorat im Jahr 1965/66. Mit seinem Engagement für die Öffentlichkeitsarbeit der Universität erschien er vielen als „links.“. Energisch setzte er sich für ein neues Hochschulgesetz in Hessen ein und war 1967 Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz.

Eine dritte Amtszeit, erkämpft in umstrittenen Wahlen, weil dritte Amtszeiten eigentlich nicht üblich waren, überstand er in immer turbulenteren Verhältnissen, in denen schließlich nicht mehr ordentlich gewählt werden konnte, so dass er eine vierte Amtszeit kommissarisch eingesetzt begann. In dieser war er der letzte Rektor der Universität nach altem Recht. Mit den anderen hessischen Universitätsrektoren trat er protestierend zurück, als das hessische Hochschulgesetz endlich eingeführt wurde.

Nach einem Urlaub und einer Übergangsperiode wich er 1973 an die Universität Bern aus. Als Rektor ist Rüegg vor allem in Erinnerung, weil er ein neues Hochschulgesetz beförderte und sich dann gegen seine konkrete Ausgestaltung wendete. Die schwereren Konflikte allerdings verbanden sich mit der Auseinandersetzung um die Studentenrevolte. Der Punkt, an dem die Steigerung von deren Manifestationen nicht mehr tolerierbar schien, lag für jeden Hochschullehrer woanders.

Während die einen sich schon gegen die Anfänge verwahrten, während Rüegg selbst Kritik so lange guthieß, als sie sich mit harmlosen Provokationen verband, unterstützten Adorno, Habermas und von Friedeburg „den Protest unserer Studenten gegen Gefahren einer technokratischen Hochschulreform“ noch bei der Besetzung des Soziologischen Seminars, einige Monate, nachdem schon das Rektorat besetzt worden war, auch wenn sie die Aktionen selbst nicht guthießen.

Während Jahrzehnten bewahrten Horkheimer und Rüegg bei Differenzen in der Sache Kollegialität, ja sogar Freundschaft, während sich Rüegg mit Adorno nur schwer vertrug. Für Horkheimer schrieb er einen Nachruf, aus Anlass von dessen Begräbnis in Bern, an dem nur wenige, verlegene Vertreter aus Frankfurt, teilgenommen zu haben scheinen, denn auch Horkheimer war aus der Studentenrebellion nicht unbeschadet hervorgegangen.

Seinem Konflikt mit Adorno hat Rüegg einen ganzen Vortrag in Heidelberg gewidmet, in dem neben wissenschaftlichen Kontroversen persönliche Erfahrungen und charakterliche Differenzen zur Sprache kommen. Gewiss war Adorno als Philosoph der Bedeutendere der beiden, aber Rüegg war ihm in der klassischen Bildung und in der Einschätzung und Gestaltung des politisch Möglichen und Gebotenen überlegen.

Rüegg gelangte in Bern in neue Positionen, in denen er seine wissenschaftliche Herangehensweise mit seiner politischen und organisatorischen Begabung fruchtbar machen konnte. Zu einem Monument wurde das in mehrere Sprachen übersetzte vierbändige Werk „Geschichte der Universität in Europa“, das auf Initiative und mit Hilfe der Europäischen Rektorenkonferenz erschien.

Er stellte die These auf, während 800 Jahren seien die wesentlichen Funktionen und Strukturen der Universität bewahrt worden, trotz dem enormen Wandel der Rahmenbedingungen. Rüegg schätzte das amerikanische Universitätssystem als eine Abwandlung des europäischen. Wenn heute versucht wird, sich an amerikanische Vorbilder stärker anzulehnen, würde er dem wenigstens nicht grundsätzlich widersprechen. Auf seinem Gebiet stellt er sich dar als ein Mann von besonderem Charakter, der sein Erbe, das familiäre und das intellektuelle, zu bewahren und zur Geltung zu bringen wusste: in seiner Weise eine historische Gestalt. [Autor: Bertram Schefold]