Der neue Kustos des Frankfurter Comic-Archivs, Dr. Felix Giesa, mit einem Stück aus der Sammlung, dem Manga „Rosen von Versailles“. (Foto: Uwe Dettmar)

Sauter: Herr Giesa, Sie haben sicher nicht erst an der Uni angefangen, sich mit Comics zu beschäftigen. Was war Ihre Einstiegsdroge?

Giesa: Durch meinen großen Bruder kam ich an Disney’s Lustige Taschenbücher, Asterix und Tim und Struppi. Der wurde dann aber irgendwann sehr eigen. Als Kind liest man die Sachen ja zig Mal, was dem Material nur bedingt zuträglich ist. Das hat er irgendwann auch so gesehen und hat uns Jüngeren nur noch die abgelesenen Stücke zur Verfügung gestellt.

Sauter: Oje, dann saßen Sie auf dem Trockenen?

Giesa: Ein Schlüsselerlebnis war der erste Besuch in der Aachener Stadtbibliothek. In der fünften oder sechsten Klasse haben wir da einen Ausflug hingemacht, jeder kriegte einen Bibliotheksausweis. Da gab eine ganz hervorragende Comicabteilung, und alles war zugänglich! Man musste 14 Jahre alt sein, um in der allgemeinen Bibliothek ausleihen zu können. Bei den Comics war das anders: Ich bin mit elf an alles rangekommen, was es gab.

Sauter: Und was haben Sie da entdeckt?

Giesa: Eine Serie, die ich damals angefangen habe, war die Werkausgabe von Hal Fosters Prinz Eisenherz, die habe ich mir ständig ausgeliehen. Als das auch oft verliehen war, hab ich gedacht, dann kauf ich mir die halt selber und habe angefangen, Comics zu sammeln. Ganz schlimm wurde es dann, als ich 14 war. Da hat ein Comicladen in Aachen aufgemacht, den es auch immer noch gibt.

Sauter: Dank Ihrer Investitionen!

Ich hab da auch als Student gejobbt und kann sagen: Es gibt Kunden, die können ein deutlich größeres Finanzvolumen investieren als ich das je konnte. Da hatte ich dann auch Zugriff auf US-Comics und konnte diese ganzen Superheldensachen endlich auch im Original lesen.

Und haben Sie auch „richtige“ Bücher gelesen?

Ja, parallel auch. Wir haben viel vorgelesen bekommen, auch bis in die weiterführende Schule hinein, zum Beispiel Enid Blyton und Michael Ende. Dann hatte ich sogar ein Karl-May-Fieber mit der ganzen Familie. Die grünen Karl-May-Bände haben wir alle, ich bin aber nur bis Band 20 gekommen.

„Wir waren schon ein klassischer Bücherhaushalt“

Sind Sie damals von Ihren Eltern ermahnt worden, doch die Heftchen wegzulegen?

Wir waren schon ein klassischer Bücherhaushalt, und Comics zählten schon auch dazu. Wir sollten nicht so viel fernsehen, aber es hieß nie: Mach den Fernseher aus und lies mal ein Buch.

Können Sie im Nachhinein sagen, was Ihnen so gut gefallen hat an Comics?

Es waren die Geschichten. Wenn ich die Sachen ansehe, die ich in meiner Jugend gelesen habe, so waren das alles Actionstorys. Ganz viel Superhelden und dann der klassische Ritterroman. Passt ja zu Karl May. Das Hoffen auf Grandezza, das passt zur Pubertät.

Lieber Micky Maus oder Donald Duck?

Donald Duck hat mir immer besser gefallen, auch wenn er eher ein Verlierer ist. Die Geschichten waren immer abenteuerlich, es ging auf Reisen. Und seine drei Pfadfinder-Neffen, die fand ich unfassbar cool. Ich hatte auch das Fähnlein-Fieselschweif-Handbuch, das habe ich von meinem großen Bruder stibitzt.

Diese Comics sind aber kein Gegenstand Ihrer Forschung?

Nein, aber ich nehme sie, weil sie so schön bildhaft sind, meistens in die Einführungsseminare zu Comics mit. Weil man da sehr viel dran zeigen kann. Das entspricht sehr dem Bild von Comics, das die meisten Menschen haben. Wenn Sie sich Berlin von Jason Lutes anschauen oder deutlich experimentellere Sachen, dann wird da ja bewusst vom traditionellen Erzählen abgewichen, wie im postmodernen Roman auch.

Was kann man anhand von Lustigen Taschenbüchern vermitteln?

Carl Barks (einer der bedeutendsten Disney-Zeichner, die Red.), arbeitet zum Beispiel mit interessanten Perspektiven. „Im Land der viereckigen Eier“ wird eine Überfahrt nach Südamerika gezeigt. Von Panel zu Panel wird die Perspektive verändert, so dass der Wellengang gut rüberkommt. Inhaltlich geht es darum, dass eine Beschwerde des Käpt‘ns weitergegeben wird bis nach unten, und unten ist natürlich Donald. Je wütender die Auseinandersetzung ist, desto stürmischer wird die See. Das kann man sehr schön auch Studierenden zeigen, die gar nicht mehr daran gewöhnt sind, Comics zu lesen. Dann ist es sofort nachvollziehbar.

Wie sind Sie denn darauf gekommen, sich wissenschaftlich mit Comics zu befassen?

Ich habe in Köln Grundschullehramt studiert. Und dann kam eben das „unmoralische Angebot“: Mein späterer Doktorvater fragte mich, ob ich nicht über Comics promovieren wollte.

„Mit der Brille der Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft“

So ein Angebot kommt doch nicht ohne Vorgeschichte zustande.

Ich habe mich im Studium schwerpunktmäßig mit Kinder- und Jugendliteratur beschäftigt und mich immer gewundert, dass es da überhaupt keine Erwähnung von Comics gibt. Die Überlegung war, ich gehe mit der Brille der Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft hin und schaue mir verschiedene zeitgenössische Comics an. Ich habe das als Idee für meine Staatsarbeit vorgeschlagen und dashat sich dann zu einer Doktorarbeit ausgewachsen. 

Und das Thema der Doktorarbeit war?

Adoleszenzdarstellungen in zeitgenössischen Comics.

Also „ernste Comicliteratur“?

Klar sind die Themen teilweise ernst. Heranwachsen und Erwachsenwerden, das ist ja nun mal eine ernste Geschichte. Obwohl die Sachen, die ich untersucht habe, aus einer Zeit sind, als man noch versucht hat, das humoristisch zu brechen. Ich weiß nicht, ob Ihnen zum Beispiel Flix was sagt, der hat so einen autobiographischen Comicstrip gemacht, darin sagt er: Wenn nichts passiert, kipp ich mir halt eine Tasse Kaffee in den Schoß, damit ich darüber erzählen kann. Das zeigt die Wesensart von Flix, der ist immer auf einen Kalauer aus. Aber im Grunde sind es schon sehr ernsthafte Themen, die da behandelt werden. Flix hatte einen Freund, dessen Partnerin suizidgefährdet war, sie hatte Wahnvorstellungen. Der Mawil hat in seinen Comics immer erzählt, dass er nie eine Beziehung aufbauen konnte. Weil er so schüchtern war und alles immer in die Binsen gegangen ist.

Wie stark sind solche Comics rezipiert worden?

Genaue Auflagenzahlen kann ich Ihnen da nicht sagen. Aber all diese Comics sind in den Nullerjahren erschienen. Sie haben dafür gesorgt, dass Comics ernster genommen wurden als zuvor. Großteils wurden sie auch in den Feuilletons besprochen. Im Grunde genommen haben sie für eine Etablierung der Erzählform gesorgt. Auch Übersetzungen aus dem Ausland haben da eine Rolle gespielt, aber diese deutschen Comics waren schon sehr wichtig.

Waren das praktisch die Vorläufer der Graphic Novels?

Ja, allerdings haben sich die Formate vereinheitlicht bei den Graphic Novels: ein größeres Taschenbuchformat, Hard- oder Softcover. In der Szene sagt man, das sind die teureren Comics. Jetzt ist zum Beispiel ein Sammelband erschienen von einer Serie von Jason Lutes, „Berlin“, drei Bände. Der Zeichner hat dafür 22 Jahre gebraucht, der Sammelband kostet 46 Euro. Da kauft man sich im selben Monat kein anderes Buch. Das ist eine Geschichte ähnlich wie Berlin Alexanderplatz. Eine toll komponierte Recherchearbeit.

„Die größte wissenschaftliche Comicsammlung im deutschsprachigen Raum“

Sie sind jetzt in der Nachfolge von Dr. Bernd Dolle-Weinkauff der neue Herr über das Frankfurter Comic-Archiv. Was ist daran so einzigartig?

Das Frankfurter Archiv ist mit 70.000 Einzelstücken vermutlich die größte wissenschaftliche Comicsammlung im deutschsprachigen Raum – ein großer Schatz für die Forschung. Derzeit wird nach neuen Räumen gesucht, aber die Überlegung, die Bestände nach Marburg auszulagern, ist zum Glück vom Tisch. Das wäre sehr schade gewesen. Ein Teil der Sammlung befindet sich ohnehin in der Frankfurter Morsestraße, was das Forschen nicht gerade erleichtert.

Welcher Teil ist in der Morsestraße?

Das komplette Heftchen-Archiv, der größere Bestandteil. Wir haben hier auch ein paar Schätze im Keller, vor allem die Alben, Mangas und Graphic Novels.

„Ich glaube nicht, dass der Comic am Aussterben ist“

Als Herr über das Comic-Archiv, sehen Sie sich da auch als Bewahrer einer Kulturtechnik, die am Aussterben ist?

Ich glaube nicht, dass der Comic am Aussterben ist. Eher wandert er ins Digitale ab. Da sind zwar in Deutschland die Nutzungszahlen noch gering, aber auch hier gibt es zahlreiche Comics, die direkt über das digitale Format publiziert werden in Form von Blogs, die täglich oder wöchentlich neue Comicstrips veröffentlichen. Ponyhof zum Beispiel ist sehr erfolgreich, die finanzieren sich über den Verkauf von Merchandising. Das sind Erscheinungen, die wir im Archiv noch gar nicht auf dem Schirm haben, wo es auch noch gar keine Sammlungsperspektiven gibt. Wenn Sie Bewahrer sagen, dann sehe ich meine Aufgabe in der Nachfolge von Bernd Dolle-Weinkauff, das Historische zu sichern und auch sichtbar zu machen. Der Katalog ist momentan nur lokal recherchierbar und hat nur basale Einträge, keine Verschlagwortung. Das wird die Aufgabe für die nächsten Jahre sein, den Katalog auch online zu präsentieren. So können wir die Entwicklungslinien in der deutschsprachigen Comicgeschichte sichtbar machen.

Wie sieht denn die Comicnutzung der Jüngeren aus?

In der KIM- und JIM-Medienstudie ist die Nutzung von Comics mittlerweile soweit zusammengedampft, dass man Comics und Zeichentrickfilme zusammen abfragt, sonst wäre das prozentual nicht mehr erfassbar. Danach liest nur noch ein Drittel regelmäßig einmal die Woche Comics. Dazu passt auch die Auflagenzahl von Comicmagazinen. Zeitschriften wie Micky Maus oder auch Hefte wie Wicky oder Prinzessin Lillyfee sind wohl die Hauptmedien, die Kinder mit Comics in Verbindung bringen. Comicbücher lesen sie eher nicht.

Werden die heutigen Kinder als Erwachsene zum Comic finden?

Das ist schwer zu sagen, das Medienangebot ist einfach zu vielfältig. Ich kann nicht ausschließen, dass einzelne im Studium auf Graphic Novels aufmerksam werden, ich beobachte das auch in Seminaren, wenn ich nach Lektüreerfahrungen frage, dass manche sagen, als Kind habe ich gar keine Comics gelesen, aber dann habe ich Persepolis von Marjane Satrapi oder Maus von Art Spiegelman entdeckt. Aber das sind natürlich auch singuläre Titel, die eine Initiation bewirken können.

Die Fragen stellte Anke Sauter