Iring Fetscher; Foto: Dettmar

Iring Fetscher; Foto: Dettmar

Der Politologe Herfried Münkler erinnert an seinen akademischen Lehrer, der im Juli 2014 verstorben ist.

Iring Fetscher, Jahrgang 1922, hat sich, wie viele seiner Generation, Liberalität in politischen Fragen und heitere Gelassenheit im Umgang mit Studenten buchstäblich erarbeiten müssen. Nach dem Abitur hatte er sich als Berufssoldat zu einer Einheit der „leichten bespannten Feldartillerie“ gemeldet. Von der dort eingeübten „preußischen Selbstdisziplin“ ist ihm auch später einiges erhalten geblieben. Wiewohl ihm administrative Aufgaben nicht sonderlich lagen, hat er, wenn die akademische Selbstverwaltung „rief“, Aufgaben, wie die eines Dekanats, bereitwillig übernommen und dafür seine wissenschaftlichen und schriftstellerischen Interessen zurückgestellt.

So war er auch von 1961 bis 1963 im Vorstand und von 1964 bis 1965 im Beirat der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW). Von der Geburt in Marbach her Schwabe, aufgewachsen und zur Schule gegangen in Dresden, also sächsisch sozialisiert, in Potsdam stationiert, also borussisch „nachsozialisiert“, seit 1945 in Tübingen mit längeren Aufenthalten in Frankreich studierend, hat Fetscher recht unterschiedliche landsmannschaftliche Einflüsse in sich verbunden.

Frankfurt am Main, wo er seit 1963 eine Professur für Politische Wissenschaft innehatte, wurde für ihn zum bestgeeigneten Ort, diese Prägungen zu bewahren und sie zu einem Typ des akademischer Lehrers zu entwickeln, wie es ihn damals selten gab. Iring Fetscher hat das akademische Klima und die Umgangsformen an der Goethe-Universität, der er bis zu seiner Emeritierung treu geblieben ist, in hohem Maß mitgeprägt – in der Zeit der Studentenbewegung ebenso wie in der anschließenden Phase studentischer Aktivistengruppen, und dabei hat er sich darum bemüht, den akademischen Freiraum nach beiden Seiten offen zu halten: zur offenen und engagierten Auseinandersetzung über politische Fragen, ebenso aber auch zur Arbeit an Thema und Stoff, denen seine Lehrveranstaltungen gewidmet waren.

Dabei hat er die politische Ideengeschichte, der er sich in besonderem Maße verbunden fühlte, immer wieder mit aktuellen politischen Fragen und Herausforderungen verbunden und dabei einen eigenen Stil der politischen Analyse entwickelt. Politisch-intellektuelle Kultur der Bundesrepublik geprägt Aber Fetschers Wirken beschränkte sich nicht auf die Tätigkeiten eines Hochschullehrers, sondern er war auch Autor politiktheoretischer Bücher und Aufsätze und ein öffentlicher Intellektueller, der sich in die politischen Kontroversen der Republik einmischte und Position bezog.

Die für die politisch- intellektuelle Kultur der Bundesrepublik wichtigsten und für lange Zeit prägenden Spuren hat Fetscher in seiner Auseinandersetzung mit Marx und dem Marxismus hinterlassen. Er hat, um es zu pointieren, Marx aus den Fesseln des Marxismus befreit und ihn wieder als einen originellen, kritischen und vielfältig anschlussfähigen Denker sichtbar gemacht. Dabei hat Fetscher auf der einen Seite die Kontroverse mit der marxistischen Orthodoxie des Sowjetkommunismus geführt und auf der anderen Seite in Auseinandersetzung vor allem mit französischen Autoren der deutschen Marxforschung im internationalen Rahmen wieder einen anerkannten Platz verschafft.

Damit hat er sich in die Geschichte der deutschen Wissenschaft eingeschrieben. Iring Fetscher hatte ein feines Gespür für Autoren, die für eine bestimmte Deutungstradition gefangen genommen worden waren, gegen die er einen offeneren und weiteren Interpretationshorizont durchzusetzen versuchte. Das gilt nicht nur für Marx, sondern auch für Rousseau, den er als einen radikaldemokratischen Autor gelesen wissen wollte, anstatt ihn, wie zeitweilig verbreitet, als Stichwortgeber für den Großen Terror in der Französischen Revolution oder Urvater des Totalitarismus zu rubrizieren.

„Während meine ,professionelle‘ Arbeit in erster Linie der Geschichte der politischen Philosophie und der Arbeiterbewegung galt, waren kleinere Arbeiten auf der einen Seite Fragen der Alltagsmoral und der Kulturkritik, auf der anderen Seite der satirischen Beleuchtung zeitgenössischer Phänomene gewidmet.
Satiren, so lautet deren Charakterisierung seit je, sind Äußerungen von Moralisten. Sie sind nur der Form nach von moralischen und kulturkritischen Reflexionen unterschieden. Durch Übertreibung, ironische Anpreisung und andere „unernste“ Stilmittel suchen sie das Fragwürdige, Verkehrte, Widersinnige von Haltungen und Institutionen herauszuarbeiten. Seit ich überhaupt publizistisch tätig bin, habe ich auch Satiren entworfen.“ Iring Fetscher: Arbeit und Spiel. Essays zur Kulturkritik und Sozialphilosophie, Philipp Reclam jun. Stuttgart 1983 (aus der Einleitung: Reflexionen über meine geistige Entwicklung).

Auch Thomas Hobbes, in Deutschland lange als geistiger Parteigänger des autoritären Staates begriffen, ist von Fetscher als ein im Kern liberaler Theoretiker begriffen worden, wobei Fetscher den Blick von den Befugnissen des Souveräns weg- und dem Vertrag freier Menschen als Gründungsakt des Staates zugewandt hat. Immer wieder hat dieser starke Rekurs auf die Geschichte der politischen Ideen nicht nur Fetschers besondere Position im Fach Politikwissenschaft, sondern auch den Stil seiner Interventionen als öffentlicher Intellektueller geprägt.

Positionen, die man in öffentlichen Debatten bezieht, müssen argumentativ begründet werden, und der von Fetscher dabei beschrittene Weg war die kritische Auseinandersetzung mit den großen politischen Theoretikern: Eine Stellungnahme, die deren kritischem Einspruch standhielt, konnte sich auch öffentlich sehen lassen – das war Iring Fetschers Credo als „public intellectual“. So wurde aus einer liberalen Grundhaltung eine Form linksliberalen Denkens und Argumentierens. Sinn für Ironie Bei alldem hatte Iring Fetscher einen ausgeprägten Sinn für Ironie.

Er schätzte nicht nur die Autoren in der Geschichte des politischen Denkens, die ihre Überlegungen mit gelegentlichen ironischen Distanzen vortrugen – Jonathan Swift oder auch Bernard Mandeville waren hier seine Lieblingsautoren –, sondern bediente sich auch selbst gern dieses Stilmittels, das für ihn zugleich ein Erkenntnisinstrument war:

Am bekanntesten geworden ist sein kleines Buch „Wer hat Dornröschen wachgeküsst“, in dem er die Märchen der Brüder Grimm in einer munteren Mischung aus psychoanalytischen und marxistischen Deutungsansätzen, den vorherrschenden Ansätzen im Frankfurt der 1960er und 1970er Jahre, gleichermaßen verwirrte und neu ordnete und dabei nicht nur den Märchen eine neue Bedeutung hinzuerzählte, sondern auch den Gestus bittersten Ernstes, mit dem der Marxismus und die Psychoanalyse damals von ihren Anhängern zelebriert wurden, ins Spielerische der Deutungslust zurückholte.

„Arbeit und Spiel“ hat Fetscher eine seiner Aufsatzsammlungen betitelt. Das war für ihn selbst programmatisch: In einer spielerisch gehandhabten Hermeneutik realisierte sich die Liberalität seines Denkens. Aber dem heiteren Spiel der Interpretation stand bei Fetscher dann immer auch der Ernst der Auseinandersetzung um politisch bedeutsame Fragen gegenüber, etwa bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik der späten 1960er Jahre oder in der Auseinandersetzung mit dem Linksterrorismus der 1970er Jahre sowie den Reaktionsmustern im ‚deutschen Herbst‘ und schließlich beim Relevant-Machen ökologischer Fragen in der politischen Agenda.

Das waren harte Arbeit und ein ‚Bohren dicker Bretter‘, für das sich Fetscher, sonst ein Liebhaber des intellektuellen Floretts, nicht zu schade war. Wer, wie ich, das Vergnügen hatte, Fetschers Schüler und Mitarbeiter gewesen zu sein, hat beide Seiten, das heiter Spielerische der Interpretation und den großen Ernst der politischen Kontroverse, als vorbildhaft erfahren und sich daran orientiert. Am 19. Juli 2014 ist Iring Fetscher im Alter von 92 Jahren verstorben. Herfried Münkler lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Iring Fetscher: Stationen seines Lebens

Studium der Humanmedizin, anschließend Philosophie, Germanistik, Romanistik und Geschichte an der Sorbonne (Paris) und Eberhard Karls Universität (Tübingen).

Seit 1948 Assistent und Doktorand bei Eduard Spranger. Promotion (1950). Habilitation (1959). Von 1963 (bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1987) Professor für Politikwissenschaft und Sozialphilosophie an der Universität Frankfurt (Forschungsschwerpunkte: Politische Theorie und Ideengeschichte).

Fetscher war mit Herfried Münkler Mitherausgeber des fünfbändigen Standardwerkes Pipers Handbuch der politischen Ideen (1985) und mit Alfred Schmidt (gest. 28.08.2012) des Sammelbandes Emanzipation als Versöhnung. Zu Adornos Kritik der „Warentausch“-Gesellschaft und Perspektiven der Transformation (2002).

Iring Fetscher war zudem politischer Berater der beiden Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt sowie Mitglied in der SPD-Grundwertekommission (mit Erhard Eppler) und der Bundeskommission zur Erforschung der geistigen Ursachen des Terrorismus. [Zusammengestellt von P. G. Livio]

Herfried Münkler lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.