Foto: Initiative Stolpersteine Frankfurt a.M. e.V.

Foto: Initiative Stolpersteine Frankfurt a.M. e.V.

Sie war die erste Frau, die an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Frankfurter Universität – heute Fachbereich Rechtswissenschaft – promoviert wurde. Und doch war Lucy Liefmann lange Zeit vergessen. Nun erinnert ein „Stolperstein“ vor ihrem früheren Wohnhaus an der Melemstraße 8 im Nordend an die engagierte Sozialdemokratin, die sich im Januar 1942 vermutlich selbst das Leben genommen hat. Und die Universitätsbibliothek hat eine virtuelle Literaturvitrine über Lucy Liefmann eingerichtet.

Schülerin und Lehramtsanwärterin an der Elisabethenschule, Abitur an der Musterschule – Lucy Liefmann, deren Vater britischer Staatsbürger war, war eine echte Frankfurterin. Gleich nach Gründung der Frankfurter Universität wechselte sie von Heidelberg in die Heimatstadt, wo sie 1918 ihr Jurastudium als erste Frau mit einer Promotion abschloss. „Die Unterhaltspflicht des ausserehelichen Vaters nach kontinentalen Rechten“ – das Thema ihrer Doktorarbeit klingt nicht nur sehr modern, sondern war es auch.

Angefangen bei der Begrifflichkeit: Die Wortwahl „außerehelich“ unterschied sich von der des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB), das damals noch vom „unehelichen Kind“ sprach. Das Thema sei seinerzeit von gesteigerter gesellschaftlicher Relevanz gewesen, erläuterte Prof. Guido Pfeifer, Studiendekan des Fachbereichs Rechtswissenschaft und Rechtshistoriker, bei der Stolpersteinverlegung. Die Dissertation entspräche „auch dem heutigen Selbstverständnis und Profil des Fachbereichs Rechtswissenschaft der Goethe-Universität: grundlagenorientiert, kritisch und international ausgerichtet.“ Doch dazwischen liegt das dunkle Kapitel der NS-Zeit – auch für die Universität. Da Lucy Liefmanns Name nicht auf den Listen derer stand, deren akademischer Titel aberkannt wurde, wurde sie bei der bisherigen Vergangenheitsaufarbeitung übersehen.

Ihr Berufsleben widmete Liefmann ganz dem sozialen Bereich. Sie war wissenschaftliche Assistentin im Wohlfahrtsamt, zuständig für das Fürsorgearchiv und die Redaktion der Frankfurter Wohlfahrtsblätter, die sie auch während der Inflation fortführte – ohne Mittel. Sie kümmerte sich um die Ausbildung der ehrenamtlichen Armen- und Waisenpfleger in Frankfurt und übernahm die Geschäftsführung des hierfür gegründeten Verbandes. Als Jüdin und Sozialdemokratin wurde Lucy Liefmann 1933 entlassen.

Ihre Eltern nahmen sich 1940 und 1941 das Leben. Nachdem sie monatelang an einer schweren Sturzverletzung laboriert hatte, starb auch Lucy Liefmann im Januar 1942 – vermutlich ebenfalls von eigener Hand. Die Historiker Hanna und Dieter Eckhardt haben die Stolpersteinverlegung initiiert. Die Aktion des Künstlers Gunter Demnig läuft seit den 90er Jahren. Im Gehweg eingelassene quadratische Messingtafeln erinnern an vom NS-Regime verfolgte Menschen, inzwischen wurden bereits 50.000 Steine in Deutschland und in 18 weiteren europäischen Ländern verlegt.

„Bildung und fachliche Qualifikation lösen keinen positiven Automatismus aus, sie sind keine Selbstläufer, auch im sozialen Rechtsstaat unserer Tage nicht – sie müssen vielmehr aktiv gelebt werden“, sagte Studiendekan Pfeifer. Dieses „Leben“ verlaufe aber nicht auf einem ebenen Weg, sondern bedürfe auch des Stolperns: „über die eigene Geschichte, über die Geschichte von Institutionen und über die Geschichte besonderer Menschen wie Lucy Liefmann, die wir nicht vergessen wollen.“

Link zur Virtuelle Literaturvitrine zu Lucy Liefmann:
www.ub.uni-frankfurt.de/bruw/liefmann.html.