Nachdenken über Volker Bohn

Volker Bohn; Foto: Suhrkamp
Volker Bohn; Foto: Suhrkamp

Ein Nekrolog für eine bestimmte Person dürfe sich gerechterweise nicht von einem Nekrolog „für alle“ unterscheiden, so befand durchaus nicht unironisch Alfred Polgar − über dessen Prosa schrieb Volker Bohn seine 1968 an der Goethe-Universität abgeschlossene Dissertation, die immer noch den Standard der Forschung vorgibt.

Um solchem Anspruch an einen Nachruf gerecht zu werden, könnte man das von Peter Handke (in Wunschloses Unglück − ihm hat Bohn einen erzähltheoretischen Essay gewidmet) erprobte Verfahren über Leben und Sterben seiner Mutter heranziehen, um so die zeittypischen Schemata auf eine Person anzuwenden und zu betrachten, wo wie welche Abweichungen sich ergeben.

1941 in Wiesbaden geboren, begann er 20 Jahre später mit dem Studium (Germanistik, Geschichte, Pädagogik und Philosophie) an der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Der weitere absehbare, wenn auch erkämpfte Weg: ab dem Wintersemester: 1965 / 1966 wissenschaftliche Hilfskraft, nach der Promotion Assistent, nach Inkrafttreten des Hessischen Hochschulgesetzes 1970 C-2-Professor am Deutschen Seminar (dem späteren Institut für Sprache und Literatur II).

Nicht absehbar war, dass hier einer die mit der Reform verbundenen Postulate bis in die eigenen Wurzeln verkörperte: Studieren setzte die Freiheit(en) der Studenten voraus, um das Lernen zu lernen und dadurch eigenständig zu werden, das Mittun in den Universitätsgremien hielt er für selbstverständlich, die Themen seine Seminare und Vorlesungen reichten bis zur Besprechung literarischer Neuerscheinungen, die Studienpläne sollten, ohne zum Anwendungswissen zu verkommen, praxisbezogen sein.

Damit lädt eine (1) Person sich auf (eine unsortierte Auswahl): Dekanat des Fachbereichs 10 1973 / 1974, 1984 /1985, 2000 bis 2006, geschäftsführender Direktor der Stiftungsgastdozentur Poetik, Buchschreiber, Herausgeber diverser Bücher, Rezensent in den verschiedensten Medien, eine sechsteilige Fernsehserie über deutsche Literatur nach 1945, Verfasser überraschender Wissenschaftsessays, Begründer und wissenschaftlicher Leiter des Fortbildungsprogramms Buch- und Medienpraxis, Ombudsmann für den Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten, nicht mitgezählt die zigfache Geschäftsführerrolle am eigenen Institut und die Prüfungen der Studenten, unter denen er als engagierter Betreuer einen Ruf besaß, der ihm phasenweise 75 Prozent aller Examina bescherte.

Solch ein Überblick führt zur Vermutung, er habe sich selbst zum Machen getrieben und sich zum Machen treiben lassen. Doch selbst in seiner sechsjährigen Dekanatszeit, die 2006 mit dem Ruhestand auslief, konnte Volker Bohn nicht verhindern, dass die Reform, die sich abzeichnete (mit Modularisierung und Bachelor), die Reform, von der sein Tun sich herleitete, auslöschen würde: Um ein Leuchtturm zu sein, braucht es mehr Menschen wie Volker Bohn (gestorben am 5. 7. 2014) − heißt über ihn nachdenken doch „für alle“ nachdenken?

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Raimund Fellinger studierte Germanistik, Linguistik und Politikwissenschaft an der Goethe-Universität und war wissenschaftliche Hilfskraft bei Volker Bohn; er ist heute Cheflektor des Suhrkamp Verlages.

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