Latife Akyüz, Sozialwissenschaftlerin. Foto: Lecher

Sehr entspannt genießt Latife Akyüz in der Mittagspause den Kaffee und die Zigarette auf dem sonnigen Campus Westend. Seit drei Monaten ist die Sozialwissenschaftlerin in Frankfurt und fühlt sich offensichtlich sehr wohl: „Ich mag die Goethe-Universität sehr, auch die internationale Atmosphäre in Frankfurt.“

Dabei war lange Zeit unklar, ob sie das Philipp Schwartz-Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung überhaupt wahrnehmen kann: Die türkische Regierung hatte gegen Wissenschaftler, die eine Petition zur Befriedung des Kurden-Konflikts unterzeichnet hatten, ein Reiseverbot verhängt, doch Latife konnte aus ihrer Heimat illegal nach Deutschland reisen.

Zum ersten Mal in Deutschland – in einem Land, dessen Sprache sie nicht spricht. „Aber Florian von Bothmer und sein Team des Goethe Welcome Centre haben mich hervorragend betreut“, schwärmt Latife Akyüz, die in einem Gästehaus der Uni untergebracht ist. Auch von der Zusammenarbeit mit ihrer Mentorin, der Soziologin Prof. Kira Kosnick, ist sie begeistert. Zudem ist Akyüz einbezogen in die Arbeit des Cornelia Goethe Centrums. Schwerpunkt der Gender- und Ethnizitäts-Forscherin ist das Thema „Alevitische Frauen in Europa“: „Ich kann meine Arbeit also sehr gut in Deutschland fortsetzen“, freut sich Akyüz.

Flucht aus der Heimat

Akyüz war Assistenz-Professorin an der Universität in Düzce. Die kleine Stadt liegt ungefähr zweihundert Kilometer östlich von Istanbul. „Eine sehr konservative Universität, ganz anders als die Uni in Ankara, wo ich studiert und promoviert habe. Ich war die einzige Wissenschaftlerin in Düzce, die die Petition unterschrieben hat, deswegen fielen die Reaktionen dort auch sehr harsch aus“, erzählt Akyüz.

Dass ihre Uni disziplinarische Maßnahmen ergreifen wird, hat sie nicht wirklich überrascht. Aber dass in der ganzen Türkei Wissenschaftler fristlos entlassen und förmlich von ihren Unis vertrieben werden, hätte sie nicht erwartet. Akyüz erhielt Drohungen von radikalen Gruppen, so dass sie Düzce fluchtartig in Richtung Istanbul verlassen musste, wo ihre aus der Osttürkei stammende Familie lebt.

Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen, die nach Deutschland geflohen sind, hoffen auf eine politische Veränderung in der Türkei, die es ihnen ermöglicht, zurückzukehren. Latife macht sich hingegen keine Hoffnung, in absehbarer Zeit wieder in der Türkei leben zu können. Sie ist aber bemüht, dem Exil vieler Akademiker etwas Positives abzugewinnen:

„Fast an jeder deutschen Uni sind nun Exil-Türken, die sich sicherlich für eine demokratische und rechtsstaatliche Türkei einsetzen werden. Die Bewegung ‚Wissenschaftler für den Frieden‘ organisiert sich jetzt auch hier.“ Wie schätzt die engagierte Wissenschaftlerin die politische Haltung der Deutschtürken ein?

Akyüz kennt die in Deutschland lebenden Türken noch nicht gut genug, um die Akzeptanz der von Präsident Erdogan vorangetriebenen Pläne zur Änderung der Verfassung genau einschätzen zu können. Sie hofft jedenfalls, dass die Konflikte der Regierung Erdogans mit den Niederlanden und Deutschland wegen der Politikerbesuche die Menschen aufwachen lassen:

„Die stimmberechtigten Deutschtürken sollten wissen: Wenn Erdogan mit seinem Referendum durchkommt, dann wird das dauerhaft die Freiheit in der Türkei einschränken. Und sie sollten wissen, dass das nicht nur die Gegner Erdogans betrifft, sondern alle“, betont sie.

Die Philipp Schwartz-Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung hat einen besonderen Bezug zur Geschichte der Goethe-Universität. Der N amensgeber, von 1927 bis 1933 Professor für Pathologie an der Goethe-Universität, wurde nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten fristlos aus dem Universitätsdienst entlassen und musste in die Schweiz fliehen.

Von seinem Zürcher Exil aus half er rund 1500 verfolgten Wissenschaftlern bei ihrer Flucht und dem beruflichen Neubeginn im Ausland – für viele von ihnen in der Türkei. Philipp Schwarz organisierte seine Fluchthilfe maßgeblich von Istanbul aus, wo er im Oktober 1933 das Institut für Pathologie an der dortigen Universität übernahm.

Insgesamt werden in Deutschland im Rahmen der Philipp Schwartz-Initiative derzeit 69 Stipendien an „gefährdete ausländische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen“, vorwiegend aus Syrien und der Türkei, vergeben.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.