Andreas Maier wurde 1967 in Bad Nauheim geboren. Er studierte Altphilologie, Germanistik und Philosophie und promovierte auch mit einer Arbeit über Thomas Bernhard an der Goethe-Universität. 2006 trat er die Stiftungsgastdozentur für Poetik in Frankfurt an. Maier lebt heute in Hamburg. Foto: Jürgen Bauer

Andreas Maier verarbeitet in seinem neuen Roman »Die Universität« seine Studienzeit an der Goethe-Uni.

Studentischer Alltag an der Goethe- Universität im Jahre 1989: „Ich kaufte das Vorlesungsverzeichnis, besuchte einige Seminare, trank auf dem Campus Bier, auf dem auch die ganzen Uni-Bettler herumlungerten, oder trank im Doctor Flotte schräg gegenüber dem Mensagebäude Bier oder Gin Tonic.“ Der Protagonist in Andreas Maiers „Die Universität“ hat vor einiger Zeit sein Studium aufgenommen, aber hadert doch stark mit den Lebensumständen.

Die Uni-Seminare bescheren ihm Magenkrämpfe und Hautausschläge, verstehen tut er wenig und er fremdelt auch mit dem Frankfurter „Philosophenjargon“, den sich nach und nach eine größere Zahl der Studierenden aneignet: „(…) kaum ein Satz kam ohne Wörter wie ‚evident‘, ‚heuristisch‘, a priori oder ‚Die Bedingung der Möglichkeit von‘ aus.“ In Gedanken hängt er einer verflossenen Liebe nach, die im Roman immer nur als „Tochter des Buchhändlers“ bezeichnet wird.

Viel Autobiographisches hat der in Bad Nauheim geborene Schriftsteller Andreas Maier im nunmehr sechsten Band seiner Erinnerungschronik verarbeitet. Reale Namen wie der des Philosophen Karl-Otto Apel oder der Gretel Adornos, der Witwe des berühmtesten aller Frankfurter Philosophen, tauchen auf und werfen die alte, wenn auch nicht originelle Frage nach der Referenz und Authentizität der Fiktion auf. Schriftstellerkollegen wie Karl-Ove Knausgård oder Maxim Biller mussten sich Klagen von Personen erwehren, die ihre Erwähnung in der Fiktion verhindern wollten.

Selbiges hat Maier noch nicht erlebt, vielleicht mit einer Ausnahme, die er aber eher augenzwinkernd erwähnt: „Die Buchhändlertochter beklagt sich ab und zu schon, dass sie jetzt gewissermaßen zweimal existiert: einmal im realen Leben und im Roman.“ Maier, der an der Goethe-Universität über Thomas Bernhard promoviert wurde, streitet gar nicht ab, dass er als Grundlage für sein Schreiben auf viel autobiographisch Erlebtes der damaligen Zeit zurückgreifen konnte; er betont aber, dass im Schreibprozess das real Erlebte immer eine formale Gestaltung erfahre.

Der Campus Bockenheim in den späten 80er Jahren. Foto: Universitätsarchiv Frankfurt

Er führt in diesem Zusammenhang gerne das Beispiel einer gotischen Kirchenfassade an: Deren Bildprogramm könne man Jahrhunderte später noch lesen, ohne den Erbauer danach fragen zu müssen, wie autobiographisch nah er den dargestellten Figuren stand. Im Gespräch zeigt Maier auf erfrischende Weise wenig scheu, sich das Zeitfenster seines eigenen Studiums noch einmal in Erinnerung zu rufen und Vergleiche zwischen Romanheld und Autor zuzulassen.

Maiers Protagonist ist ein hochsensibler und grübelnder Zeitgenosse, der glaubt, nichts zu begreifen, und sich ständig überfordert fühlt. Erste literarische Ambitionen versanden, er ist abgelenkt, flüchtet sich in Tagträume, die ihn auch mal über ein zufällig gefundenes Erotikmagazin wieder gedanklich zu einer seiner Jugendlieben zurückführen.

Den Helden zieht es einerseits in die Ferne, er kann aber andererseits noch nicht ganz von der Beschaulichkeit und Vertrautheit seiner Heimatstadt Friedberg loslassen. Der neue und fordernde Lebensabschnitt in der Großstadt Frankfurt ist daher gespickt mit kleinen und größeren Fluchten in die Wetterau.

Studium in einer »Zeit größtmöglicher Freiheit«

„Bei aller biographischer Betrübnis, die ich damals hatte und die auch nicht untypisch für die Lebensphase ist, habe ich das Studium und das Leben in der Stadt Frankfurt sehr genossen“, betont Maier. Er sei froh, in einer Zeit größtmöglicher Freiheit studiert zu haben. „Die Generation vor mir, aber auch die Generation nach mir musste sich mit ganz anderen Einschränkungen, ob hinsichtlich Studienstruktur oder Lebensunterhalt, arrangieren“, sagt Maier.

Dass sein Held sich vom Studium Antworten auf die Fragen seines Lebens erhofft, stellt für ihn in keiner Weise ein Klischee dar. „Welchen anderen Sinn sollte ein Studium denn haben, als dass man darüber auf eine Spur zu sich selbst und zu den Möglichkeiten des Lebens gerät? Ich wäre heute eine komplett andere Person, wenn ich nicht an der Goethe-Universität meine Fächer in völliger Freiheit hätte studieren können.“

Andreas Maier: Die Universität. Berlin: Suhrkamp Verlag 2018

Ein Schlüsselkapitel ist für Maier das mit der uralten Philosophen-Witwe Gretel Adorno; sein Held betreut die schwierige und vom Leben gezeichnete Dame, lässt sich von ihr beschimpfen und erfährt doch die Zeit mit ihr, die im Besuch des Café Laumers, einem der früheren Lieblingsorte ihres Mannes, ihren denkwürdigen Höhepunkt findet, als beglückend. „Ich habe im Augenblick des Schreibens keinen Gedanken daran verschwendet, ob das jemanden interessiert – es hat eben mich interessiert.

Und ich wusste, dass Gretel Adorno dem Buch guttut.“ Maier lebt heute in Hamburg, den Bezug zu seiner Alma Mater hat er ein wenig verloren, erzählt er. Einerseits ist er fasziniert von der architektonischen Schönheit des Campus Westend, schiebt aber sofort nach, dass er nach wie vor ein Studium am Campus Bockenheim bevorzugen würde: „Man stolperte damals aus der Tür des Institutsgebäudes und war gleich im Café Bastos oder im Doctor Flotte.

Im IG-Farben-Haus bewegt man sich dagegen so entrückt wie in einem Gemälde.“ In Bockenheim lief ihm damals ab und zu der ehemalige Spitzenschwimmer und Kommilitone Michael Groß über den Weg; an den zur gleichen Zeit Sportwissenschaften studierenden Jürgen Klopp kann er sich hingegen nicht erinnern. In „Die Universität“ finden sich Hinweise darauf, dass auch im nächsten Band der Erinnerungschronik das Thema Studium seinen Platz finden könnte.

Ein nebenbei erwähntes, in der Buchhandlung Hector erworbenes Buch des römischen Geschichtsschreibers Sallust deutet bereits die künftige Passion des Helden für die altsprachlichen Disziplinen an. Ob er die lateinischen Texte dann bei einer kühlen cervisia im Doctor Flotte rezipiert, darauf darf man gespannt sein.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.18 (PDF-Download) des UniReport erschienen.