Transnational unterwegs – in der Wissenschaft wie im Leben

Den 17. März 2020 wird die Politikwissenschaftlerin und europäische Grenzgängerin Eva-Maria Schäfferle aus zwei Gründen nie vergessen: An diesem Dienstag beginnt der Shutdown in Frankreich, der Zug aus Grenoble endet in Straßburg, dann mit der Straßenbahn über die Rheinbrücke, und ab Kehl geht es mit einigen Hürden weiter nach Frankfurt. Und eigentlich sollte der 17. März 2020 ihr großer Tag werden: Sechs europäische Expertinnen und Experten, die sich mit Fragen der Demokratietheorie in Europa auseinandersetzen, haben zu ihrer Disputation in Grenoble zugesagt – eine ungewöhnlich große Prüfungskommission. Dies ist ein Ausweis für eine den wissenschaftlichen Diskurs anregende Dissertation, die mit „summa cum laude“ und mit dem Wilhelm Bender-Dissertationspreis ausgezeichnet wurde.

Disputation und Feier sind verschoben, aber nicht aufgehoben – vermutlich wird dann auch das Grenzregime während der Corona-Pandemie auf der Agenda stehen. In Schäfferles 600 Seiten starker Dissertation, die von der Frankfurter Professorin Sandra Seubert und ihrem Grenobler Kollegen Prof. Dr. Raul Magni-Berton betreut wurde, geht es um ein transnationales Demokratiemodell. „Nach diesem Modell sollen die Grenzen der modernen Demokratien weder in ihrer aktuellen Form verteidigt noch in einer globalen Ordnung aufgelöst werden“, so die 30-jährige Wissenschaftlerin. Stattdessen plädiert sie für einen „zwischenstaatlichen Deliberationsprozess“.

Eva-Maria Schäfferle forscht und lehrt seit September 2019 als Postdoc an der Goethe-Universität. (Foto: privat)

Wie sich dieser kompliziert klingende Prozess umsetzen lässt, zeigt sie am Beispiel der Europäischen Union: „EU-Bürger, die ihren Aufenthaltsort in einem anderen EU-Land wählen, sind nicht mehr allein den dort geltenden nationalen Regelungen unterworfen. Vielmehr genießen sie seit Einführung der Europäischen Bürgerschaft eine Reihe zusätzlicher Bürgerrechte, die alle europäischen Mitgliedsstaaten – in einem transnationalen Politikprozess – für die Bürger anderer EU-Länder geöffnet haben“, erläutert die Preisträgerin. Konkrete Beispiele für derartige transnationale Rechte findet man bereits in vielen Bereichen – beispielsweise bei der innereuropäischen Mobilität, bei einer Reihe sozio-ökonomischer Rechte (wie Anspruch auf Sozialleistungen) und beim lokalen Wahlrecht.

„Ich habe es selbst als sehr positiv erlebt, dass ich während meines Studiums in Rennes die gleichen Gebühren wie meine französischen Kommilitonen und Kommilitoninnen gezahlt habe, dass ich als Deutsche problemlos ein dreijähriges Promotionsstipendium vom französischen Staat am Institut d’Études Politiques de Grenoble bekommen habe und auch bei der Kommunalwahl in Grenoble meine Stimme abgeben konnte“, berichtet Eva-Maria Schäfferle. Wie kompliziert es allerdings ist, wenn transnationale Regelungen noch nicht existieren, hat sie erfahren, als es um ihre Doppel-Promotion an der Goethe-Universität und der Sciences Po Grenoble, einer „Grande École“ für Sozialwissenschaften, ging. „Aber mit gutem Willen auf beiden Seiten haben wir das geschafft!“

Und wo sieht Schäfferle innerhalb Europas noch entscheidende Hindernisse? Zwar ermöglicht die EU neue Formen der Demokratie auf transnationaler Ebene, allerdings sehen sich ihre Bürger bislang kaum als zentrale Akteure in den neu geschaffenen Entscheidungsprozessen. „Um das Potenzial transnationaler Demokratiemodelle auszuschöpfen, bedarf es deswegen einer stärkeren Einbindung der einzelnen Bürger – und das auf allen Ebenen der Entscheidungsfindung, von der lokalen bis zur transnationalen“, fordert die Politikwissenschaftlerin. „Die Möglichkeit, die Rechte über unsere Vertreter in den EU-Institutionen selbst mitzubestimmen und damit auch zu stärken, bleibt jedoch bisher weitestgehend abstrakt und damit für den Einzelnen schwer greifbar.“

Der Titel ihrer englischsprachigen Arbeit Modern Metics. EU Citizenship and the Boundaries of the Demos spielt mit Begriffen aus der griechischen Antike und überträgt sie auf die heutige Zeit: „Demos“ bezeichnet das Staatsvolk, also die Bürger eines Staates, „Metics“ die Fremden. „In der wissenschaftlichen Literatur wird meist von ‚non-citizens‘ gesprochen, das finde ich sehr neutral. Ich wollte die Probleme der Nicht-Bürger stärker hervorheben. ‚Metics‘ – ‚Metöken‘ auf Deutsch – waren Menschen, die im griechischen Stadtstaat keine Bürgerrechte hatten: Fremde, Fremdarbeiter und Sklaven. Und diese Problematik ist auch nach über 2500 Jahren noch hochaktuell.“ Während sich innerhalb der EU schon vieles verbessert hat, existieren große Probleme für die „Metics“: Für diese Personengruppe, zu denen insbesondere Geflüchtete zählen, ist bürgerliche Teilhabe nicht ansatzweise gelöst.

Auch in ihrer Postdoc-Phase im Team von Prof. Dr. Sandra Seubert, deren Forschungsschwerpunkte Demokratietheorie und Theorie politischer Bürgerschaft sind, wird sich Schäfferle weiter mit Themen wie Immigration und Transnationalismus beschäftigen. Und sie freut sich auf die Lehre, Erfahrungen hat sie bereits im vergangenen Jahr an der renommierten Sciences Po(litiques) Paris gesammelt – auch dies ein Baustein der französischen Promotionslaufbahn. Eine Grenzgängerin zwischen Deutschland und Frankreich wird die junge Politikwissenschaftlerin, die zunächst ein binationales Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Volkswirtschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und dem Institut d’Études Politiques Rennes absolvierte, bleiben, auch wenn ihr erster Wohnsitz nun in Frankfurt ist.

Ulrike Jaspers

DER PREIS UND SEIN STIFTER

Der mit 5000 Euro dotierte Wilhelm Bender-Dissertationspreis wird in diesem Jahr zum zweiten Mal verliehen, er honoriert herausragende Leistungen junger Geistes- und Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler. »Diese Wissenschaften tragen auf zentrale Weise zum Verständnis der Dynamiken, Komplexitäten und Konflikte unserer Gesellschaft bei und sind beim Nachdenken über ihre möglichen Lösungen unverzichtbar«, heißt es in der Ausschreibung des Preises. Im vergangenen Jahr ging der Preis an die Literaturwissenschaftlerin Dr. Annemarie Opp. In diesem Jahr war er an »early career researchers« in der Philosophie und der Politikwissenschaft adressiert – mit der Ergänzung, dass die Arbeiten »zum Verständnis der normativen Ordnungen«, die unsere Zeit prägen, beitragen. Zuständig für Auswahl und Beurteilung der eingereichten Arbeiten war Prof. Rainer Forst, Co-Sprecher Forschungsverbund »Normative Orders« der Goethe-Universität. Stifter ist der Vorsitzende der Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität, Prof. Dr. Wilhelm Bender.

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 4.20 des UniReport erschienen.