Erkundung der Klosterruine in der Nähe des Alexanderplatzes; Foto: Tatjana Meisler

Interdisziplinärer Workshop widmet sich Zerstörung und Verfall in Literatur, Filmen, Videospielen sowie der Berliner Architektur.

Fast täglich begegnen sie uns, doch wahrgenommen werden sie selten: Ruinen. Vergessene, verlassene, verfallende Orte – sie existieren in jeder Stadt. Mal stehen sie seit Jahrzehnten ohne Zukunftspläne leer, mal warten sie seit wenigen Monaten auf die Abrisskugel, doch eins ist ihnen allen gemein: die Natur erobert sich die menschenabwesenden Plätze binnen kürzester Zeit zurück und verbirgt die marode Architektur vor den Blicken vorbeihastender Passanten.

Nähert sich der Betrachter der Ruine schließlich doch, so begibt er sich auf eine Zeitreise. Schon der Philosoph und Soziologe Georg Simmel bewunderte in seiner Abhandlung „Die Ruine. Ein ästhetischer Versuch“ (1907) die friedliche Stimmung, die von einer Ruine ausgehe. Sie vereine die beiden gegensätzlichen Weltpotenzen, die menschliche nach oben strebende Schöpfungskraft und die verzehrend gewaltige Natur, zu einem Bild der Ruhe und seelischen Ganzheit.

Simmels Thesen waren es, die einigen Studierenden des Seminars „Reste, Residuen, Relikte“ (WS 16/17) bei Prof. Susanne Komfort-Hein keine Ruhe ließen. Das Thema trug sich vom Campus in Cafés, und auf die Idee, Ruinen interdisziplinär zu erforschen, folgte der Workshop „Das Narrative im Stummen. Ruinen, Verfall und Zerstörung in Literatur, Filmen und Videospielen aus literarischer, kunsthistorischer und soziologischer Sicht“.

Gefördert wurde das Projekt von Prof. Komfort-Hein und dem Studentischen Projektrat. Die Leitung übernahmen Tatjana Meisler (Germanistik, Judaistik), Sebastian Pavone (Kunstgeschichte, Pädagogik) und Marizela Brkic (Soziologie). In einer zweitägigen Blocksitzung im Juli diskutierten Teilnehmende aus verschiedenen Fachbereichen über die (un)bewusste (Nicht-)Wahrnehmung des Verfallenen, Zerstörten und Ruinösen im Alltag und die gleichzeitig zunehmende Popularität apokalyptischer Dystopien in Wissenschaft, Kultur und Freizeit.

Mit Texten von Simmel, Kracauer, Böhme, Benjamin und Beispielen aus allen Medien erschloss sich die Gruppe in regem Diskurs erste Ruinenbegriffe und schaffte damit die Basis für die abschließende Exkursion.

Reise mit Simmel, Benjamin & Co im Gepäck

Foto: Marisa Dahms

Ende August reiste die Gruppe nach Berlin, um sich inszenierten und echten Ruinen zu widmen. Den Auftakt machte ein Luftschutzbunker am Gesundbrunnen – die Studierenden durften das Relikt deutscher Kriegsgeschichte anderthalb Stunden lang begehen und erfuhren durch die plastisch aufgearbeitete Führung, wie sich intentionale Zerstörung auf die Erforschung und Re-Kontextualisierung der Stadtgeschichte auswirkte.

Die Besichtigung der Fassade des ehemaligen Hotels Esplanade veranschaulichte, welche Blüten die Faszination zum Material-Rest trug: die Stein für Stein neu verortete Fassade des einstigen Grand Hotels steht heute selbst hinter einer Glaswand (s. Foto) und simuliert Authentizität und historische Korrektheit, wird jedoch von der modernen Glas-Architektur des Sony Centers nahezu verschluckt.

Die Begehung der Turmruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche erinnerte an den Ruinendiskurs, der in Berlin entbrannte, als die ganze Stadt sich darüber stritt, wie mit einer zerstörten Kirche umgegangen werden soll. Ein Besuch des Neuen Museums mit seinen (prä)historischen und antiken Fragmenten sowie Architekturresten veranschaulichte den Frankfurter Studierenden die Worte des Kulturwissenschaftlers Hartmut Böhme.

In den aufbereiteten und beschrifteten Relikten hinter Glasvitrinen schien Erinnerung tatsächlich in der „materialen Chiffrenschrift“ mit dem Betrachter zu korrespondieren. Der „Ausdruck der Macht“ und „des elegischen Erinnerns“ wurde angesichts der konservierten, gesäuberten sowie inszenierten und institutionalisierten Ausstellungsstücke im Museum besonders deutlich. Das Kontrastprogramm folgte sogleich im zweiten Teil der Exkursion.

Eine Besichtigung des ehemaligen Kinderkrankenhaus im Weißensee führte die Gruppe an einen bekannten lost place der Berliner Urban-Explorer-Szene. Von dachhohen Bäumen umzäunt und durch wild wachsendes Gebüsch von der Straße aus kaum zu erkennen, versteckt sich das 1911 in einer Parkanlage eröffnete Säuglings- und Kinderkrankenhaus. Knapp 90 Jahre später schloss die Einrichtung ihre Pforten.

Seitdem verwahrlost der Gebäudekomplex. Die Herrenlosigkeit der Häuser wird in unzähligen Graffiti, Dachlücken, in den Angeln hängenden Türen und Fenstern, offen liegenden Kabeln und der in allen Löchern und Ritzen sich durchzwängenden Natur deutlich.

Ruine am Alex

Eine komplett andere zeitliche Dynamik zeigte die Franziskaner-Klosterkirche, ein zeitenthobener Ort nahe des Alexanderplatzes. Diese Ruine fügt sich in die Atmosphäre ihres Viertels und präsentiert sich als eine Oase der Ruhe, Ausstellungsort für moderne Kunst und Schutzraum vor der nur wenige Meter entfernten Großstadthektik. Den Abschluss der Exkursion stellte eine exklusive Führung im Spreepark dar, einem still gelegten Rummelplatz.

Der einst belebte und von zahlreichen Familien besuchte Ort ist heute unzugänglich, die Fahrgeschäfte abgeschaltet. Nur das Riesenrad dreht sich laut knarzend im Wind. Die Frankfurter Gruppe diskutiert beim Abschlusstreffen in der Ufa-Fabrik über die Unterschiedlichkeit von Ruinen, ihre Ästhetik und Wirkungsweise. Es wurde ein neues Wort kreiert, um den Ruinen-Trend zu bezeichnen. Eine Utopie ist selbst die romantische Ruine nicht, eine Dystopie wäre zu kurz gegriffen. Wie wäre es mit Transtopie?

Die Ruine als Schwellenort für Bedeutung, Geschichte und Zukunft, vereint in dem gegenwärtigen Blick des Rezipienten. Die Studierenden der Goethe-Universität sind sich einig, dass der verweilende Blick auf Ruinen wissenschaftlich viel Material zum Weiterforschen bietet. Sie wollen sich im nächsten Semester erneut auf Spurensuche begeben. Ruinen 2.0 – diesmal mit Schwerpunkt Ästhetik.

Tatjana Meisler und Sebastian Pavone

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 5.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.