Im Faculty Club des House of Finance: Studierende der Dean’s List im Gespräch mit Prof. Hans-Joachim Böcking (l.) und Peter Müller von der Bayer AG. Foto: Dettmar

Im Faculty Club des House of Finance: Studierende der Dean’s List im Gespräch mit Prof. Hans-Joachim Böcking (l.) und Peter Müller von der Bayer AG. Foto: Dettmar

Wer bei den Wirtschaftswissenschaftlern zu den 5 Prozent der besten Bachelorstudierenden gehört oder im Masterstudiengang auf »sehr gut« steht, kommt auf die »Dean’s List« und wird zu exklusiven Treffen mit Unternehmensvertretern eingeladen.

Da kommt ein bisschen Privat-Uni-Stimmung à la WHU in Koblenz-Vallendar auf: 30 Wiwi-Studierende der Goethe-Universität betreten in der Abendsonne den Faculty Club des House of Finance, stärken sich erst am Buffet und nehmen dann Platz im Kreis rund um Professor Hans-Joachim Böcking und dem Wirtschaftsvertreter des Abends, dem Konzernbereichsleiter Finanzen der Bayer AG, Peter Müller. Sie haben sich chic gemacht. Man sieht viele Hemdkragen, vereinzelt Blazer und Pumps, aber auch Hoodies und Turnschuhe. Solche kleinen feinen Runden erwartet man nicht an einem Fachbereich mit rund 4.500 Studierenden.

Sehr konzentriert lauschen sie, was Müller von seinem Werdegang zu berichten hat, dem mit 100 Mrd. Euro Marktkapitalisierung wertvollsten deutschen Unternehmen und der Geschäftsentwicklung der Bayer AG. Müller ist den Studierenden sehr zugewandt, geht auf viele Fragen ein und lockert mit einigen Scherzen auch die stille Zuhörerschaft auf. Kurz vor 18 Uhr hatte er sich noch mit den sechs Sprechern „Ich bin nicht kategorisch gegen Bestenförderung, aber müssten nicht eigentlich gerade die schwächsten Studierenden die stärkste Förderung erfahren?“ (Prof. Tim Engartner) der Dean’s List beraten, wie Bayer sich als neuer Unternehmenspartner bei der Dean’s List einbringen kann. Werksführungen, Finanz-Workshops, Praktika werden angesprochen. „Praktika sind etwas, was wir relativ leicht ermöglichen können“, sagt er später im Plenum. Kein Zweifel, die Anwesenden sind dafür in der Pole Position.

„Als wir 2007 auf Bachelor- und Masterstudiengänge umstellten, haben wir als weitere Neuheit nach anglo-amerikanischem Vorbild die Dean’s List eingeführt“, erklärt Doreen Günther, Leiterin der Student Services den Ursprung. Seitdem pflegen nicht nur die Universitäten Pittsburgh, Cornell oder Washington Bestenlisten, sondern auch immer mehr deutsche Hochschulen wie die in Köln, Hohenheim, Würzburg, München oder eben Frankfurt. Hierzulande kurioserweise meist beschränkt auf die Wirtschaftswissenschaften.

260 Studierende auf der Dean’s List

Die Ziele einer solchen Bestenförderung von Seiten der Uni kann Dekan Andreas Hackethal klar benennen: „Den leistungsstärksten Studierenden erfüllen wir den Wunsch nach sichtbarer und prestigereicher Zertifizierung ihrer Leistung und Austausch untereinander, potenziellen Arbeitgebern den Wunsch, mit genau dieser Gruppe in Dialog zu treten.“ Anders als in den USA wird die Liste hier jedoch nicht öffentlich ins Netz gestellt, sondern die Firmen sprechen die Studierenden nur über Verteiler der Uni an. Von der Dean’s List profitierten am Ende viele, weil Beiträge der Partnerfirmen zur Verbesserung der Career Services für alle Studierenden genutzt würden“, sagt Hackethal. „Widerstände sind mir keine bekannt. Die Akzeptanz intern und bei Firmen ist sehr hoch.“ Deshalb sei die Dean’s List 2013 sogar auf Master-Programme erweitert worden.

260 Studierende stehen aktuell auf der Liste – mit Bleiberecht für den gesamten Studiengang. „Denn wir haben gesehen, dass ohnehin die meisten ihre Noten halten“, sagt Doreen Günther. Am 30.4. war gerade Stichtag für die Neuaufnahmen aus dem Wintersemester 2014/2015: 27 neue Masterstudierende und 66 neue Bachelorstudierende kommen hinzu. „Und dass, obwohl man als Erstsemester für den Listenplatz einen Schnitt von 1,0 braucht“, ist Doreen Günther selbst erstaunt.

Während Eliteförderung in Amerika oder an Privatunis selbstverständlich ist, steht sie an einer großen öffentlichen Universität schnell in der Kritik, einen Keil zwischen die Studierenden zu treiben und der großen Masse der „normal talentierten“ etwas wegzunehmen. Selbst die FAZ titelte neulich etwas hämisch „Extrawurst für Elitestudenten“.

„Den leistungsstärksten Studierenden erfüllen wir den Wunsch nach sichtbarer und prestigereicher Zertifizierung ihrer Leistung und Austausch untereinander, potenziellen Arbeitgebern den Wunsch, mit genau dieser Gruppe in Dialog zu treten.“ (Prof. Andreas Hackethal)

Doch die nicht geförderten Wiwi-Studierenden haben offensichtlich wenig Probleme mit der Dean’s List: „Sie ist doch für alle ein guter Ansporn, sich im ersten Semester ins Zeug zu legen“, sagt etwa Büsra, 3. Semester Bachelor. „Außerdem gibt es genug andere Möglichkeiten, über die studentischen Initiativen und Jobmessen mit Unternehmen in Kontakt zu kommen. Man muss dazu nur aktiv werden.“ Wenn demnächst eines der 14 Partnerunternehmen, diesmal die KfW – Kreditanstalt für Wiederaufbau –, zur Auszeichnungsfeier einlade, sei das sicher nichts, mit dem man überall herumprahle, sind sich die Dean-List-Sprecher einig. „Aber letztendlich hat jeder die Chance, auf die Liste zu kommen“, meint Said Haschemi. „Und dann kommt es immer noch auf einen selbst an, ob man etwas daraus macht.“

Förderung von »Ellenbogenmentalität«?

Nachahmer der Dean’s List sucht man an den anderen Fachbereichen der Goethe-Uni bislang vergebens. „Haben wir nicht und ist auch nicht geplant“, winkt My-Sun Kim, Leiterin des Referats für Studienangelegenheiten am Fachbereich Rechtswissenschaft ab. Für die Mediziner verneint der Dekan, Prof. Josef M. Pfeilschifter: „Wir vertrauen auf die klassischen Hochbegabtenförderungswerke wie Studienstiftung etc., in denen die Mediziner überproportional vertreten sind.“ Keine Chance hätte die Einführung einer Dean’s List am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, ist sich Tim Engartner, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften, sicher. „Ich sehe die Gefahr in der Dean’s List darin, dass sie den Wettbewerb zwischen den Studierenden übergebührlich verschärft, weil ich ja nicht nur einen bestimmten Notenschnitt erreichen muss, sondern auch möglichst viele Kommilitoninnen und Kommilitonen hinter mir lassen muss, um zu den Besten zu gehören! Das fördert aus meiner Sicht die Ellenbogenmentalität.“

Der Wettbewerbsgedanke scheint ihm – studiengangsbedingt – bei den Studierenden am Fachbereich 2 wesentlich stärker ausgeprägt zu sein „als an unserem Fachbereich. Erschließen sich unsere Studierenden den Zugang zum Arbeitsmarkt doch nicht allein mit guten Noten, sondern häufig über einschlägige Praktika, ehrenamtliches Engagement, Fremdsprachenkenntnisse und berufsfeldbezogene Abschlussarbeiten.“ Vermutlich sei gerade diese ausgeprägte Wettbewerbsorientierung unter angehenden Ökonomen auch der Grund dafür, dass die große Masse der nicht geförderten Studierenden diese Form der Bestenförderung akzeptiere. „Gerade an einer großen Universität wie unserer ist individuelle Talentförderung zweifellos wichtig. Von daher bin ich nicht kategorisch gegen Bestenförderung, aber müssten nicht eigentlich gerade die schwächsten Studierenden die stärkste Förderung erfahren?“, fragt er sich. „Wenn sich die Hochschulen künftig für ein noch breiteres Publikum öffnen, wird die Kluft zwischen den schwächsten und besten Studierenden eines Jahrgangs weiter wachsen. Insofern wird unser Auftrag noch stärker darin liegen, an beiden Rändern zu fördern. Und da die Jahrgangsbesten vom Arbeitsmarkt ohnehin privilegiert werden, stellt sich mir die Frage, ob man die Dean’s List überhaupt braucht.“

Jens Blank vom Career Service für alle Studierenden der Goethe-Universität vertritt indes eine ganz pragmatische Sicht: „Die Dean’s List ist ein gutes Mittel, um zu zeigen, wo man steht und sich von anderen Bewerbern abzuheben. Daher empfehle ich sehr, sie genauso wie ein Deutschlandstipendium oder andere Auszeichnungen in den Lebenslauf aufzunehmen. An diesen Indikatoren können die Unternehmen erkennen, dass der Bewerber zu den Begabtesten seines Jahrgangs gehört und sich – wenn er Stipendiat ist – meist auch besonders engagiert.“ Für ihn sei die Dean’s List „eine schöne Sache, die andere Fachbereiche ruhig adaptieren sollten“. [Autorin: Julia Wittenhagen]