Dr. Claudia Lazanowski von der Psychotherapeutische Beratungsstelle spricht im Interview über typische Probleme von Studierenden, angemessene Reaktionen von Mitarbeitern und die Angebote des Teams.

Für Studierende, die unter Studienschwierigkeiten leiden oder in persönliche Krisen geraten sind, gibt es an der Goethe-Universität verschiedene Beratungsangebote. Eines davon ist die Psychotherapeutische Beratungsstelle für Studierende am Campus Bockenheim, die zum Studien-Service-Center (SSC) gehört.

Im fünften Stock des Sozialzentrums arbeiten dort vier Kolleginnen. Die Psychologinnen und Ärztinnen bringen Expertise aus verschiedenen Bereichen mit: Tiefenpsychologie / Psychoanalyse sowie Verhaltenstherapie. Zwei Drittel der Ratsuchenden sind Frauen. Das Angebot ergänzt sich mit niederschwelligeren, nicht therapeutischen Services von Studentenwerk und Hochschulgemeinden.

Folkerts: Frau Dr. Lazanowski, Sie sind auf dem Campus Bockenheim, viel spielt sich mittlerweile eher im Westend oder auf dem Riedberg ab. Wie stark wird Ihr Angebot vor diesem Hintergrund (trotzdem) wahrgenommen?

Lazanowski: Zunehmend! Wir haben etwa die doppelte Anzahl von Studierenden seit 2005/2006, die bei uns Hilfe suchen: Damals waren es gut 250 Neuanmeldungen im Jahr, die letzten zwei Jahre über 500. Gleichzeitig ist die Dringlichkeit gestiegen. Die Studierenden brauchen schneller eine Beratung, um zum Beispiel nicht exmatrikuliert zu werden, das ist u.a. bei den Medizinern oder Juristen ein Thema – in dem Maße gab es das vor zehn Jahren noch nicht.

Mit welchen Problemen kommen die Studierenden zu Ihnen?

Vielen kommen natürlich mit Lernstörungen oder Prüfungsängsten. Ein anderes Thema sind Schwellenängste vor dem Studienabschluss: Wie schließe ich ab, was kommt nach dem Studium, bin ich qualifiziert genug für den Arbeitsmarkt, habe ich genügend Rückgrat und Ellenbogen? Diese Ängste sind vor allem bei den Gesellschaftswissenschaftlern sehr ausgeprägt, bei denen es eben keine klaren Berufsbilder gibt. Hinzu kommen Sorgen, an der großen Universität in der Masse unterzugehen, nicht ausreichend betreut zu werden, zu vereinsamen.

Die Loslösung vom Elternhaus – es gibt ja auch einige Studierende, die vom Land oder weiter her kommen und hier niemand kennen – erleben einige auch als schwer, da es nicht immer leicht ist, an der Uni anzudocken. Das hängt auch oft von der jeweiligen Kultur im Fachbereich ab. Viele Studierende kommen auch mit Beziehungskonflikten zu uns. Und dann gibt es zunehmend Studierende, die eine depressive Verstimmung haben oder eine Angststörung, von der Prüfungsangst bis hin zu schweren, generalisierten Ängsten oder auch Persönlichkeits- und Essstörungen.

Mit wem arbeiten Sie innerhalb der Universität zusammen?

In erster Linie mit Kollegen aus dem SSC von der Studien- und Karriereberatung, dem Studentenwerk, dem Schreibzentrum sowie mit der katholischen und evangelischen Hochschulgemeinde und dem Ombudsmann. Außerhalb des Beratungsbereichs kooperieren wir auch mit Fachberatern der einzelnen Fachbereiche, ansonsten teilweise auch die Dekanatsmitarbeitern oder Professoren.

Wie sieht eine typische Beratung bei Ihnen aus?

Normalerweise führen wir das Erstgespräch, hören uns den Fall an, fühlen in das Thema hinein und überlegen dann die nächsten Schritte. In einigen Fällen reicht ein erstes, klärendes Gespräch schon aus oder ein paar Sitzungen bei uns. Viele Studierenden mit studienbezogeneren oder sozialen Problemen gehen aber auch zu den psychosozialen Beratungsstellen der Hochschulgemeinen oder des Studentenwerks oder zu den Beratern im Fachbereich.

Die Studierenden, die zu uns kommen, haben oft komplexere Belastungen/Problemlagen oder Störungen. So verweisen wir bis zu 70 Prozent schon weiter an externe Therapeuten oder Einrichtungen. Das müssen nicht immer schwerwiegende Störungen sein, aber allein eine Kurzzeittherapie kann sehr hilfreich sein, wenn man in einer Krise steckt – ob das nun Lernstörungen sind oder der plötzliche Tod eines Elternteils. Wir kennen viele niedergelassene Psychologen und Institutionen, die gerne mit uns und den Studierenden zusammenarbeiten, sodass wir schauen können, welches Angebot zu wem passt.

Angeblich leidet – so war kürzlich der Presse zu entnehmen – jeder fünfte Studierende in Deutschland unter psychischen Störungen; insbesondere hessische Studierende würden zu Antidepressiva greifen. Passt das zu Ihren Beobachtungen?

Die Zahl erscheint mir doch recht hoch, aber wenn das Spektrum von den ganz leichten bis zu den sehr schweren Störungen reicht, kann ich die Aussage unterstützen. Antidepressiva nehme einige Studierende, und ich habe auch den Eindruck, dass der Medikamentenkonsum insgesamt höher geworden ist – früher hat man vielleicht doch eher versucht, Dinge im Gespräch zu lösen und stand auch im Studium weniger unter Druck, auch was die Regelstudienzeit angeht oder den Zwang, zum Lebensunterhalt noch nebenbei arbeiten zu müssen.

Es ist allerdings auch so, dass sich einige Behandlungen effektiver gestalten, wenn eine Zeitlang ein Antidepressivum genommen wird – beispielsweise, wenn jemand suizidal ist oder gar nicht mehr schlafen kann. Wobei wir hier keine Antidepressiva verordnen.

Haben Sie einen Rat für Lehrende und andere Mitarbeiter, die in Kontakt kommen mit Studierenden in einer Notsituation?

Ja, wenn es möglich ist, sollten sie sich in einer möglichst ungestörten Situation zumindest kurz Zeit für den Studenten oder die Studentin nehmen, um ihm oder ihr zu vermitteln, ernstgenommen und unterstützt zu werden, ihm oder ihr vielleicht auch einen Sondertermin geben und ansonsten sehr gerne an uns verweisen. Studierende in einer echten Notsituation bekommen bei uns in der Regel innerhalb von wenigen Tagen einen Termin.

Gut ist es, wenn die jeweiligen Mitarbeiter schauen, was ihnen auffällt, etwas gezielter darauf eingehen und versuchen, das Vertrauen der Studierenden zu suchen und ihnen klarzumachen, dass man einfach nur helfen willen, denn es gibt einige Studierende, die auch schambesetzt hierher kommen oder denken, sie würden pathologisiert. Bei sehr dramatischen Fällen – etwa, wenn ein Student sich das Leben nehmen will oder andere ernsthaft bedroht – muss natürlich die Polizei geholt werden, aber so etwas passiert glücklicherweise nicht oft.

Und noch ein Punkt: Fast die Hälfte unserer Beratung-Suchender hat einen Migrationshintergrund, viele kommen aus Osteuropa, der Türkei oder dem arabischen Raum. Ich hatte jetzt auch einige syrische Studierende, die zwar schon vor dem Krieg hier waren, aber jetzt diese Problematik über die Situation ihrer Familien in teils extremer Weise mitbringen. Öfters waren schon Studentinnen bei uns aus Afghanistan oder Marokko, bei denen der Vater nicht wollte, dass die Tochter studiert, sondern lieber nur heiratet.

Für Uni-Mitarbeiter, die in Kontakt mit solchen Situationen kommen, ist es gut zu wissen, dass es ein muslimisches Seelsorgetelefon gibt  und die Beratung vom internationalen Familienzentrum (IFZ Frankfurt). Die Berater dort können zum Beispiel sehr kompetent auch zu Themen wie Zwangsehe beraten, sprechen die Muttersprache der Hilfesuchenden, und auch Eltern bzw. Familien können mit zur Beratung kommen.

Weiter Informationen zur Psychotherapeutischen Beratungsstelle für Studierende der Goethe-Universität sowie Links zu weiteren Beratungsangeboten gibt es hier.