Prof. Dr. Elisabeth Hollender

Das »kleine Fach« feiert 50-jähriges Bestehen

Im April 2020 feiert die Frankfurter Judaistik ihren 50. Geburtstag. Und wie der Name schon anklingen lässt, steht im Mittelpunkt der Judaistik das Judentum. Doch es geht nicht nur um religionswissenschaftliche Aspekte, sondern auch um die Sprachen, die Kultur und die Geschichte der Juden von den Anfängen bis in die Gegenwart. Damit ist das Fach mit zahlreichen anderen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Geschichte, Philosophie oder Kunst eng verflochten.

Wie die Judaistik nach Frankfurt kam

Schon im Jahr 1915, also kurz nach Gründung der Frankfurter Universität, fanden erste Veranstaltungen zum Judentum statt. Diese waren damals noch an das Orientalische Seminar angegliedert, so dass auch ein Professor der Orientalistik, Prof. Horovitz, die Lehre übernahm. In den Folgejahren waren Forschung und Lehre in Frankfurt geprägt von Offenheit und einem wachsenden Interesse am Judentum. So fand schließlich auch Martin Buber seinen Weg nach Frankfurt, um hier jüdische Religionslehre und Ethik zu unterrichten. Diese Entwicklung nahm mit der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten ein jähes Ende und es sollten Jahrzehnte vergehen, bis die Judaistik ihren festen Platz an der Universität einnehmen konnte. Im April 1970 war es schließlich soweit, und das Seminar für Judaistik wurde mit einem wichtigen Anspruch gegründet.

„Damals ging es primär darum, durch Bildung und Forschung Antisemitismus in der Gesellschaft zu bekämpfen. Man war der Ansicht, dass mehr Wissen langfristig auch zu weniger Vorurteilen führt“, erklärt Prof. Dr. Elisabeth Hollender, die seit 2011 eine der beiden Professuren der Judaistik innehat. Frankfurt wurde damit zu einem der wenigen Universitätsstandorte in Deutschland, die sich der Erforschung des Judentums widmeten. Auch heute noch ist die Zahl der Judaistik- Institute in Deutschland überschaubar, so dass das Fach mit seiner relativ geringen Anzahl an Standorten, Professuren und Studierenden die wesentlichen Voraussetzungen für ein kleines Fach erfüllt. Doch wie studiert es sich am Seminar für Judaistik in Frankfurt?

Das Studium

Alena begann ihr Studium der Geschichte, Sinologie und der empirischen Sprachwissenschaften 2016 an der Goethe-Universität. Zur Judaistik kam sie über einen kleinen Umweg: „Eine Kommilitonin überredete mich damals, zu einer Vorlesung der Judaistik mitzukommen. Obwohl meine Kommilitonin selbst nicht zu unserer Verabredung kam, gefiel es mir vom ersten Moment an so gut, dass ich das ganze Semester dablieb und später meine Nebenfächer zu Judaistik und Religionswissenschaft wechselte.“

Bereut hat sie diese Entscheidung nie, und wenn Alena von ihrem Studium erzählt, bekomme ich schnell den Eindruck, dass sie noch genauso neugierig ist wie in dieser einen ersten Vorlesung. „Neugierde“ – dieses Wort fällt auch Prof. Hollender zuerst ein, als ich sie frage, was man für ein erfolgreiches Studium mitbringen sollte. „Man sollte neugierig sein und die Bereitschaft mitbringen, sich auf Neues einzulassen. Das gilt besonders auch für die Fremdsprachen, was vielen zu Beginn des Studiums nicht ganz klar ist.

In den ersten Studienjahren absolviert man einen intensiven Hebräisch-Kurs, und das ist eine Sprache, die sehr anders ist als die, die man aus der Schule kennt.“ Besondere Vorkenntnisse zur jüdischen Kultur oder Geschichte brauche man hingegen nicht. Das mache den Einstieg zwar leichter, aber hin und wieder stellten die unterschiedlichen Vorkenntnisse der Studienanfänger eine Herausforderung dar. „Die meisten kommen ohne besonderes Vorwissen an die Uni. Manche sind aber auch praktizierende Juden und wissen daher sehr viel über ihre Religion und ihre Riten. Andere engagieren sich jahrelang ehrenamtlich und haben deshalb ein breites Wissen zum Antisemitismus“, sagt Alena.

Köln 1266: Erzbischof Engelbert II. gibt den Juden das Privileg zur ungehinderten Bestattung ihrer Toten vor der südlichen Stadtmauer (Judenbüchel). Foto: HOWI/Wikimedia

Doch die unterschiedlichen Hintergründe, Erfahrungen und Interessen der Studis sind nicht selten auch eine große Bereicherung. So berichtet Prof. Hollender von einer Veranstaltung im letzten Semester, deren Thema auf die Anregung eines Studierenden zurückging. Auch Alena ist überzeugt, dass das Feedback der Studis sehr ernst genommen wird: Sie seien mit ihren Erfahrungen eingebunden worden, als ein neuer Nebenfach-Studiengang, Jüdische Geschichte und Kultur, entwickelt werden sollte. Das Verhältnis zwischen Studierenden und Dozierenden ist spürbar geprägt von Offenheit und gegenseitiger Unterstützung.

Alena erzählt: „Der Zusammenhalt ist unglaublich stark. Wir Studis helfen uns gegenseitig und sind frei von Konkurrenzdenken. Die Dozierenden unterstützen uns auch, wo sie können: Sie vermitteln Stipendien, setzen ihre Kontakte ein und beraten uns im Alltag.“ Elisabeth Hollender sieht das ähnlich: „Wir setzen uns zu Beginn des Semesters oft mit Pizza und Wein zusammen. Und wenn wir Mitte November unsere Erstis nicht alle mit Namen kennen, haben wir etwas falsch gemacht.“ Vor einigen Jahren fand man bei Ausgrabungen im ehemaligen jüdischen Viertel in Köln zahlreiche beschriebene Schiefertafeln, die Einblicke in den mittelalterlichen Alltag der Juden vor der Zerstörung des Viertels geben. Prof. Hollender, die die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Tafeln betreut, verlegte kurzerhand eines ihrer Seminare nach Köln.

Die Studierenden sollten einen authentischen Eindruck vom akademischen Alltag bekommen und davon, dass das breite Wissen, das im Studium vermittelt wird, auch in konkreten Forschungsfragen mündet. Und als man in Mainz nach einer Hilfskraft suchte, vermittelte Prof. Hollender einen ihrer Seminarteilnehmer. „Ich kenne meine Leute und muss dementsprechend nicht lange überlegen, wer für so eine Stelle infrage kommt. Unsere Studis sind hoch motiviert. Manchmal ist mir schon bei Studierenden im Bachelor klar, dass ich auch die Promotion gerne betreuen möchte.“ Und wer schon im Bachelor ernsthaft forschen möchte, hat auch hierzu Gelegenheit – eine weitere Besonderheit der kleinen Fächer.

Ausgebildeter Judaist – und jetzt?

Aber irgendwann kommt er, der Studienabschluss, und mit ihm die Frage: Und jetzt? Alena lacht bei der Frage nach ihrer beruflichen Zukunft: „Das werde ich oft gefragt und ich sage dann: Taxi fahren. Aber ernsthaft: Natürlich gibt es wenige Berufe, die speziell für Judaisten ausgelegt sind, aber gleichzeitig gibt es auch wenige Experten. Und ein Experte an der richtigen Stelle kann umso mehr erreichen.“ Entscheidend ist, frühzeitig Kontakte aufzubauen und Chancen zu ergreifen. „Die besten unserer Leute promovieren, aber grundsätzlich gehen unsere Absolventen in sehr verschiedene Bereiche“, sagt Elisabeth Hollender.

Eine Absolventin leite ein kleines jüdisches Museum in den neuen Bundesländern, eine andere sei in der Kulturabteilung der israelischen Botschaft tätig, und wiederum eine andere arbeitet für ein katholisches Bistum im Bereich jüdisch-christlicher Dialog. Und natürlich gebe es auch diejenigen, die diesem Bereich den Rücken kehren und andere Karrierewege einschlagen. „Einer meiner Kommilitonen übernahm nach seinem Abschluss beispielsweise die Geschäftsführung einer Produktionsfirma für Werbefilme.“

Wie bei allen Geisteswissenschaftlern ist Flexibilität und Vielseitigkeit eine Tugend. Am Ende möchte Alena noch etwas loswerden: „Wenn ich von meinem Studium erzähle, passieren fast immer zwei Dinge. Erstens wird Judaistik komischerweise oft mit Jura verwechselt. Wenn ich den Irrtum dann aufgeklärt habe, werde ich zweitens gefragt, ob ich Jüdin bin. Dabei sind wir keine Religionsschule und kein Rabbinerseminar. Wir machen objektive Wissenschaft und das ist wichtig.“

Natalia Zajić

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.20 des UniReport erschienen.