Die Goethe-Universität sendet einmal im Jahr eine Delegation zur NMUN nach New York.

Unter den sechs Standorten in Deutschland, an denen man studieren kann, warum Kriege entstehen und was Frieden sichert, bietet Frankfurt durch enge Kooperation mit der TU Darmstadt und der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) ein besonders breites Spektrum.

Der Bologna-Reform ist es zu verdanken, dass wir neue, interdisziplinäre Masterstudiengänge entwickeln konnten“, erklärt Tanja Brühl, bis vor Kurzem Vizepräsidentin der Goethe-Universität und Professorin am größten Institut für Politikwissenschaft in Deutschland. Am Entstehen des Masterstudiengangs „Internationale Studien/ Friedens- und Konfliktforschung“ hat sie 2007/8 maßgeblich mitgewirkt.

„Heute können wir uns vor Bewerbungen nicht retten“, sagt sie. 500 bis 600 Studierende bewerben sich jedes Wintersemester um die 60 Studienplätze, die meisten davon mit Politikwissenschaft im Haupt- oder Nebenfach. Was sie motiviert, sind aus Brühls Erfahrung vor allem zwei Dinge: „Sie möchten empirisch verstehen, wie sich Kriege entwickeln und welche Faktoren Frieden begünstigen. Oder haben den normativen Ansatz, die Welt besser zu machen. Beides ist legitim.“

Starke Partner

Die Friedensforschung sei eine junge Disziplin, die erst in den 60er-Jahren entstand. Von Anfang an habe die Goethe-Universität eng kooperiert mit dem Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. „Als der Wunsch nach einem entsprechenden Studienangebot aufkam, konnten wir die HSFK glücklicherweise einbinden.“ Das sei für ein Forschungsinstitut eher ungewöhnlich.

Mit dem Verständnis für die Theorie internationaler Beziehungen, normative Grundlagen der Weltordnung, Globalisierungsprozesse, internationale Akteure und viele Bausteine mehr soll sich der Blick weiten, sollen die Studierenden die Fähigkeit zu einer differenzierten Analyse von inner- und zwischenstaatlichen Konflikten sowie einer reflektierten Entwicklung von Strategien der Konfliktregelung und Friedensförderung gewinnen.

Wahlpflichtmodule, in denen die Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sowie Ingenieur- und Naturwissenschaften mitwirken, sind Teil des Masterstudiengangs. „Um den Studiengang richtig einzigartig zu machen, fehlte uns damals nur noch die naturwissenschaftliche Friedensforschung, wie sie an der TU Darmstadt vertreten wird. Wichtig ist uns natürlich auch die Einbindung der politikwissenschaftlichen Expertise der Darmstädter Kolleg*innen“, sagt Tanja Brühl.

Die Partner-Universität bereichert den Studiengang um Themen wie technikbedingte Konflikte durch den Umgang mit nuklearer und biotechnologischer Forschung und Technologie, Klimapolitik oder den Zusammenhang von Internationaler Entwicklungszusammenarbeit und Technologieeinsatz. Das Konzept sieht vor, dass mindestens sechs Lehrveranstaltungen an der Universität Frankfurt und vier an der Technischen Universität Darmstadt besucht werden.

Angenehmer Nebeneffekt: Die Studierenden sind an beiden Unis eingeschrieben und profitieren so nicht nur von geballtem Wissen, sondern auch doppeltem Zugang zu Bibliotheken oder Partneruniversitäten im Ausland. Das ist in diesem Studiengang sehr hilfreich, denn über 50 Prozent der Studierenden machen ein Auslandssemester oder waren zuvor im Ausland.

Lust am Debattieren

„Ich sage den Erstsemestern immer, sie sollen sich ihre Sitznachbarin oder ihren Sitznachbarn noch einmal gut anschauen, weil jede Person sich ihr eigenes Profil baut und sie sich möglicherweise so schnell nicht wiedersehen“, sagt Brühl. Zu den Voraussetzungen zählt sie neben einem guten Bachelorabschluss, profunden Englischkenntnissen und einem überzeugenden Motivationsschreiben vor allem Neugier, Lust am Lesen („es geht darum, viele Theorien aufzuarbeiten“) und Lust am Debattieren.

Natürlich findet auch die Tagespolitik regelmäßig Eingang in die Debatten. „Wir haben unruhige Zeiten. Das globale Kräftegleichgewicht verschiebt sich etwa durch das Erstarken Chinas. Und durch soziale Medien dringt vieles ungefiltert und einseitig zu den Menschen durch.“ Wie man bei kontroversen Themen die Perspektiven anderer Nationalitäten einnimmt und Pro und Contra sorgsam abwägt, gehört zu den erwünschten Lernzielen im Studium.

Besonders gut transportiert dies das internationale Rollenspiel „National Model UN“, bei dem studentische Delegationen der Goethe-Uni schon häufig Preise gewonnen haben. Am Standort New York simulieren Uni-Teams aus vielen Ländern echte UNO-Debatten, indem sie im Plenum die Interessen eines bestimmten Landes vertreten. „Wir vertreten diesmal gemeinsam mit der University of Texas Frankreich“, sagt Brühl.

Es sei eine besondere Herausforderung, den amerikanischen Studierenden näherzubringen, wie die EU funktioniert. „Einmal waren wir die Islamische Republik Iran und mussten lernen, über die Frauenrechte ganz anders zu diskutieren, als wir das mit unserer westlichen Denke normalerweise tun“, erinnert sich Brühl. Man nimmt was fürs Leben mit, ist sie sicher.

Die Mischung aus Faktenwissen über das Land, Einblicke in die UNO und interkulturellem Lernen sei so großartig, dass ehemalige Delegierte eine ähnliche Veranstaltung für Studierende in Frankfurt etabliert haben: MainMUN. Seit dem Winter 2005 verwandelt sich der Campus Westend der Goethe-Universität jährlich für vier Tage in diplomatisches Parkett.

Die Konferenz für rund 200 Delegierte aus ganz Europa samt Rahmenprogramm, zu dem Expert*innenrunden, prominente Gastredner*innen – die genderneutrale Sprache ist den Poltikwissenschaftlern wichtig – und Abendveranstaltungen gehören, werden von einem Team Studierender ehrenamtlich organisiert und durchgeführt. Diese Erfahrung kann, genauso wie das zweimonatige Pflichtpraktikum, dabei helfen, beruflich Fuß zu fassen.

Die Möglichkeiten für Absolventen und Absolventinnen bewertet Brühl als sehr gut. „Wir bilden nicht für einen bestimmten Berufsweg aus. Unsere Absolvent*innen können bei vielen Arbeitgebern unterkommen.“ Die Liste reiche von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) im Rhein-Main-Gebiet über internationale Organisationen wie UNO, EU, die auswärtigen Ämter aller Länder und diverse NGOs bis zu Bildungsträgern, Medien und Parteien.

Fragen an Martin von Langenthal, Student des Masterstudienganges ISFK:

Warum haben Sie sich für den Studiengang entschieden?

Die Größe des Instituts in Frankfurt, die Einbindung der HSFK und die Kooperation mit der TU Darmstadt breiten ein sehr großes fachliches Spektrum aus, in dem man sich relativ frei spezialisieren kann. Das ist in meinen Augen deutschlandweit einzigartig und ich bin immer wieder froh, daran teilhaben zu können.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Meine Erfahrungen mit dem ISFK Master sind ganz überwiegend positiv. Natürlich sind die Seminare im Master fordernder als im Bachelor, das empfinde ich als sehr positiv, da in meinen Augen mit den gestiegenen Anforderungen auch z.B. die Qualität von Diskussionen in Seminaren steigt. Die hohen Anforderungen führen auch dazu, dass die ganz überwiegende Mehrheit der Studierenden den Master nicht in Regelstudienzeit abschließt. Natürlich ist auch der ISFK Master davon betroffen, dass die Studierendenzahl immer weiter zunimmt. Ernsthafte Probleme, einen Platz in einem Seminar, an dem ich teilnehmen wollte, zu bekommen, hatte ich noch nicht. Lehrveranstaltungen am FB 03 sind meist für ganz unterschiedliche Studiengänge geöffnet, aber ich glaube, die Studierenden des ISFK Masters haben unter den Dozenten einen sehr guten Ruf, was sicherlich auch den Auswahlkriterien für den Master geschuldet ist. Meiner eigenen subjektiven Wahrnehmung nach sind es dann auch oft ISFK-Studierende, die Leistungsträger in Lehrveranstaltungen sind. Abschließend möchte ich noch hervorheben, dass das Verhältnis unter den ISFKlern sehr gut ist. Da die Anzahl der Studierenden im Master überschaubar ist und jedes Jahr nur eine geringe Anzahl neu anfängt, kennt und schätzt man sich gegenseitig.

Wem würden Sie den Studiengang empfehlen, wem nicht?

Die Empfehlung für den Studiengang ergibt sich aus dem fachlichen Interesse. Im Vergleich zu weniger spezialisierten Master-Angeboten befasst man sich natürlich viel umfangreicher mit Fragen der Internationalen Beziehungen und der Friedens- und Konfliktforschung. Wer sich für solche Fragestellungen interessiert, ist genau richtig im ISFK Master. Diese Spezialisierung empfindet manch anderer vielleicht aber auch als Einschränkung, dem der Studiengang dann nicht empfohlen werden kann. Wer gerne quantitativ arbeiten möchte, ist vermutlich auch nicht zu hundert Prozent richtig in dem Master. Quantitative Expertise wird zwar hoch geschätzt, die meisten Dozenten haben aber selbst einen eher qualitativen Schwerpunkt und die Weiterentwicklung der eigenen Kenntnisse der quantitativen Forschung muss dementsprechend weitgehend im Selbststudium erfolgen. Wenn man sich zwischen den wenigen Friedens- und Konfliktforschungsmastern in Deutschland entscheiden möchte, sollte man immer die inhaltliche Schwerpunktsetzung der Universitäten im Kopf behalten.

[Autorin: Julia Wittenhagen]

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 6.18 des UniReport erschienen. PDF-Download »