Im neuen UniReport spricht der renommierte Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx über sein Studium an der Goethe-Uni.

Wie Horx brechen viele Studierende ihr Studium ab – die Unterstützungsangebote für Studienaussteiger sind vielfältig, wie die Reportage zum Thema aufzeigt. Matthias Horx (Jg. 1955) hat von 1973 bis 1980 an der Goethe-Universität studiert, das Studium aber dann abgebrochen. Heute gilt er als einer der bekanntesten´und gefragtesten Trend- und Zukunftsforscher Deutschlands. Im Interview mit dem UniReport redet er über seine Erinnerungen an die Zeit an der Goethe-Universität, über Bildung und Wissen in Zukunft und ob er es heute bereut, niemals sein Studium abgeschlossen zu haben.

Herr Horx, Sie haben an der Goethe-Universität Soziologie und Kunst auf Lehramt studiert, das Studium dann aber doch abgebrochen. Warum? Und war das die richtige Entscheidung?

Das Studium ist eher „ausgelaufen“, im Sinne eines langsamen Verblassens. Dazu muss man wissen, dass in den 70er Jahren, als ich studiert habe, die Uni, und dazu ein ziemlich großer Teil der Frankfurter Stadtgesellschaft, ein riesiges soziales Experiment war. Hausbesetzungen, WGs, Alternativkultur, Neues Leben – eine aufregende Zeit des Aufbruchs, in der eine sehr sozialrevolutionäre Stimmung herrschte. Man experimentierte mit allem: Mit Lebensformen, Ökonomien, Sexualität, auch mit Drogen und allen möglichen Philosophien und Ideologien, vom Marxismus bis zum Buddhismus. »Den Abschluss an der Uni vermisse ich weniger.« Gleichzeitig gab es auch so etwas wie eine frühe Startup- Szene mit tausenden von Projekten, in denen viele meiner Freunde und ich auch immer mehr engagiert waren. Der Übergang war eher fließend. Aus diesen Tätigkeiten in den Alternativprojekten wurden dann Berufe, es gab ja alles: Druckereien, Kinos, Cafés, Restaurants, Reisebüros, alles. Ich war erst Bezugsperson in einem antiautoritären Kinderladen, dann der erste bezahlte Redakteur der Sponti-Zeitschrift Pflasterstrand, die von Dany Cohn-Bendit herausgegeben wurde. Später bin ich dann in den professionellen Journalismus gegangen, wurde Redakteur bei TEMPO, dann bei MERIAN und der ZEIT in Hamburg. Autodidakten hatten damals gute Karten, weil sie wussten, wo sie hinwollen, weil sie nach ihrem Talent statt nach einem Abschluss suchten. Insofern war es einfach der richtige Weg für mich.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Goethe-Universität?

Ich bin der Universität unendlich dankbar, dass sie das Chaos damals irgendwie ausgehalten hat. Es war ja mehr wie ein gigantischer Ort des Aufbruchs, der Debatte, auch des Chaos. Legendär waren die Versammlungen im Hörsaal 6, mit tausend Leuten mindestens. Da redeten auch Joschka Fischer und Dany Cohn-Bendit, und es ging immer mindestens um den Weltgeist und die Weltrevolution. Eine Volks-Universität mit teilweise revolutionären Zügen. Aber das ist nicht wiederholbar, das war, wie man so schön sagt, eine „historische Singularität“.

Haben Ihr Studium bzw. bestimmte Inhalte und Kompetenzen aus Ihrem damaligen Studium eine Bedeutung für Ihre heutige Tätigkeit?

Eher im Sinne des radikalen Pluralismus, der damals auf dem Campus herrschte, der vielen Ideen und Experimente, die in alle Richtungen in die Gesellschaft hinein diffundierten.

Experten behaupten, dass Methodenwissen und die Bereitschaft, lebenslang zu lernen, nur an der Hochschule erworben werden können, nicht aber in einer Berufsausbildung bzw. in der beruflichen Praxis. Würden Sie das auch so sehen?

Es kann unglaublich produktiv für das intellektuelle Weltverständnis sein, einen Garten zu hegen. Oder Kinder zu haben. Oder Maschinen reparieren zu können. Kopf und Hand sind nicht zu trennen. Ich glaube, in Zukunft wird man vielfältige „Berufe“ haben, die sich gegenseitig ergänzen. Methodenwissen entwickelt sich dann zum Teil auch „intrinsisch“, nicht nur theoretisch.

Sie gelten als der bekannteste Trend- und Zukunftsforscher Deutschlands und sind beruflich sehr erfolgreich. Fehlt Ihnen die formale Qualifikation eines Studienabschlusses dennoch manchmal?

Nach außen nur in sehr formalen Zusammenhängen, wo Menschen auf alten Status-Hierarchiesystemen beharren. Da geht es um den Titel, und man erwartet einen „Doktor“ oder „Professor“ auf der Bühne. Allerdings sind das aber Kreise, die gesellschaftlich und ökonomisch immer irrelevanter werden. Mir persönlich fehlt manchmal ein vertieftes Areal des Wissens, aber im Internet-Zeitalter kann man das wunderbar nachholen. Den Abschluss an der Uni vermisse ich weniger.

Was würden Sie persönlich heutigen Schulabgängern empfehlen? Gibt es in Ihrem beruflichen Kontext ‚Zukunftsforschung‘ eine ‚ideale‘ berufliche Biographie oder dominieren eher individuelle Fähigkeiten, Erfahrungen und Entscheidungen?

Ein „Studium Generale“ wäre immer das Beste. Ich habe nie so intensiv studiert wie heute; ich versuche Evolutionstheorie, Spieltheorie, Systemtheorie, Kulturanthropologie und noch dreizehn andere Disziplinen gleichzeitig zu verstehen und in Beziehung zu setzen. Es geht ja letzten Endes um das tiefere Verständnis von Wandel. Die Disziplin, die der Zukunftsforschung am nächsten kommt, ist die Philosophie. Ein Philosophiestudium kann nie schaden, auch wenn man dann Computerprogrammierer werden will.

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Wie sieht für Sie die Universität der Zukunft aus?

Manchmal wie ein Kloster der Kontemplation, vielleicht so wie die Akademie im „Glasperlenspiel“ von Hermann Hesse, manchmal wie ein wuseliger Flughafen der Ideen.

Die Fragen stellten Oliver Dziemba und Dirk Frank.

Das Interview mit Matthias Horx ist in der UniReport-Ausgabe 5-2015 erschienen (PDF-Download).