Wir haben über 400 Bewerbungen bekommen, so dass wir einen Numerus clausus einführen mussten, um unsere 30 Plätze zu besetzen“, sagt Helma Lutz, Professorin für Frauen- und Geschlechterforschung am Fachbereich 3. Ein großer Erfolg. Denn die Mitarbeiterinnen des Cornelia Goethe Centrums (CGC) haben in Kooperation mit dem Fachbereich 3 viel Zeit und Mühe aufgewandt, um aus ihrem bisherigen Zertifikatsprogramm einen grundständigen akkreditierten Studiengang mit 60 Credit Points für solche Bachelorstudiengänge zu entwickeln, die ein Nebenfach vorsehen.

„Wir bekamen keine zusätzlichen Ressourcen, sondern haben es einfach gemacht, weil es eine gute Idee ist“, sagt Dr. Marianne Schmidbaur, wissenschaftliche Koordinatorin beim CGC. Eingeschrieben hätten sich vor allem Studierende aus Soziologie, Politologie, Kulturanthropologie und American Studies, darunter durchaus auch Männer, weiß die Koordinatorin, die sich in der Vorbereitungsphase unter anderem durch die Prüfungsordnungen all dieser Fachbereiche kämpfen musste, um die Gender Studies kompatibel zu diversen Hauptfächern zu machen.

Die inhaltliche Kooperation mit insgesamt acht Fachbereichen sei im Vergleich dazu leicht gewesen. „Wir haben verschiedene Stellen und Institute angeschrieben, ob sie ausgewählte Veranstaltungen für unsere Studierenden öffnen möchten, und sind auf große Offenheit gestoßen“, sagt Schmidbaur. Schließlich habe die Geschlechterforschung in Frankfurt seit den 80er Jahren ihren Platz mit Ute Gerhard als erster Inhaberin eines Lehrstuhls für Frauenund Geschlechterforschung.

Das Ergebnis ist ein Curriculum, das sowohl eigene Vorträge und Colloquien des Cornelia Goethe Instituts umfasst als auch themenverwandte Veranstaltungen aus den acht kooperierenden Fachbereichen Psychologie, Erziehungswissenschaften, Theologie, Philosophie und Geschichte, Sport, Recht, neuere Philologien sowie Sprachund Kulturwissenschaften. „Damit haben wir in Frankfurt zum ersten Mal Gender Studies als eigenständigen und zugleich interdisziplinären Studiengang institutionalisiert“, freut sich Helma Lutz.

So könne man den Studierenden der Goethe-Universität ein spannendes Themengebiet auf besonders breiter Basis näherbringen. An anderen Unis sei das Fach meist eingebettet in die Sozialwissenschaften. „Wie verschieben sich die Anteile an Erwerbsarbeit, Hausarbeit und Pflege, die Männer und Frauen übernehmen? Wie lassen sich für beide Familie und Beruf vereinbaren? Wie ändern sich die Anforderungen an die Geschlechter, wenn man etwa an die neuen Väter denkt?

Warum feminisieren sich bestimmte Arbeitsbereiche wie das Sekretariat oder soziale Berufe? Wie verändert Migration das Verhältnis der Geschlechter?“, zählt sie als typische Fragestellungen auf. „Wir arbeiten bei der Lehre mit so vielen Fachbereichen zusammen, dass die Gender Studies eigentlich für die Ausbildung jedes Studierenden der Gesellschaftswissenschaften eine gute Grundlage bilden“, ist sie überzeugt.

Gender Studies umfasst alle Geschlechter

Wie erklärt sich Lutz den Ansturm in einer Generation, die schon mit emanzipierten Müttern groß geworden ist? „Naja, die Gender Studies entstanden zwar aus der Frauenbewegung heraus, die Schwerpunkte haben sich aber verschoben von der Benachteiligung der Frauen auf den Beitrag der Gesellschaft zum Verhältnis der Geschlechter und wie es sich verändert“, sagt sie. „Die Angst vor lila Latzhosen kann ich gerade männlichen Studierenden nehmen, denn auch die Männlichkeitsforschung ist hier ein Thema.“ Studien würden immer wieder zeigen, dass junge Leute zwar gleichberechtigt aufwachsen, sich aber beim ersten Kind alles ändert.

„Unsere Studierenden ahnen also schon, dass später einmal unterschiedliche Erwartungen an sie gestellt werden, und wollen sich damit beschäftigen.“ Die Rolle des Geschlechts für die eigene Identität, sexuelle Orientierung, den Platz in der Gesellschaft mit all ihren Potentialen und Zwängen sei doch etwas, was eigentlich jeden interessieren müsse, ergänzt Schmidbaur. Aber auch ein neuer Zweig, die queer studies, würde die jungen Studierenden sehr interessieren.

Sie untersuchen die sich verändernden Sexualitäten und das Spannungsverhältnis von Hetero- zu Homound Transsexualität. Nach dem guten Start des neuen Studienangebots streben Lutz und Schmidbaur als nächstes Ziel an, einen Masterstudiengang zu etablieren. Auch für die Zusammenarbeit mit weiteren Fachbereichen sind sie offen: „Die Naturwissenschaften sind bei uns noch gar nicht vertreten. Dabei wär der medizinische oder biologische Blickwinkel sicher spannend“, sagt Lutz.

Zum großen Bereich Wirtschaftswissenschaften gebe es bislang keine Beziehungen. „Die Lehre dort problematisiert das Geschlechterverhältnis noch wenig, obwohl die Frauenquote im Hinblick auf Chefsessel gerade in der Wirtschaft schon heiß diskutiert wird“, sagt Lutz. Aktuelles Thema in den Gender Studies ist gerade die Vorbereitung der Angela-Davis-Gastprofessur: Im Dezember wird die Amerikanerin Chandra Talpade Mohanty als eine der bedeutendsten zeitgenössischen postkolonialen Wissenschaftlerinnen und Aktivistinnen an der Goethe-Universität lehren. [Autorin: Julia Wittenhagen]