Frankfurter Studierende hatten erstmals die Gelegenheit, selbst in die Robe eines Staatsanwalts oder Strafverteidigers zu schlüpfen – und das ist wörtlich zu verstehen. 

Zu Beginn des Wintersemesters 2014/15 wurden wir auf die Ankündigung des Lehrstuhls aufmerksam, dass ein zweisemestriger Wirtschaftsstrafrechtlicher „Moot Court“ in Kooperation mit der Wirtschaftsstrafrechtlichen Vereinigung e. V. (WisteV) und mit Unterstützung von El§a Frankfurt stattfinden würde. Die Chance, bereits im Studium diese seltene Möglichkeit zu bekommen, unter einer professionellen Leitung praktische Erfahrungen zu sammeln, wollten wir uns nicht entgehen lassen. Nach einer Bewerbungsphase konnten sich letztendlich neun Studierende glücklich schätzen, am Moot Court teilnehmen zu können.

Alle Teilnehmer wurden in vier Gruppen unterteilt, je zwei Teams der Staatsanwaltschaft sowie zwei Teams der Strafverteidigung. Jede Gruppe bekam einen erfahrenen Mentor mit Renommee aus dem wirtschaftsstrafrechtlichen Bereich zur persönlichen Unterstützung zugeteilt. Die Teams der Staatsanwaltschaft bekamen sodann das Aktenstück eines (nur leicht abgeänderten) realen Falles aus der Praxis und durften zuerst mit der Erstellung der Anklageschrift loslegen. Das erste große Highlight war eine Pressekonferenz, in der die Staatsanwaltschaft ihre gewonnenen Erkenntnisse vorstellen sollte.

Für die Verteidigung folgte darauf eine lange Nacht, in der die Strategie für die am Tag darauf folgende Pressekonferenz der Verteidigung vorbereitet werden musste. Schließlich bekamen die Teams der Verteidigung auch erst an diesem Tag die Einsicht in das Aktenstück. Sowohl ein Kamerateam als auch Vertreter der Presse waren anwesend und stellten die Teams vor die Herausforderung, ihre Fragen möglichst zu ihren Gunsten zu beantworten. In Folge der Pressekonferenz war es an der Strafverteidigung, eine möglichst umfassende Schutzschrift für ihren Mandanten zu erstellen und bei der zuständigen Wirtschaftsstrafkammer einzureichen.

In einem Gerichtssaal des LG Frankfurt stellte uns dann Prof. Jahn die Richter vor, die er für eine Teilnahme hatte begeistern können. Dass wir tatsächlich vor einem Richter des 2. Strafsenats des BGH verhandeln würden, hätten wir uns vorher nicht erträumen lassen. Auch die anderen beiden Berufsrichter (ein bekannter Wirtschaftsstrafverteidiger und Honorarprofessor und der frühere hessische Justizstaatssekretär) sowie die beiden Schöffinnen standen dem in nichts nach. Als Zeugen traten vorher von den Veranstaltern gecoachte Kommilitoninnen auf, die ihren Teil zu der realitätsnahen Atmosphäre beitragen konnten.

Zahlreiche Zuschauer einschließlich eines Gerichtsreporters der Frankfurter Rundschau fanden schließlich den Weg in den Gerichtssaal. Bis zum Plädoyer als gefühltem Höhepunkt der Veranstaltung kämpften alle Teams darum, die Richter von ihrem gewünschten Ergebnis (Freispruch oder Verurteilung) zu überzeugen. Die im Anschluss an die Urteile folgenden positiven Reaktionen der Richterentschädigtenunsfürdie viele Arbeit und zeigten deutlich, dass sich der große Einsatz sowohl in der Vorbereitung als auch in der Hauptverhandlung für alle Teilnehmer bezahlt gemacht hat.

Die ganze Veranstaltung war eine tolle Abwechslung für das eher theoretisch ausgerichtete Studium. Wir können die Teilnahme an einem Moot Court jedem nur empfehlen, um einen ersten Eindruck in die zukünftige Arbeitswelt zu erhalten, insbesondere für diejenigen, die Interesse am (Wirtschafts-)Strafrecht mitbringen. Zwar war die Vorbereitung sehr arbeitsintensiv, der Spaßfaktor und die praktische Erfahrung ließen diesen Aufwand aber mehr als vergessen. An dieser Stelle deshalb nochmals vielen Dank an Prof. Jahn und Herrn Meinecke für die professionelle Organisation über das ganze vergangene Jahr. Bedanken möchten wir uns auch besonders bei unserem persönlichen Mentor, Herrn Rechtsanwalt Ulf Reuker LL.M. aus Dortmund, der uns von Anfang an mit vielen praktischen Tipps zur Seite stand und uns interessante Einblicke in die tägliche Arbeit des Strafverteidigers eröffnet hat. [Autoren: Marcel Behrendt und Bastian Schmack]

Dieser Artikel ist in der UniReport-Ausgabe 5-2015 erschienen [PDF-Download].