Die Ethnologie fragt: Wie sieht der Alltag von Menschen in einer modernen Gesellschaft aus? (Foto: Ryoji Iwata/Unsplash)

Wie nutzen wir das Internet? Wodurch verändert sich eine Stadt? Was fördert unsere Kreativität am Arbeitsplatz? Wie konsumieren wir Lebensmittel? Oder kurzgefasst: Wie sieht der Alltag von Menschen in einer modernen Gesellschaft aus? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie seit 1974. Gisela Welz, Professorin für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, und Martina Klausner, Professorin für Science and Technology Studies/Digital Anthropology, geben gemeinsam mit der Masterstudentin Johanna Storz Einblicke in ihr Fach.

Lehre und Forschung

„Mein Studium ist sehr vielfältig, es ist gar nicht so leicht zu beschreiben, was wir eigentlich genau machen“, sagt Johanna Storz über ihre Studieninhalte. Nach einer pädagogischen Ausbildung machte sie den Bachelorabschluss im Fach Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie. Im November ist sie am selben Institut in das erste Semester des englischsprachigen Masterstudiums Science and Technology Studies gestartet. „Wir untersuchen die Alltagskultur der Gegenwart und versuchen zu verstehen, was in unserer Gesellschaft passiert“, erklärt Johanna. „In erster Linie betreiben wir empirische Forschung zu Kultur, das heißt zur Lebensweise in einer Gesellschaft“, führt Gisela Welz, Professorin für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, weiter aus. Dabei gehe es nicht um die Hochkultur, also zum Beispiel Literatur oder Oper, sondern um das alltägliche Miteinander, beispielsweise in der Familie oder im Beruf. Während die meisten anderen Geisteswissenschaften im Fachbereich 09 der Universität, Sprach- und Kulturwissenschaften, vor allem textbasiert, philologisch oder historisch arbeiten, konzentriert sich die Kulturanthropologie auf ethnographische Feldforschung. Hierzu erklärt Professorin Martina Klausner: „Unsere Forschung ist unter anderem von teilnehmender Beobachtung geprägt. Wir sind direkt im Alltag von Menschen dabei und nehmen keine distanzierte Position von außen ein.“ Das gilt in beide Richtungen – insbesondere dann, wenn durch kollaborative Forschung die Menschen, über die geforscht wird, ebenfalls aktiv in den Forschungsprozess eingebunden werden.

Während in vielen anderen Disziplinen Forschung erst im fortgeschrittenen Studium möglich ist, gehört sie am Frankfurter Institut schon im Bachelor in Forschungsseminaren zur Tagesordnung. In den letzten drei Semestern vor dem Abschluss besuchen Hauptfachstudierende ein Lehrforschungsprojekt. Hierbei steht jedes Jahr ein anderes Thema im Vordergrund. In der Vergangenheit forschten die Studierenden zum Beispiel zu Erinnerungskulturen, urbanen Räumen oder zu Lebensmittelsicherheit. Johanna erzählt von ihrem Lehrforschungsprojekt: „Es gibt zwar ein Oberthema, aber man kann sich seine Nische, zu der man forschen will, selbst aussuchen. In den Seminaren haben wir gelernt, wie man Interviews führt, welche Fragen man stellen kann und allgemein, wie man wissenschaftlich richtig arbeitet.“ Die Seminare gelten daher auch als Vorbereitung auf die Bachelorarbeit, viele Studierende finden dort zu ihrem Thema.

Das Studium

Ihre Bachelorarbeit liegt mittlerweile hinter Johanna, seit November ist sie im Masterstudium. Prof. Klausner, die erst seit diesem Jahr in Frankfurt lehrt, sagt über das englischsprachige Programm: „Ich genieße es wirklich, diesen Master zu unterrichten. Manchmal ist es eine Herausforderung, die unterschiedlichen disziplinären Hintergründe der Studis unter einen Hut zu bekommen, aber die Zusammenarbeit ist sehr spannend und produktiv.“ Und nicht nur die disziplinären Hintergründe sind divers.

Die Studierenden selbst sind nicht selten Bildungsausländer. Dieses Jahr haben zum Beispiel eine Studentin aus Nigeria und ein Student von den Philippinen ihren Weg ins Frankfurter Masterprogramm gefunden. „Ich denke, die Studierenden profitieren unheimlich von dieser diversen Zusammensetzung. Es findet ein wertvoller Wissenstransfer statt und die verschiedenen Hintergründe ermöglichen es uns, unsere westliche Perspektive infrage zu stellen“, erklärt Welz. Aufgrund der Corona-Pandemie finden alle Veranstaltungen online statt. „Es ist eine Erleichterung, dass die Anfahrtswege wegfallen, die für viele recht lang sind. Und für mich als Mutter ist das auch sehr praktisch, weil ich die Betreuung meines Sohns einfacher regeln kann“, erzählt Johanna. Und auch für Studierende im Ausland, die momentan noch auf ihr Visum warten, gibt es Vorteile. „Die Zoom-Veranstaltungen klappen gut und die Studis, die noch im Ausland sind, machen teilweise mehr mit als die anderen. Schade ist nur, dass der private Austausch schwer zu ersetzen ist. In den vergangenen Jahren waren die Studierenden immer sehr bemüht, alle aus dem Ausland gut in Frankfurt aufzunehmen. Sie haben dann zusammen gekocht oder sind gemeinsam ausgegangen. Das geht momentan nicht“, berichtet Welz.

Aber was braucht man, um Kulturanthropologie erfolgreich zu studieren? „Ohne eine notorische Neugier geht es nicht. Man muss die Bereitschaft mitbringen, etwas wirklich verstehen zu wollen. Und dann sollte man ruhig etwas hartnäckig sein“, sagt Klausner. „Für unsere Forschung ist es wichtig, dass man kein Problem hat, sich auf andere Menschen einzulassen, Menschen, die sehr anders sein können als man selbst“, ergänzt Welz. Auch aus der Perspektive der Studentin eine schöne Sache, sagt Johanna: „Wir haben sehr viele Freiheiten in unserem Studium. Das ist toll, kann manchmal aber auch eine Herausforderung sein. Das fängt schon damit an, welche Themen und welche Literatur man auswählt. Man muss sich gut organisieren können und fokussiert arbeiten.“

Zukunftsaussichten

Irgendwann aber endet jedes Studium. Und was machen die Kulturanthropologen dann? Schon frühzeitig werden sie auf diesen Schritt vorbereitet. „Es gibt ein verpflichtendes Berufsfeldorientierungsmodul. Der Fokus liegt jedes Semester anders, und man kann an diesen Veranstaltungen theoretisch schon im ersten Semester teilnehmen“, erzählt Johanna. Zudem sind Praktika ein fester Bestandteil des Studiums. „Die Lehrenden unterstützen uns und beraten uns bei unserer Wahl. Sie achten auch darauf, dass es einen Bezug zur Kulturanthropologie gibt. Für das Praktikum haben wir dann ein ganzes Semester Zeit“, sagt sie. Johanna hat ihr Praktikum im Historischen Museum Frankfurt absolviert. Damals hatte sie noch vor, im Kulturbereich zu arbeiten, aber wegen Corona möchte sie sich vielleicht umorientieren.

Natalia Zajić

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 6.20 (PDF) des UniReport erschienen.