Damit alle Erstsemester in seiner Vorlesung Platz finden, lässt Prof. Uwe Hassler seine Lehrveranstaltung per Video in einen zweiten Hörsaal übertragen; Foto: Uwe Dettmar

Damit alle Erstsemester in seiner Vorlesung Platz finden, lässt Prof. Uwe Hassler seine Lehrveranstaltung per Video in einen zweiten Hörsaal übertragen; Foto: Uwe Dettmar

Volle Hörsäle: Das Wintersemester 2016/17 startete an der Goethe-Uni mit neuen Rekordstudierendenzahlen. Wie gehen die Lehrenden und die Verwaltung mit dieser Situation um?

Volle Hörsäle, überbelegte Seminare, zu wenig Professoren – das Wintersemester an der Goethe-Universität startete mit neuen Rekordzahlen. Mehr als 47.000 Studierende sind jetzt eingeschrieben. Rund 5.600 davon sind allein Studienanfänger. Die Uni stemmt einen gewaltigen Kraftakt. In der Verwaltung. In der Lehre. An ihre Belastungsgrenze stoßen kleine Fachbereiche wie die Archäologie ebenso wie die großen Wirtschaftswissenschaften.

Es ist warm im Hörsaal 2 auf dem Campus Westend. Die Luft in kürzester Zeit stickig. Statistikvorlesung Erstsemester Wirtschaftswissenschaften. Als Professor Uwe Hassler an diesem Mittwoch seinen Vortrag beginnt, ist auch der letzte Platz im Saal besetzt. 605 Sitze gibt es. Wer zu spät kommt, muss auf Hörsaal 6 ausweichen. Nochmals rund 400 Sitze. Dort wird die Vorlesung per Video übertragen.

»Diese Ausweichlösung mildert ein wenig den Platzdruck «, erzählt Uwe Hassler: »Ein Sicherheitsdienst sorgt dafür, dass nicht alle Studierenden nur in den großen Hörsaal strömen, sondern auch den kleineren Ausweichhörsaal mit der Videoprojektion nutzen. Die Unterstützung durch Sicherheitspersonal gibt es dieses Semester das erste Mal.« Wachpersonal im Hörsaal. Das war eine Frage der Haftung. Was, wenn etwas passiert in einem völlig überfüllten Saal? Panik etwa, ein Sturz, irgendwas. Hassler wollte für einen solchen Fall nicht haftbar sein. Die Studierenden jedenfalls zeigen sich beeindruckt von den Sicherheitsleuten. Sie verhalten sich jetzt disziplinierter. Für Hassler eine beruhigende Situation.

Rund 1000 Studierende betreut der Hochschullehrer. Erstsemester Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftspädagogen, Nebenfächler VWL und BWL, Wiederholer. Statistik ist eine Pflichtveranstaltung. Persönlichen Kontakt hat der eloquente Mann nur zu denjenigen, die nach einer Vorlesung noch Fragen haben und zu ihm kommen. Zwei Stunden Vorlesung bei vollem Haus. Die Kraftanstrengung, die das kosten muss, lässt er sich nicht anmerken. Uwe Hassler bleibt freundlich und verbindlich.

Zwei Gebäude weiter südlich. IG-Farben-Haus. Fünfter Stock. Das Institut für Archäologische Wissenschaften. Anja Klöckner räumt mit ihren Studierenden erst mal die Tische aus dem Seminarraum, bevor sie mit den Übungen beginnt. Anders hätten die 55 Erstsemester keinen Platz in dem kleinen Raum. Für Archäologie gibt es keine Zulassungsbeschränkung. Die Professorin am Institut nimmt es sportlich und lacht. »Archäologie in Frankfurt zu studieren ist sehr attraktiv und deshalb beliebt«, erzählt Anja Klöckner fröhlich: »Im internationalen QS-Universitäten-Ranking rangiert unser Institut unter den ersten 50.« Klöckner hat gerade erst in Frankfurt angefangen. Zum Sommersemester 2016 übernahm sie die Professur für Klassische Archäologie. Die einzige für dieses Fach am Institut.

»Wir sind hier gar nicht mehr in der Lage, die Studienbewerber persönlich zu empfangen, so viele sind es inzwischen.« Robert Lorenz, Leiter Studierendensekretariat

Dass sie ein großes Arbeitspensum bewältigen muss, hat die Professorin gewusst. Doch das vielfältige Angebot am Institut hat die Gießenerin gereizt, den Ruf nach Frankfurt anzunehmen. Ihre Studierenden kennt sie alle persönlich. Jede und jeden. Sie und ihr Kollege Axel Filges, akademischer Rat am Institut, legen Wert auf eine familiäre Atmosphäre. Während der Orientierungswoche bieten sie allen Erstsemestern eine individuelle Studienberatung an. Die ist sogar Pflicht. Es gibt Punkte dafür. Und das hat seinen guten Grund: »Viele Erstsemester wissen gar nicht genau, was Archäologie alles sein kann«, weiß Axel Filges aus seiner langjährigen Erfahrung. »Die kommen hierher und sagen, ich finde die Pyramiden in Ägypten so toll. Klassische Archäologie hat mit Ägyptologie rein gar nichts zu tun. So helfen wir den Studierenden von Anfang an, den für sie richtigen Weg zu finden.«

Das abwechslungsreiche Lehrangebot lässt sich nicht in Schablonen pressen. »Das liegt auch daran, dass es nicht dieses eine, explizite Handbuchwissen gibt in der Archäologie «, sagt Anja Klöckner. »Es gibt immer verschiedene Betrachtungsweisen und differenzierte Bewertungen. Wir lehren kritisches Denken.« Das kostet Zeit. Für jede Seminar- Doppelstunde benötigen Klöckner und Filges ein bis zwei Tage Vorbereitung. Ihr Anspruch: Guter Service und zeitnahes Feedback. Hausarbeiten besprechen sie mit jedem Einzelnen persönlich. Anja Klöckner ist sich sicher: Nur so können Studierende wirklich etwas lernen. Aber, das Institut stößt mit 55 »Erstis« und den höheren Semestern zusammen genommen an Kapazitätsgrenzen. Vier Planstellen insgesamt am Lehrstuhl, das sei schon sehr knapp bemessen, sagen Klöckner und Filges. Eine Erleichterung könnte da bereits sein, sie müssten nicht um Belegzeiten für ihren Seminarraum feilschen.

Im Studiensekretariat: Einhundertachtzig dicke Ordner. Fünfzehn Regalmeter. Bewerbungsunterlagen von über zehntausend zum Wintersemester immatrikulierten oder umgeschriebenen Studierenden. Robert Lorenz und sein Team haben sie herausgefiltert aus nahezu 40.000 Bewerbern mit 54.000 Studienwünschen. Begutachtet in Absprache mit den Fachbereichen. Das Studiensekretariat ist die zentrale Anlaufstelle für alle Studierenden. Bewerbung. Immatrikulation. Fachwechsel. Rückmeldung. Goethe-Card. Semesterbeiträge. Namensänderung. Abteilungsleiter Lorenz weiß abends, was er gearbeitet hat. Sein Team weiß, dass es von Juli bis Oktober Urlaubssperre hat. Dann, wenn die Bewerbungsfrist für Studienanfänger abgelaufen ist, fängt für alle Mitarbeiter hier die Arbeit erst an.

»Wir sind hier gar nicht mehr in der Lage, die Studienbewerber persönlich zu empfangen, so viele sind es inzwischen«, erzählt Robert Lorenz. Seit 2003 sind die Bewerbungen deshalb auf online umgestellt. Weniger sei die Arbeit damit nicht geworden. Im Gegenteil, sie hat sich mehr noch verdichtet. Lorenz arbeitet seit 40 Jahren an der Goethe-Universität. Er hat viele Veränderungen erlebt. Die Verdopplung der Studierendenzahlen in dieser ganzen Zeit ist die gravierendste. Robert Lorenz kennt einige Gründe: Umstellung auf Bachelor-Studiengänge, Abschaffung der Wehrpflicht, doppelte Abschlussjahrgänge aufgrund der Umstellung auf G8 an den Schulen.

Lehre ganz anschaulich: Archäologieprofessorin Anja Klöckner kennt alle Studierenden persönlich; Foto: privat

Lehre ganz anschaulich: Archäologieprofessorin Anja Klöckner kennt alle Studierenden persönlich; Foto: privat

Der Verwaltungsaufwand ist enorm. Lorenz ist keiner, der klagt. »Ich will das gar nicht bewerten. Es ist, wie es ist, und wir gehen damit um.« Frankfurt als Studienstandort sei zwar teuer, aber attraktiv wegen der guten Arbeitsplatzmöglichkeiten. Für die meisten Studierenden von heute sei das Studium ohnehin eher eine Berufsausbildung. Schnell durch, schnell weg, schnell viel Geld verdienen. »So etwas wie die 68er Revolte werden Sie hier nicht mehr sehen«, sagt Lorenz. Es schwingt ein wenig Wehmut mit, wenn er das so nüchtern feststellt.

Umstrukturierung der Studiengänge, Neuorganisation der Vorlesungspläne – der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften reagiert dynamisch auf die großen Studierendenzahlen. »Wir sorgen dafür, dass die Fächer studierbar bleiben«, sagt Marko-Rene Susnik von der Qualitätssicherung: »Wir planen das ganze Studium durch. Trotzdem wird die Luft immer dünner.« Schließlich setzt sich die hohe Zahl an Erstsemestern in den späteren Semestern fort. Es fehlen Tutoren, Betreuer für die Übungen und für das Klausuren-Management.

Prüfungen nimmt Statistikprofessor Uwe Hassler deshalb elektronisch ab. Multiple-Choice-Tests, die eingescannt werden. Ein Computer wertet die Klausuren aus. Innerhalb von 14 Tagen müssen die Arbeiten korrigiert sein. Eine Frist, die das Prüfungsamt setzt. »Bei 1000 Lösungsformularen schaffe ich das unmöglich,« sagt Uwe Hassler. Man glaubt es ihm sofort. Bei 1000 Prüflingen ist Effizienz gefragt. Früher, als er die Klausuren noch händisch korrigierte, unterstützten ihn acht Tutoren. Als sich die Studierendenzahlen plötzlich nahezu verdoppelten, die Zahl der Tutoren aber nicht, musste Hassler umstellen.

Flexibilität – die Universität reagiert überall dort auf die hohen Studierendenzahlen, wo es im Moment am meisten klemmt. Welch Ironie, dass in der Statistikvorlesung von Uwe Hassler die Videoübertragung in den kleinen Hörsaal 6 an diesem Tag nicht funktioniert. [Autorin: Heike Jüngst]

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4.16 der Mitarbeiterzeitung GoetheSpektrum erschienen.