»International Teacher Education« (ITE) / Mit frischen Ideen aus dem Ausland Schule innovativ gestalten

Katharina Schirg mit ihren »Interns« Anna, Ecem, Marie u. Philipp (v. l.) an der TCGIS in Minnesota. Foto: privat

Mit der Hochschulperle des Stifterverbandes wurde die »International Teacher Education« (ITE) an der Goethe-Universität kürzlich ausgezeichnet. Lehramtsstudierende können ihre Pflichtpraktika an einer Auslandsschule absolvieren – mit einigen von ihnen, die gerade im Ausland weilen, konnte der UniReport via Videochat sprechen.

-27 Grad waren es noch vor wenigen Wochen in Minnesota, wo die Schule „Twin Cities German Immersion School“ (TCGIS) im Ort St. Paul beheimatet ist. Harte Winter sind dort keine Seltenheit, aber das tut der Stimmung unter den deutschen „Interns“, wie die Praktikanten an der Schule genannt werden, keinen Abbruch. Seit Januar sind vier Lehramtsstudierende der Goethe-Universität in St. Paul, untergebracht sind sie in Gastfamilien. Marie Schaaf, die auf Lehramt an Förderschulen studiert, wollte unbedingt ins Ausland gehen. Mit Unterstützung der Akademie für Bildungsforschung und Lehrkräftebildung (ABL) von ITE fand sie die Schule, an der sie momentan noch im Grundschulbereich als Schulassistenin eingesetzt wird. „In meinem Praktikum kann ich sehr viele Erfahrungen sammeln – mit den Schüler*innen, aber auch verschiedenen Lehrkräften. In der Middle School werde ich noch weitere Erfahrungen machen, darauf freue ich mich schon.“ Auch ihre Frankfurter Kommilitonin Anna Schwerdfeger, eine angehende Grundschullehrerin, wird bis Juni dieses Jahres in St. Paul ihr Praktikum absolvieren. Philipp Habel, angehender Gymnasiallehrer, und Ecem Üzüm, die auf Lehramt an Förderschulen an der Goethe-Universität studiert, komplettieren die aktuelle Frankfurter Praktikanten-Gruppe in St. Paul. Die Stimmung ist heiter und ausgelassen, bereits nach wenigen Wochen fühlen die vier sich pudelwohl an der TCGIS.

Fachliche und kulturelle Begegnungen

Katharina Schirg, Direktorin für Internationale Programme und Kommunikation, ist für die Auswahl und Betreuung der Interns an der TCGIS verantwortlich. Sie betont die Bedeutung des Aufenthalts in der Gastfamilie, die Interns als Sprachvorbilder für die Schüler*innen und die Möglichkeit der kulturellen Begegnung über gemeinsame Reisen für das Schulpraktikum: „Die Erfahrungen in der Schule, die Begegnungen mit anderen Unterrichtsformen, aber auch das eigene Engagement im Schulalltag sind natürlich ein wichtiges Element im Praktikum an der TCGIS. Aber ebenso ist der Aufenthalt hier in der Familie, auch im Kreise anderer Praktikanten, ganz essenziell. Denn nach der ersten Begeisterung muss man ab und zu auch Fernweh überstehen. Aber wenn man das überwunden hat, fühlt man sich aufgenommen in einer sehr harmonischen Schulgemeinschaft.“

Die Twin Cities German Immersion School ist eine amerikanische Schule, an der Deutsch unterrichtet wird. „Eine öffentliche Schule, ohne Schulgebühren“, erklärt Katharina Schirg. Eltern, die ein globales Lernen und eine bi- oder multilinguale Ausbildung attraktiv finden, müssen den Platz für ihr Kind über eine Art von Lotterieverfahren gewinnen. Sehr international setzt sich die Schülerschaft zusammen; insgesamt werden 17 verschiedene Sprachen zu Hause gesprochen, berichtet Katharina Schirg; für die meisten Schüler*innen ist Deutsch die zweite Sprache, für einige sogar erst die dritte oder vierte. „Wir möchten, dass unsere Praktikant*innen unser Schulsystem wirklich kennenlernen“, betont Schirg. In dem dreistufigen Intern-Programm geht es zuerst einmal um die Orientierung; in der zweiten Phase planen die Praktikanten dann gemeinsam mit einer als Mentor*in fungierenden Lehrkraft Unterrichtseinheiten; in der finalen dritten Phase übernehmen die Praktikanten dann die Aufgabe eines Co-Teachers. Wenn der*die Mentor*in kurzfristig erkrankt, muss man dann auch schon mal selbst vor der Klasse stehen.

Philipp stand schon recht früh vor der Aufgabe, seinen Mentor zu vertreten, was ihm aber keine Mühe bereitet hat: „Die erkrankte Lehrkraft hatte genug Material vorbereitet. Außerdem habe ich mir gleich von Anfang an viele Methoden seines Unterrichts notiert, die mir gefallen haben und die ich selber versuche einzusetzen“, erzählt er. Anders ist die Unterrichtssituation in Minnesota schon, berichten die vier Frankfurter. Anna erzählt von Unterrichtsformen, die ihr manchmal gefallen, manchmal aber auch nicht. „Aber im Rahmen des Co-Teaching kann man sich mit der/dem Mentor*in austauschen und darüber sprechen, wie man die unterschiedlichen Erfahrungen im Unterrichten zusammenbringt. „Manchmal sind es auch Rituale, die im Unterricht anders sind oder gar fehlen“, erzählt auch Marie.

„Dass man die Lehrkraft zu Beginn der Stunde begrüßt, ist hier unbekannt. Aber einige Lehrkräfte haben es bewusst eingeführt, quasi als ‚deutsches‘ Element“, berichtet Ecem. „Zuerst denkt man, das sei ein Zeichen von Unhöflichkeit, wenn man von den Schüler*innen nicht begrüßt wird, aber das ist gar nicht der Fall“, ergänzt Philipp. Sehr gewöhnungsbedürftig, so Ecem, kann auch das häufige Kaugummikauen im Unterricht sein. „Auch wenn man das unterbindet, lassen sich die Schüler*innen oft nicht davon abhalten, das mag aus deutscher Sicht zwar etwas befremdlich sein, ist aber hier nicht unüblich.“

Individuelle Förderung

In der TCGIS kommen viele unterschiedliche Schüler*innen zusammen, einige davon mit Förderbedarf. „Nicht alle Lehr- und Fördermethoden finde ich gut, aber es ist wertvoll zu sehen, dass man hier auf andere Konzepte setzt. Das erweitert den eigenen Horizont als angehende Lehrkraft ungemein“, sagt Anna. Ihre Kommilitonin Marie ergänzt: „In den regelmäßigen Screenings, die hier stattfinden, kann frühzeitig erkannt werden, welchen Förderbedarf ein Kind hat, das gefällt mir sehr gut. Dadurch kann man mit Zusatzhilfen auf den individuellen Bedarf eingehen.“ Ecem berichtet, dass an der TCGIS viele Kinder Deutsch als Zweitsprache sprechen: „Das ist eine wertvolle Erfahrung, denn auch in Deutschland nimmt die Zahl der Kinder zu, die zu Hause eine andere Sprache als Deutsch sprechen.“ Philipp hat im Unterricht gelernt, sich sprachlich auf die jeweiligen Kompetenzen der Schüler*innen einzustellen: „Man muss auch schon mal mit einfachen Worten Dinge erklären können, das ist sehr wichtig.“

An einer deutschen Schule in Asien

Während Marie, Anna, Philipp und Ecem noch bis Juni Erfahrungen an einer Auslandsschule sammeln dürfen, ist diese Phase für Nora Dzaferi schon vorbei: Die angehende Gymnasiallehrerin hat eine Schulassistenz an der German European School Singapore (GESS) von August 2022 bis Januar dieses Jahres absolviert. „Gerade, weil es eine so tolle Erfahrung im Ausland war, beneide ich die vier in St. Paul sehr“, sagt Nora, wenngleich sie auf die Unterschiede hinweist: Die GESS ist eine private deutsche Auslandsschule, die sich als Institution an deutschen Schulstrukturen orientiert. „Singapur ist ein recht strenges Land, Kaugummi kauen im Unterricht wäre dort undenkbar“, erzählt Nora. Ins Ausland zu gehen, um dort zu erfahren, wie Schule und Unterricht dort funktioniert, war für Nora von Anfang an ein großes Bedürfnis. Dabei hatte sie Singapur am Anfang gar nicht auf dem Schirm, aber nach der Beratung durch International Teacher Education in Frankfurt fiel die Entscheidung recht schnell. Im Nachhinein ist sie sehr froh, sich für die GESS entschieden zu haben: „Die Professionalität des Schulbetriebes ist beeindruckend: Für zusätzlichen Förderbedarf kann Personal eingestellt werden. Selbst die Schulfeste werden mit einem gewissen Unternehmergeist geplant und durchgeführt.“

Und auch die Berührung mit der asiatischen Kultur hat Nora sehr genossen: „Löwentänze, das Mondfest – da sind bleibende Erinnerungen“, berichtet sie mit Begeisterung. In ihrer Zeit in Singapur hat sie erfahren, wie es ist, sich als Teil einer Community aus Lernenden und Lehrenden zu begreifen: „Die Lehrkräfte haben sich sehr gut untereinander unterstützt. Das hat mich selbstbewusster gemacht, selber auf andere zuzugehen.“ An der GESS, so berichtet Nora, wird auch das Informationsbedürfnis der Schüler*innen immer mitbedacht; wenn man einmal krank ist, ist es selbstverständlich, alle ausreichend zu informieren.

Katharina Schirg hat schon sehr oft von ihren Praktikanten am Ende ihrer Zeit in St. Paul gesagt bekommen: Eine Beziehung zu den Schüler*innen aufgebaut zu haben, war das Wichtigste. „Es sind natürlich keine Freundschaften in dem Sinne, aber man lernt, jeden*jede Schüler*in in seiner*ihrer Individualität zu erkennen und eine Verbindung aufzubauen. Immerhin sind wir eine Ganztagsschule, man verbringt viel Zeit mit den Schüler*innen. Das führt auch dazu, dass man die anfängliche Angst, vor einer Schülergruppe zu stehen, verliert. Man wird lockerer und auch flexibler, auch wenn eine Unterrichtsplanung einmal nicht zu schaffen ist. Das ist eine unschätzbare Erfahrung für den weiteren Weg zum Lehrerberuf.“

AUSGEZEICHNET: INTERNATIONAL TEACHER EDUCATION (ITE)
»Hochschulperlen« sind innovative, beispielhafte Projekte, die an einer Hochschule realisiert werden, so der Stifterverband. Über die Auszeichnung hat sich Andreas Hänssig sehr gefreut; der Leiter des Bereichs International Teacher Education (ITE) an der Goethe-Universität erklärt: „In der Akademie für Bildungsforschung und Lehrkräftebildung (ABL) wurde 2016 der Arbeitsbereich etabliert, um die Zahl der Lehramtsstudierenden, die studienbedingt ins Ausland gehen, zu erhöhen.“ Ein Auslandspraktikum stellt, so Hänssig, einen wichtigen Baustein dar, der durch die kulturelle Sensibilität der zukünftigen Lehrkräfte erworben werden kann. Darüber hinaus ist es wichtig, dass das Engagement der Studierenden ins Ausland zu gehen, auch als Studienleistung anerkannt wird. Eng damit verbunden ist die Frage der Qualitätssicherung, die aus Frankfurter Sicht unter anderem durch ein strukturiertes Bewerbungscoaching, Beratung, Vorbereitungs- und Begleitveranstaltungen sowie nachbereitenden Reflexionen gewährleistet wird. Wenn Lehrkräfte ihre Schüler*innen auf eine globalisierte Welt, auf eine internationale Zusammenarbeit in multiprofessionellen und multikulturellen Teams vorbereiten sollen, dann ist es wünschenswert, ist sich Hänssig sicher, dass sie selber auch über eine gewisse Auslandserfahrung verfügen, am besten in Verbindung mit einem studienbezogenen Auslandsaufenthalt und einem Praktikum an einer Schule.

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