Foto: Privat

Foto: Privat

Herr Prof. Klein, der Begriff des ‚Akademikers‘ strahlt etwas Besonderes aus – ist aber damit überhaupt ein bestimmter Bildungsweg impliziert, meint man damit nicht eher einen bürgerlich-wohlhabenden Status?

Genau dies ist der Fall. Apotheker, Professoren, Lehrer, Juristen und vor allem Ärzte galten noch bis vor wenigen Jahrzehnten als die Personen, die es zu diesem bürgerlich- wohlhabenden Status gebracht hatten. Das ist die Messlatte, die man sich heute legt. Befeuert wird diese Entwicklung durch die gebetsmühlenartige Werbestrategie der OECD und Bertelsmann-Stiftung, dass angeblich nur Akademikern ein gesellschaftlicher Aufstieg mit einem sicheren und hohen Einkommen garantiert wird, die letztlich auch dem Gemeinwohl durch höhere Steuereinkommen zugutekomme.

Man spricht in der öffentlichen Debatte gerne von Akademikern, die sich im Unterschied zu Nicht- Akademikern prinzipiell mehr im Leben leisten können. Stimmt dieses Bild heute noch?

Die derzeitige fast katastrophale Lage auf dem akademischen Arbeitsmarkt unserer südeuropäischen Freunde zeigt mehr als deutlich, dass die Forderung nach immer höheren Akademikerzahlen zum Wohl des Einzelnen und der Allgemeinheit nichts als ein schönes Märchen ist. Für die Betroffenen, die in diese Falle des weltweit agierenden akademischen Humankapitals gelaufen sind, ist die persönliche Lage ohne Perspektiven mehr als ernüchternd. Dies gilt mittlerweile auch für asiatische Länder, insbesondere für China. Von „Ameisen ohne Job“ ist die Rede. Es reicht also nicht, einfach eine Masse von Akademikern zu produzieren, ohne dafür auch nur annähernd genügend adäquate Arbeitsplätze bereit zustellen. Auch für Deutschland dürfte es unstrittig sein, dass die Gehälter der meisten Akademiker – von Lehrern einmal abgesehen – in den letzten Jahrzehnten deutlich nach unten korrigiert wurden. Angebot und Nachfrage bestimmen halt den Preis bzw. das Gehalt. Wenn der Anwaltsgerichtshof Nordrhein-Westfalen die Praxis, junge Juristen mit einem Einstiegsgehalt von eintausend Euro im Monat zu entlohnen, schon 2007 als sittenwidrig auswies (Az2 ZU 7/07), weiß jeder, wohin der Akademikerzug rollt.

Wie kommt es, dass bei internationalen Bildungsstudien Deutschland wegen des vergleichsweise eher mäßigen Akademikeranteils an der Gesamtbevölkerung gerügt wird – kennen die OECD-Verantwortlichen etwa das Duale System nicht, womit könnte das zusammenhängen?

Das vielfältige berufsausbildende System wird systematisch von der OECD und der Bertelmann-Stiftung als antiquiertes deutsches Auslaufmodell gebrandmarkt, das nicht zukunftsfähig sei und daher abgeschafft werden müsse. Stattdessen werden Abiturienten- und Akademikerquoten von bis zu 70 % als nachhaltige Bildungsaufgabe eingefordert, ansonsten drohe Deutschland der wirtschaftliche Ruin. Diese abstruse Forderung hat gleich drei negative Effekte. Erstens wird die Berufsausbildung im Dualen System, das ja gerade die fehlenden Fachkräfte, Handwerker und Meister ausbilden soll, nachhaltig zerstört, denn Jugendliche mit durchaus guten Ausbildungsund Berufsperspektiven fehlen diesem System zusehends. Zweitens werden die Hochschulen von einer immer größeren Zahl nicht studierfähiger Abiturienten geflutet, da die künstlich gesteigerten Abiturientenquoten von bis zu 50 % eines Jahrgangs und mehr nur durch eine Absenkung insbesondere der fachlichen Ansprüche erkauft wurden. Das dabei zu beobachtende Süd-Nord- und Ost-West-Gefälle ist für die Vergabe von Studienplätzen zudem himmelschreiend ungerecht. Drittens droht auch den Hochschulen die Absenkung des Anforderungsniveaus, denn sie oder einzelne Fachbereiche mit hohen Durchfall- und Abbrecherquoten werden zunehmend von der Politik unter Druck gesetzt, möglichst viele Studierende in der Regelstudienzeit irgendwie durchzuschleusen, notfalls ebenfalls durch eine Absenkung der Anforderungen. Viele der führenden Wirtschaftsnationen, die ebenfalls hohe Akademikerzahlen am Bedarf vorbei produzieren, fragen das deutsche Modell der Berufsausbildung im Dualen System nach, während wir gerade dabei sind, es zu pulverisieren.

Sie sagen, dass Sie einem jungen Menschen eher vom Studium abraten würden, wenn dieser einen Beruf mit hohem Einkommen anstrebt – wäre nicht z. B. die Kombination aus Ausbildung und anschließendem Studium empfehlenswert?

Ich würde jungen Menschen niemals von einem Studium abraten, wenn sie sich wirklich für Bildung, Wissen, Forschung sowie für das ausgewählte Fach begeistern und zwar unabhängig von dem zu erwartenden Gehalt. Wenn heute jemand Musik studiert, muss er hohe Anforderungen alleine für die Zulassung erfüllen. Das Musikstudium selbst ist nicht weniger anspruchsvoll. Die Verdienstmöglichkeiten sind eher bescheiden. Wenn man aber dafür „brennt“, sollte man sich durch nichts davon abbringen lassen. Die deutliche Mehrzahl der Studierenden wird aber nur deswegen an die Hochschulen gelockt, weil ihnen von der OECD und Bertelsmann-Stiftung deutlich höhere Gehälter als zukünftige Akademiker sowie die Verschonung von Arbeitslosigkeit versprochen werden. Da wird es am Ende des Studiums für viele ein mehr als böses Erwachen geben. Viele Abiturienten wissen nicht einmal, was sie denn studieren sollen, und beginnen irgendein Fach zu studieren, in dem sie eine Zulassung ergattert haben, ohne überhaupt dafür ein spezifisches Interesse mitzubringen. Hier empfiehlt sich ein Weg über das duale System, dem man ja immer noch ein Studium nachfolgen lassen kann. Nach einem Bachelor oder gar Master möglicherweise eine Lehre anzufangen ist der falsche Weg, und zwar sowohl für die Wirtschaft, die Gesellschaft als auch für den Einzelnen selbst, der trotz eventuell guter Leistungen dann zunehmend an sich selbst zweifelt.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass Deutschland seinen ‚Sonderweg‘ mit einem funktionierenden Berufsbildungssystem langfristig sichern kann? Müsste das Duale System wieder stärker beworben werden, welche Rolle können die Hochschulen dabei spielen?

Die Bundesregierung ist in keiner Weise dazu verpflichtet, irgendwelche Empfehlungen der OECD oder Bertelsmann-Stiftung umzusetzen. In den USA weiß so gut wie niemand, dass man selbst Mitglied dort ist. Die dortigen Verlautbarungen haben einen Null-Effekt auf das amerikanische Bildungssystem und das ist auch gut so. Da müssen wir hin. Wir haben genügend eigene Kompetenzen im Land, die alternative und bessere Konzepte zum Wohle aller auf den Weg bringen können. Dabei gilt es insbesondere, das in der Welt einzigartige vielfältige deutsche Bildungssystem in allen seinen Facetten zu erhalten, um allen individuell die besten Möglichkeiten zu bieten. Den Fachhochschulen würde ich hier eine entscheidende Funktion zukommen lassen. Sie sind gegründet worden, um eine mehr berufsorientierte Ausbildung zu garantieren. Genau darin müssten sie unterstützt und weiter ausgebaut werden. Dass sie jetzt aber umgekehrt Universitäten sein wollen mit allen zu vergebenden Forschungsabschlüssen, ist da eher kontraproduktiv.

Bei den Akademikern, die an der Uni bleiben und eine wissenschaftliche Karriere anstreben, kommen zunehmend Befristung und die Ungewissheit hinzu, was nach Promotion oder Habilitation wird. Trifft Ihrer Ansicht nach der Begriff vom ‚akademischen Prekariat‘ bereits zu?

Das „Prekariat mit Doktorgrad“, wie die Wochenzeitschrift DIE ZEIT in einer ihrer vergangenen Ausgaben titulierte, haben wir bereits. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zahlt sich ein Studium schon jetzt für viele Hoch- schulabsolventen längst nicht mehr aus und schon gar nicht für eine mögliche angestrebte Hochschullaufbahn. Sieht man sich die heutige Forschungslandschaft an, die ebenfalls im Rahmen der Ökonomisierung der Bildung nur noch auf quantitativen Output ausgerichtet ist, fällt einem auf, dass sich auch die Zahl der wissenschaftlichen Arbeiten und natürlich auch der Dissertanten immer schneller immer weiter erhöht. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die alleinige Erhöhung des Outputs auch in der Forschung mit einer Zunahme wissenschaftlicher Qualität nicht automatisch korreliert. Viele gehen diesen Weg notgedrungen, da sie selbst mit dem Master in vielen Fachrichtungen eben nicht die erwünschte Anstellung finden. Also bemüht man sich um eine Promotion, von der man hofft, dass man nach erfolgreicher Absolvierung entweder an der Hochschule in Forschung und Lehre oder in der Arbeitswelt bessere Chancen hat. Wenn man Glück hat, ist man dann für zwei bis drei weitere Jahre zumindest halbwegs mehr schlecht als recht finanziert. Spätestens von dort an sitzt man in einem drittmittel-gesteuerten Durchlauferhitzer, nach dessen Durchlauf am Ende sich niemand mehr dafür interessiert, was aus dem Einzelnen wird. Nach dem fast vollständigen Abbau des akademischen Mittelbaus mit ehemals festen Stellen, die auch eine Kontinuität in der Lehre garantierten, bleiben wegen der drastischen Unterfinanzierung der Hochschulen schon in der Grundlast meist nur zeitlich befristete Postdoc-Stellen mit geschätzten 50 Wochenstunden Arbeitszeit – bei bezahlten 20 Stunden – und Kurzzeitverträge. Eine der viel begehrten Professorenstellen zu ergattern, bleibt nur ganz wenigen vorbehalten. Wer den Absprung nicht schafft, steht mit Mitte dreißig dann mit leeren Händen da und wird zum akademischen Tagelöhner ohne jede soziale Absicherung.

Das Interview führte Dirk Frank

Prof. Hans Peter Klein hat seit 2001 den Lehrstuhl für Didaktik der Biowissenschaften an der Goethe-Universität inne. Seit 2006 ist er Präsident der Gesellschaft für Didaktik der Biowissenschaften (www.didaktik-biowissenschaften.de) sowie Mitbegründer und Geschäftsführer der 2010 in Köln gegründeten Gesellschaft für Bildung und Wissen (www.bildung-wissen.eu).