Leiten den Fachbereich 11: (von links) Prodekan Prof. Ulrich Achatz, Dekan Prof. Peter Lindner, Studiendekan Prof. Alan B. Woodland; Foto: Lecher

Der Fachbereich Geowissenschaften/Geographie bietet eine bemerkenswert breite Palette von Studiengängen und Forschungsperspektiven. Die Studierendenzahl ist in den letzten zehn Jahren mehr als doppelt so stark gestiegen wie im gesamtuniversitären Durchschnitt.

In Daniel Kehlmanns Roman »Die Vermessung der Welt« dient die Figur des Alexander von Humboldt dazu, den neugierigen Blick des empirischen Geowissenschaftlers dem logisch-mathematischen Denken, im Buch vertreten durch Carl Friedrich Gauß, gegenüberzustellen. Sofern sich ihre toten Körper transportieren lassen, sammelt Humboldt Menschen ebenso wie Steine, er kartiert Siedlungen genauso wie Pflanzengesellschaften, und seine unermüdliche Vermessung der Welt folgt immer derselben Rationalität.

Eine grundsätzliche Differenzierung seines Arbeitsfeldes in Natur- und Gesellschaftswissenschaften wäre Humboldt nie in den Sinn gekommen – heute hingegen ist es meist die Tatsache, dass diese Differenzierung zweitrangig ist, die als herausragende Besonderheit des Fachbereichs 11 wahrgenommen wird. Er vereint ein »Institut für Atmosphäre und Umwelt«, ein »Institut für Geowissenschaften « (Geologie/Paläontologie, Geophysik und Mineralogie), ein »Institut für Humangeographie« sowie ein »Institut für Physische Geographie«.

Bequem wäre es, ließe sich die Frage nach der einenden Klammer für den Fachbereich tatsächlich einfach mit einem Verweis auf das Wissenschaftskonzept des frühen 19. Jahrhunderts und die bis heute grundsätzlich empirische Arbeitsweise der Geowissenschaften beantworten. Und auch die einheitsstiftende Verwendung der Vorsilbe »Geo«, deren historisch gewachsenes Begriffsverständnis durchaus mitverantwortlich für die administrativ-organisatorischen Zuschnitte geowissenschaftlich-geographischer Fachbereiche ist, reicht dafür selbstverständlich nicht aus.

Ein Blick auf die Forschungspraxis und derzeitigen Arbeitsschwerpunkte am Fachbereich zeigt denn auch deutlich, wie vielfältig ausdifferenziert – in Bezug auf Themen und Gegenstände ebenso wie in methodologischer und methodischer Hinsicht – das geworden ist, was weiterhin mit dieser Vorsilbe identifiziert wird. In der Meteorologie zählen dazu numerische Wettervorhersage und Klimamodellierung sowie die physikalisch-chemischen Voraussetzungen der Wolkenbildung ebenso wie die Analyse von Energieflüssen an der Grenzschicht zwischen Landoberfläche und Atmosphäre.

In den Geowissenschaften reicht das Spektrum von der Erforschung kristalliner Strukturen im Nanobereich bis hin zur Rekonstruktion erdumfassender geologischer Dynamiken und vorzeitlicher Umweltbedingungen; auch der Einfluss der Prozesse im Erdinneren auf die Erdoberfläche und die Atmosphäre spielt dabei eine wichtige Rolle.

Zu den Arbeitsgebieten der Physischen Geographie gehört das Zusammenwirken geoökologischer, bodenkundlicher, hydrologischer und biologischer Prozesse bei der Formung der Erdoberfläche, während die Humangeographie als Sozialwissenschaft sich kritisch mit Globalisierungsprozessen in Wirtschaft und Gesellschaft auseinandersetzt und dazu auch einen Masterstudiengang anbietet.

Nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden Bedeutung experimenteller Methoden und numerischer Hochleistungsrechnungen erfordern viele Projekte den Unterhalt aufwändiger Forschungsinfrastrukturen und sind in nationale und internationale Verbünde eingebettet. So sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Fachbereichs an Messungen mit dem Stratosphärenflugzeug HALO des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) beteiligt, unterstützen Wetterdienst und Klimazentren federführend in nationalen Konsortien bei der Verbesserung ihrer Modelle und arbeiten an den Berichten des Weltklimarates (IPCC) mit.

Der Fachbereich betreibt das Taunus-Observatorium auf dem Kleinen Feldberg, und im Rahmen einer Kooperation mit NASA und ESA wird im nächsten Jahr ein eigenes Experiment auf der internationalen Raumstation ISS durchgeführt. Eine besondere Rolle spielt die enge Verbindung zur Senckenberg- Gesellschaft, unter anderem im Forschungszentrum Biodiversität und Klima (BiK-F), deren Direktor sowie einige weitere Professorinnen und Professoren Mitglieder des Fachbereichs 11 sind.

Die große Bedeutung der Verbundforschung schlägt sich auch im Drittmittelaufkommen nieder, das in den letzten Jahren kontinuierlich um 6 bis 7 Mio. Euro lag. Viele dieser Projekte sind der Grundlagenforschung zuzurechnen, auch wenn ihre Relevanz für aktuelle Problemlagen wie den Klimawandel oder ökologische Krisen, denen sich beispielsweise ein interdisziplinärer Studiengang »Umweltwissenschaften« widmet, offensichtlich ist.

Doch in gleichem Maße verstehen sich die dem Fachbereich 11 zugehörigen Disziplinen als anwendungsbezogene Natur- und kritische Gesellschaftswissenschaften. Als solche stehen sie im engen Austausch mit der Stadtgesellschaft ebenso wie mit nationalen Institutionen und internationalen Organisationen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Fachbereichs arbeiten für die staatliche Entwicklungszusammenarbeit (GIZ), beraten die Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen (FAO) und die UNESCO oder werden fallbezogen in Gremien des Auswärtigen Amts berufen.

Für die Regionalpolitik spielt das von den Fachbereichen 3 und 11 gemeinsam getragene Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) eine prominente Rolle und für die Frankfurter Stadtpolitik werden immer wieder Gutachten zu Themen wie nachhaltige Mobilitätskonzepte, Industrieförderung oder Entwicklung der Kreativwirtschaft verfasst.

Die Einrichtung einer Stiftungsprofessur für Mobilitätsforschung, anfinanziert durch den Rhein-Main- Verkehrsverbund (RMV), ist deutlicher Ausdruck für die Bedeutung, die auch öffentliche Einrichtungen diesem Austausch beimessen. Eine am Fachbereich extra zu diesem Zweck eingerichtete »Geo-Agentur« ist für den Kontakt zur breiteren Öffentlichkeit ebenso wichtig wie die Frankfurter Geographische Gesellschaft (FGG).

Konkrete ökologische und gesellschaftspolitische Problemlagen, die Interdisziplinarität des Themas Mensch-Umwelt-Beziehungen sowie die globale Perspektive vieler Forschungsschwerpunkte machen die besondere Anziehungskraft der Studiengänge am Fachbereich 11 ebenso aus wie die allgemeine Faszination für das Wetter und die Prozesse in der Erde.

Die Bedeutung mathematisch- physikalischer und chemischer Grundlagen in den Naturwissenschaften sowie die Bereitschaft zu sozialwissenschaftlicher Theoriearbeit in der Humangeographie wird demgegenüber von Studienanfängern oftmals unterschätzt. Dass diese Themenfelder auch große öffentliche Aufmerksamkeit erfahren, hat sich spürbar in den Studierendenzahlen niedergeschlagen, die in den letzten zehn Jahren mehr als doppelt so stark gestiegen sind wie im gesamtuniversitären Durchschnitt.

Insgesamt sind in den fünf Master- und vier Bachelorstudiengängen des Fachbereichs derzeit über 2.700 Studierende (Studienfälle) eingeschrieben, von denen über 700 Lehramt studieren. Auch wenn die für viele Geowissenschaften wichtige Arbeit mit Geoinformationssystemen (GIS) dies für Außenstehende vielleicht suggeriert – von einer perspektivisch einheitlichen »Vermessung der Welt« kann längst keine Rede mehr sein.

Wenn in jüngster Zeit dennoch wieder eine Annäherung zwischen Natur- und Sozialwissenschaften zu beobachten ist, dann auf völlig anderen Grundlagen. Seitens der Naturwissenschaften verweist der umstrittene Begriff »Anthropozän« darauf, dass viele vermeintlich natürliche Prozesse heute im globalen Maßstab menschlich beeinflusst sind.

Seitens der Sozialwissenschaften eröffnen die Science and Technology Studies, zu denen am Fachbereich 9 jüngst ein eigener Masterstudiengang unter Beteiligung der Humangeographie eingerichtet wurde, einen neuen, integrativen Blick auf Natur und Technik. Wollte man sich diesen Entwicklungen belletristisch annähern, so wäre nicht Daniel Kehlmann, sondern Michel Houellebecq der passende Autor:

In seinem Bestseller »Karte und Gebiet« sind die Landkarten verzerrt und die Körper zerteilt. Hier geht es nicht mehr um Vermessung, sondern darum, eine eigene Perspektive zu entwickeln und aus einer Ansammlung unübersichtlicher Fragmente ein Bild entstehen zu lassen.

Die vier Institute des Fachbereiches Geowissenschaften/Geographie: Institut für Atmosphäre und Umwelt • Institut für Geowissenschaften • Institut für Humangeographie • Institut für Physische Geographie

Mitarbeiter/innen: 36 Professor/innen, 143 wissenschaftliche Mitarbeiter/innen (Landesstellen und Drittmittel), 42 technisch-administrative Angestellte

Studierendenzahlen: 1772 Köpfe, 2719 Fälle

Drittmittel im Jahr 2016: 6,3 Mio. Euro

Autor: Peter Lindner

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3.17 der Mitarbeiterzeitung GoetheSpektrum erschienen.