Einige haben noch nie den Campus gesehen, bei einem ebbt das »echte Uni-Feeling« ab, und eine macht Bekanntschaften auf Umwegen: Neuankömmlinge an der Goethe-Uni geben Auskunft über den Uni-Start unter Corona-Bedingungen.

Studieren in der Pandemie bedeutet: Der Erstkontakt mit der Universität findet online statt. Und bei online bleibt es dann auch – Veranstaltungen vor Ort besuchen nur die wenigsten. Wie geht es den rund 8100 Erstis damit? Wie orientieren sie sich in der Uni-Online-Welt? Klappt die Technik? Schon jemanden kennengelernt? Macht das Studium (trotzdem) Spaß? Sechs Erstsemester – aus den Studien Rechtswissenschaft, Empirische Sprachwissenschaft, Germanistik, Biowissenschaften oder Interdisciplinary Neuroscience – haben uns telefonisch geantwortet.


Helin Satilmis, 18, Studium der Rechtswissenschaft

Die Studienunterlagen zu spät eingetroffen, die Einführungsveranstaltung verpasst – für Helin begann der Uni-Start mit Stress: „Ich hatte schon voll die Panik, dass alles ganz kompliziert wird und ich auch keinen kennenlernen werde.“ Doch dann war die OLAT-Plattform übersichtlicher als erwartet, und eine studienerfahrene Cousine half beim Stundenplan-Erstellen. Auch die ersten Vorlesungen waren eine positive „Überraschung“: „Ich bin erstaunt, wie gut alles organisiert ist und wie gut es mit der Technik klappt.“ Gewöhnungsbedürftig fand Helin allerdings, bei stundenlangen Online-Vorlesungen nicht die Konzentration zu verlieren. Und auch das richtige Mitschreiben und Nacharbeiten von Vorlesungen: Das sei ohne gutes Zeitmanagement – und frühes Aufstehen! – nicht zu schaffen. Inzwischen klappe es mit der Organisation aber schon gut, sagt Helin. Das Studium macht Spaß. Wobei es hilfreich sei, dass Professorinnen und Professoren E-Mail-Kontakte anböten und sich die knapp 700 Erstis in ihrem Fach in WhatsApp-Gruppen organisiert hätten. Auch wenn in ihrer Gruppe mit 256 Mitgliedern schon einmal schnell 300 Nachrichten auflaufen: Fragen werden sofort und hilfsbereit beantwortet. Geht das: private Kontakte, Kennenlernen unter diesen Bedingungen? Unmöglich, sagt Helin.

„Irgendwie“ und „überraschend“ wurde Helin aber in eine kleine WhatsApp-Gruppe aufgenommen. Diese „Mädels-Gruppe“ entpuppt sich als Glücksfall und Lerngruppe in einem: Sonntags werden nun in Zoom-Meetings Fragen ausgetauscht und gemeinsam über Lösungen gegrübelt. Und damit sich die Minigruppe einmal – in Echtzeit und vor Ort – treffen kann, hat sie sich bei der einzig möglichen Präsenzveranstaltung im Semester eingeschrieben, an der Studierende im Rotationssystem teilnehmen können. Helin freut sich schon auf die bildschirmfreie Begegnung. „Wenn es wieder geht, müssen wir unbedingt essen gehen. Das haben wir schon beschlossen.“

Ilhana Sacirovic, 18, Studium der Rechtswissenschaft

Die Einführungsveranstaltung mit Tipps und Tricks inklusive virtueller Campusführung, die Helin verpasst hat, hat Ilhana live erlebt. Trotzdem – auch ihr fiel das Stundenplan-Basteln nicht leicht. Deshalb war Ilhana „überrascht“, wie gut organisiert das Studium begonnen hat. Nach einigen technischen Anfangsschwierigkeiten „geht‘s jetzt in der Vorlesung richtig ab.“ Die anfängliche Scheu, Fragen zu stellen, sei verflogen. Ob in der Vorlesung per Handzeichen oder per Chat mit den Mentorinnen und Mentoren, also Studierenden aus höheren Semestern, ob per WhatsApp, Facebook, E-Mail oder Zoom-Tutorium – unter den Erstis gibt es regen Austausch. Fachlich. Dass Ilhana jetzt auch ein paar Mitstudierende privat kennt, hat sie dem Zufall zu verdanken: In Frankfurt wohnend nimmt sie jede Gelegenheit wahr, sich wöchentlich bei der einzigen Präsenzvorlesung einzuschreiben; nur 85 Personen der knapp 700 Erstsemester sind aus Platzgründen zugelassen. Auf der Suche nach dem Hörsaal irrte sie in der ersten Woche im Unitreppenhaus umher – und traf auf ebenso orientierungslose Erstis wie sie. Das verband. In der noch am selben Tag gegründeten WhatsApp-Gruppe ist jetzt nicht nur Fachliches Thema. Würde sie sich gern privat mit einigen treffen wollen? „Sofort.“

Shayenne Wiens, 18, Studium der Rechtswissenschaft

„Wir haben uns alle so darauf gefreut, ein Studentenleben zu haben und neue Leute kennenzulernen“, sagt Shayenne am Ende des Gesprächs, und ihre Stimme klingt dabei ein wenig matt. Auf dem Campus war sie noch nie. Wegen des Onlinesemesters bleibt sie derzeit bei ihrer Familie in Fulda; die Idee, in ein Studentenheim zu ziehen, ist erst einmal verschoben. Sie ist froh, dass sie die „sehr komplizierte Immatrikulation“ geschafft und sich im Studium orientiert hat. „Dass es eine Einführungsveranstaltung gab, haben viele nämlich gar nicht mitbekommen.“

Inzwischen gelingt es ihr besser, sich bei den stundenlangen Zoom-Veranstaltungen zu konzentrieren. Dabei halfen die WhatsApp-Gruppen sehr: Dort werden Infos geteilt, Fragen beantwortet. Kennenlernen ist bei 256 Teilnehmern pro WhatsApp-Gruppe unmöglich, selbst Gruppenarbeit findet mit 20 bis 30 Personen statt. „Bei 12 Personen pro Bildschirm muss ich mich durch die Seiten klicken, um alle Gruppenmitglieder zu sehen“. Bei so vielen Zugriffen hänge sich ein Zugang auch mal auf, müsse sie einige Stunden warten, bis sie an Lernmaterial komme. Trotzdem: Ihr Fach findet sie „total interessant“. Und immerhin habe sie schon eine Mitstudierende kennengelernt: Diese sei über Instagram auf sie zugekommen – ob sie auch in Frankfurt studiere? Seitdem schreiben sich die beiden. Mit mehr Kontakten rechnet Shayenne in diesem Semester allerdings nicht.

Malin Marinus Potengowski, 18, Studium der Empirischen Sprachwissenschaft, Nebenfach Germanistik

„Ich bin über die wenigen, wenigen Präsenzveranstaltungen sehr froh“. Die Einschreibung hatte Malin lange vor sich hergeschoben und soeben noch geschafft, als er merkte, dass, anders als erwartet, die Einschreibung gar nicht Thema in der Einführungsveranstaltung sein würde. Fachschaft und Studienservice Center, an die Malin Fragen gerichtet hatte, schrieben erst spät zurück, „da waren die Mailboxen wohl total überfüllt.“ Am Ende halfen Freunde, beim Campusrundgang der Fachschaft in Kleingruppen gab es dann den ersten Unikontakt.

Nun pendelt Malin von Friedberg aus; die Fahrtzeit nutzt er zum Vor- und Nacharbeiten. Manchmal wird die Kombination zwischen Online und Präsenz, zwischen Computerbildschirm zu Hause und Mit-Abstand-im-Hörsaal-Sitzen, aber auch zur Herausforderung: mittwochs folgt nämlich auf die Hebräisch-Stunde lückenlos die Niederländisch-Klasse. Nach Hause jetten – nicht zu schaffen. Wo sich aufhalten? Die Uni ist zu, die Bibliothek verlangt Stille, die Malin aber, da er sich am Unterricht beteiligt, nicht bieten kann. Die um Hilfe gebetenen Dozenten reagieren ratlos. „Im Moment mache ich Niederländisch immer auf einer Parkbank.“ Nicht nur jahreszeitenbedingt eine eher suboptimale Lösung. Da ist es nur zu verständlich, dass Malin sich generell „in einem Hörsaal wohler fühlen würde“. Aus Datenschutzgründen nimmt Malin an keiner WhatsApp-Gruppe teil. Trotzdem fühlt er sich durch den Discord-Kanal und E-Mail-Kontakte mit den Dozierenden einigermaßen eingebunden. Das Studium macht ihm Spaß – „auch wenn das Lernpensum langsam sehr, sehr stressig wird“.

Dennis Weigel, 20, Bachelor in Biowissenschaften

Nach einem freiwilligen sozialen Jahr hat sich Dennis sehr auf etwas Neues gefreut. Deshalb hat er sich von dem „außerordentlich komplizierten“ Einschreibeverfahren und Stundenplan-Entwickeln nicht abschrecken lassen. Als er bei der Einführungsveranstaltung zum ersten Mal in einem großen Hörsaal auf dem Campus Riedberg stand, fand er das sogar „sehr imposant“. „Echtes Unifeeling“ habe er da gespürt. Das habe sich, seitdem nur noch Online-Studieren angesagt ist, allerdings ein wenig verflüchtigt. Nicht ganz hilfreich sei da, dass er für seine Fächer – Biowissenschaften, Chemie, Physik, Statistik – zwischen OLAT und anderen Plattformen hin- und herpendeln müsse. Andererseits funktionierten die Lehrveranstaltungen technisch super, sagt Dennis. Gut findet er auch, dass er sich durch Lernvideos gut selbst organisieren könne. Und dass es in seinem Lieblingsfach Biowissenschaften jetzt „sehr, sehr detailliert“ wird, findet er richtig spannend. Weniger begeistert ist er von Physik „Da frage ich mich manchmal schon, wozu ich das in meinem Studium eigentlich brauche.“ Ein Grund, warum er sich aufs Studium gefreut habe, war auch die Aussicht, neue Menschen kennenzulernen. Da ist noch nichts passiert. „Ich hoffe, hoffe“, sagt Dennis, „dass so nicht mein ganzes Studium verläuft.“

Yoel Yimesghen, 30, Master Interdisciplinary Neuroscience

Für Yoel ist im Masterstudium alles neu – obwohl es bereits sein zweites Studium ist. In Eritrea hat er Pharmazie studiert und drei Jahre in seinem Beruf gearbeitet. Noch Anfang des Jahres lebte er in einem Asylbewerberheim in Ulm, inzwischen hat er eine Aufenthaltsgenehmigung, einen WG-Platz in Frankfurt und BAföG. Dafür, sagt er, sei er rund um die Uhr in Internet-Cafés im Einsatz gewesen. Dass er nun mit zehn weiteren Kommilitonen studieren kann, empfindet Yoel als Glücksfall. Sechs der insgesamt elf Kommilitonen kommen aus dem Ausland: aus Albanien, der Türkei, Südkorea und Ägypten. Vor dem Lockdown light haben sich die Masterstudenten einmal sehen können. „Jetzt rufen wir uns jeden Tag an und fragen, ob es Probleme gibt. Die deutschen Kommilitonen sind wirklich sehr hilfsbereit.“ Im Online-Studium sind die Studienkollegen für ihn wie eine Familie geworden.

Erleichtert nimmt Yoel auch zur Kenntnis, dass er sich inzwischen besser viele Stunden vor dem Bildschirm konzentrieren kann, der Lernstoff schwierig, aber zu schaffen sei. Und Yoel freut sich schon auf sein Praktikum – das, so hofft er, bald vor Ort im Labor stattfinden könne. In einem so gut ausgestatteten Institut habe er noch nie gearbeitet!

(Das Gespräch mit Yoel fand auf Englisch statt.)


Das Studium ist erst wenige Wochen alt, zu früh für eine Bilanz. Doch so viel lässt sich sagen: Der Einstieg ist den Erstis schwergefallen. Danach konnte es nur noch besser werden – und wurde es auch. Die technische und sachliche Kompetenz der Dozierenden hat die Studienstarter ausnahmslos positiv überrascht. Auch dass sie die Social-Media-Kanäle genutzt haben, hat ihnen den Einstieg erleichtert. Bei den sozialen Zur-selben-Zeit-am-selben-Ort-Kontakten ist allerdings noch extrem viel Luft nach oben. Neue Stadt, neue Freunde, durchfeierte Nächte? Utopisch. Dafür könnte bei Prüfungen – meist in Präsenz – bald Freude aufkommen. Denn dann begegnen sich nicht Pixelgesichter, sondern wirkliche Menschen. Auf unsere Frage, was sie sich für ihr Studium wünschen, antworten die Erstis: Präsenz! Oder wie jemand auf Instagram auf unseren Aufruf nach Ersti-Gesprächspartnern schnodderig postete: „Merkel mach Uni auf!“

Pia Barth

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 6.20 (PDF) des UniReport erschienen.