Schäfflestraße, Frankfurt-Riederwald

Soziologiestudierende untersuchten im Praxisseminar die Lebensbedingungen in einem Frankfurter Stadtteil. Bewohner als »Co-Forscher«

Viele Zugezogene in Frankfurt dürften den Namen vorher noch nicht gehört haben: Der Riederwald, ein Stadtteil im Osten Frankfurts, stand im Juli plötzlich im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Die Besonderheit: Es wurde nicht über, sondern mit den Riederwäldern gesprochen. Wie kam es aber dazu, dass die Bewohner/innen die sozialen Strukturen ihres Stadtteils selber thematisieren konnten?

Der Quartiersmanager Sebastian Wolff, selber promovierter Soziologe und Alumnus der Goethe-Uni, hatte sich im Vorfeld an verschiedene Stellen gewendet, um eine Beratungsstelle für seinen von Migration und sozialen Verwerfungen geprägten Stadtteil zu etablieren. Dr. Sabine Flick, Soziologin an der Goethe-Universität und Vertretungsprofessorin für den Schwerpunkt Jugend und Familie, hatte die Idee für ein studentisches Forschungsprojekt. „Mich interessierte, ob eine Sozialraumanalyse aus dem Jahre 2010, die kein sehr positives Gesamtbild der Lebensbedingungen im Riederwald ergeben hat, gegenwärtig noch Gültigkeit besitzt.“

Flick sieht sich als Forscherin der Kritischen Theorie verpflichtet, möchte diesen Ansatz aber empirisch wenden: „Was heißt es, wenn wir uns mit dem Leiden der Bewohner eines Stadtteils beschäftigen, ohne Zuschreibungen von außen zu machen?“, fragt sie. Im Rahmen einer partizipativen Sozialforschung gehe es darum, die Menschen nicht zu viktimisieren, sondern in den Prozess mit einzubeziehen: Sie dürfen selber Themen setzen, die ihnen am Herzen liegen. Diesen Ansatz galt es, für ein Seminar des Forschenden Lernens fruchtbar zu machen.

Von der Theorie zur Praxis

Am Anfang des empirisch ausgerichteten Seminars, das vom Präsidium der Goethe-Universität gefördert wurde, stand aber die Beschäftigung mit Theorien zum sozialen Leiden. Davon ausgehend entwickelte Flick mit ihren Studierenden ein methodologisches Gerüst; fünf Forschungsgruppen mit jeweils spezifischen Themen wurden zusammengestellt. Eine Gruppe setzte sich mit den Wohnverhältnissen im Riederwald auseinander.

Im Rückblick sprechen die studentischen Forscherinnen und Forscher über die Bewohnerinnen und Bewohner des Stadtteils, mit denen sie zu tun hatten, von ihren „Co-Forscher/innen“: „Ohne ihre Bereitschaft, sich mit uns gemeinsam auf den partizipativen Forschungsprozess einzulassen und ihre Zeit dafür aufzuwenden, wäre das Projekt in dieser Form nicht durchführbar gewesen. Partizipativ zu forschen hat uns dazu angehalten, unsere Positionen und Perspektiven im Forschungsprozess hinsichtlich ihrer Grundlagen umfänglich zu überdenken“, heißt es in ihrem Resümee.

In der medialen Berichterstattung wird für strukturschwache Regionen und Stadtteile oftmals der Begriff „abgehängt“ bemüht; demgegenüber hat die Forschungsgruppe Wohnverhältnisse eher versucht „einen Einblick zu bekommen, wie Personen, die in Stadtteilen leben, die als Brennpunkt oder als abgehängt gelten, ihre Lebensverhältnisse sehen und gestalten, mit welchen Problemen sie konfrontiert sind und welche Ressourcen sie haben, um damit umzugehen“. Zwar sei die städtebauliche Strukturarmut vor Ort nicht von der Hand zu weisen; jedoch hätten sich viele der Personen, mit denen die studentischen Forscherinnen und Forscher gesprochen hätten, gegen den Ausdruck „abgehängt“ gewehrt.

Gesagt worden sei von vielen Gesprächspartner/innen, dass man sehr gerne im Riederwald lebe. Betont wird von den Studierenden ferner, dass „die Rede von den abgehängten Stadtteilen die Einschätzung zulassen könnte, dass stadtpolitische und gesamtgesellschaftliche Problemlagen sich auf einzelne Bezirke eingrenzen ließen. Gerade in Frankfurt liegt es jedoch auf der Hand, dass Probleme mit Wohn- und Mietverhältnissen sich in allen Stadtvierteln wiederfinden und ein strukturelles Problem darstellen.“

In Geduld üben

Weitere Themen der studentischen Forschungsgruppen waren „Lebenswelten von Senioren“, „Traditionen linker Politik“, „Kinder und ihre Orte im Stadtteil“ sowie „Väter“. Das über zwei Semester laufende Seminar habe, so Sabine Flick, den Studierenden anschaulich vor Augen geführt, wie aufwendig eine solche partizipative Analyse sein könne; man müsse sich als Sozialforscher oft in Geduld üben, wenn die Kommunikation mit den unterschiedlichsten Gesprächspartnern zäh oder auch im Sande verlaufe.

Auch sei es nicht ungewöhnlich, dass Forschungsergebnisse, wie von der Forschungsgruppe Wohnverhältnisse beklagt, von den zuständigen Behörden eher zurückhaltend oder sogar überhaupt nicht zur Kenntnis genommen würden. Dennoch zieht Flick insgesamt ein positives Fazit. Die Studierenden seien im Stadtteil sehr beliebt gewesen; auch wenn die Bewohner/innen gewusst hätten, dass durch die Zusammenarbeit keine neuen Parkbänke entstehen, habe man sich offen und engagiert gezeigt.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 5.19 des UniReport erschienen.