Einige Jahre wurden Universitäten und Handwerkskammern dabei unterstützt, Studienzweifler gemeinsam zu beraten. Das bundesweite yourPUSH-Projekt ist zu Ende, doch in Frankfurt geht die erfolgreiche Kooperation weiter.

Ausbildungsberuf: Augenoptiker/in.

Auch ermutigende, helle Geschichten können einen nüchternen, dunkel getönten Anfang haben, und dies ist so ein Fall. Gesprächspartner, die ihre Studienzweifel offenlegen? Eher nicht. „Das Thema Studienabbruch ist sehr sensibel“, weiß Kirsten Brandenburg aus ihrer langjährigen Erfahrung in der Zentralen Studienberatung der Goethe-Universität.

Zweifel im Studium sind ein sensibles Thema, über das kaum gesprochen wird. Dabei kennen nicht wenige Studierende Momente, in denen sie das, was sie gerade tun, infrage stellen. Gründe dafür, sagt Studienberaterin Brandenburg, gibt es viele. Eine überhastete Studienwahl, falsche Erwartungen an den Studiengang, zu wenig Vorkenntnisse über das Fach, nicht bestandene Prüfungen oder der Wunsch nach mehr Praxiskontakt. Manchmal ist es eine persönliche oder familiäre Krisensituation oder sind es finanzielle Sorgen, die Zweifel hervorrufen. Kann ich mich lange genug finanzieren? Was kommt nach dem Studium? Manche treiben diese Fragen schon kurz nach dem Beginn ihres Studiums um, andere schleppen sie jahrelang mit sich herum, unbeantwortet, während der Kontakt mit ihrem Studium immer loser und der Unialltag immer bedrückender wird. Die Zweifel werden gegenüber Familie und Freunden verschwiegen, weil der Studienabbruch als Scheitern und Makel empfunden wird. Weil es selbstverständlich erscheint, nach dem Abitur nahtlos ins Studium zu gleiten. Und weil der Zweifel womöglich einen Abschied nach sich zieht, den Abschied von vertrauten Zukunftsvorstellungen und Lebenszielen. Studienzweifel heißt auch, vielleicht den Kurs im Leben ändern zu müssen. Sich in dieser Situation an die Universität selbst zu wenden, ist das Letzte, was den meisten Studienzweiflern in den Sinn kommt.

„Für uns sind Studienzweifel kein Tabuthema“, insistiert Kirsten Brandenburg, die selbst seit Jahren in der Studienzweifelberatung mit jungen Menschen spricht. Es ist ihr ein Anliegen, dass in der Beratung Ängste und Sorgen offen angesprochen werden. Und dass junge Menschen erfahren, dass sie in der Beratung bei der Suche nach Lösungen und neuen Perspektiven unterstützt werden. „Es braucht nämlich Mut, sich die eigene Situation genau anzusehen. Unsere Beratungsgespräche sind deshalb so individuell wie die Studierenden selbst und bewusst ergebnisoffen.“

Es gibt Studienzweifler, die durch Gespräche mit der Zentralen Studienberatung wieder zurück zu einem engagierten Studium finden. Bei vielen aber stellt sich in der Beratung heraus, dass sie ihr Studium besser – vorübergehend – unterbrechen oder dass sich eine neue Perspektive eröffnet durch einen Wechsel an eine Fachhochschule, den Beginn eines Dualen Studiums, einer Ausbildung. Oder eben: das Erlernen eines Handwerks.

Auf dem Campus zum Handwerk

Seit 2015 förderte das Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Europäische Sozialfond die Zusammenarbeit von Hochschulen und Handwerkskammern in einem Projekt namens yourPUSH. Studienzweiflern und -abbrechern sollen so die mehr als 130 Berufe im Handwerk nahegebracht und ihnen eine Perspektive in Berufen aufgezeigt werden, über die sie vorab niemals nachgedacht hatten. Zwischen der Goethe-Universität und der Handwerkskammer Frankfurt Rhein-Main war diese Kooperation gewissermaßen der Beginn einer wunderbaren Freundschaft – was sicher an den beteiligten Personen liegt. Diese sorgten jedenfalls dafür, dass beide Partner nun, nach Auslaufen von yourPUSH im Januar 2021, eine Fortsetzung der Kooperation vereinbart haben, ganz ohne externe Förderung. Konkret bedeutet das: Die Berater beider Partner stehen weiterhin in engstem Austausch, informieren Studienzweiflerinnen und -zweifler in gemeinsamen Veranstaltungen, und die Handwerkskammer ist wie bislang drei Stunden pro Woche in Gestalt eines Beraters bzw. einer Beraterin vor Ort auf dem Campus präsent. 395 Studierende haben seit 2018 Gespräche absolviert, knapp 80 wurden in einen Handwerksberuf vermittelt. Alle Beteiligten werten dies als Erfolg.

»Auf jeden Fall etwas fürs Gehirn«

Eines der beiden Gesichter der Handwerkskammer, genauer des dortigen Berufsbildungs- und Technologiezentrums, ist Sven Hartwig. Der 36-jährige Hartwig ist selbst Ausbilder, inzwischen auch ausgebildeter Coach – und jemand, der den Projekttitel yourPUSH bei jedem Studienzweifler quasi neu erfindet. „Manche haben richtig Angst, wenn sie vor mir sitzen, sind total unglücklich“, beschreibt er ein typisches Erstgespräch. Das Selbstbewusstsein im Keller, Scham, Selbstzweifel und die Überzeugung, bisher nichts im Leben auf die Reihe gebracht zu haben – Hartwig sieht die Selbstbeschreibung der Studierenden von Berufs wegen natürlich anders. „Eine Studentin, die sechs Semester Physik hinter sich hat“, ruft er, „ist das nichts? Oder soll es für einen 23-Jährigen zu spät sein, etwas Neues anzufangen? Können Sie sich das vorstellen?“ Wer mit Sven Hartwig spricht, kann sich alles vorstellen. Vor allem, dass er es schafft, in Beratungsgesprächen irgendwann und allmählich bei seinem Gegenüber den Blick zu öffnen auf Fragen wie: Was macht mir Spaß? Kann es sein, dass ich etwas gut kann? Was kann das sein? Will ich in einem Praktikum ausprobieren, was mir liegt? Die meisten, berichtet Hartwig, kämen in die Beratung mit dem Wunsch, etwas mit ihren Händen tun zu wollen, etwas herzustellen, ein Produkt zu sehen. Gefühlt 99 Prozent mit der ebenso vagen wie fixen Idee, Tischler werden zu wollen. Dann stellt Hartwig die Frage in den Raum, ob nicht auch andere Materialien als Holz denkbar seien. Nennt Ausbildungsberufe in der Klimatechnik, im Sanitärbereich, in der Orthopädietechnik, in der Hörakustik, etwa spezialisiert auf Säuglinge, nennt Berufe in Optik oder Fotografie. „Viele Berufe sind unheimlich komplex und vielseitig. Und ständig im Wandel. Auf jeden Fall etwas fürs Gehirn.“

Das Tempo bestimmt der Studierende

Ausbildungsberuf: Buchbinder/in.

Hartwig ist jedes Mal aufs Neue erstaunt, wie dankbar die ehemals Studierenden sind, wenn er ihnen seine Visitenkarte mit der Direktdurchwahl überreicht. Keine Hotline, keine Warteschleifen: Wer mit Sven Hartwig und seiner Kollegin Deborah Bertolini Kontakt aufnehmen will, bekommt den allerkürzesten Weg genannt. Just in time. „Wenn mir jemand am Wochenende seine Bewerbungsmappe schickt, dann gucke ich die mir auch am Wochenende an. Wer will, wird begleitet.“ Irgendwann summieren sich auf dem Weg zu einer neuen Berufsperspektive nämlich ganz handfeste Dinge: Bewerbungsmappe schreiben, in Betrieben anrufen, um Praktika anfragen, einen Ausbildungsvertrag abschließen. Hartwig und seine Kollegin geben keine Ratschläge, sie sind einfach ansprechbar.

„Wir arbeiten so schnell, wie der Student läuft“, sagt Sven Hartwig und scheint auf jedes Tempo vorbereitet zu sein. Wenn eine oder einer alle Hürden im Sprint nimmt, ist er begeistert. Erstgespräch, Zweitgespräch, Coaching, Kompetenzfindungstraining, Bewerbungsmappe, Praktikum, noch ein Praktikum, und wenn nötig noch eines, Bedenkzeit, dann Ausbildungsvertrag – „man kann das in wenigen Wochen schaffen!“

Knackpunkte und Klicks

Niklas S. ist einer von denen, die diesen Parcours in Turbogeschwindigkeit genommen haben. Was er selbst vor einem Jahr noch für „krass unmöglich“ gehalten hätte. Für vollkommen undenkbar. Total ausgeschlossen. Tatsache ist aber, dass er heute mitten in einer Ausbildung zum Raumausstatter steckt. Boden, Wand, Decke, Polster. Dahinter stehen spannende Projekte, erzählt er angeregt, wie die Schnürung von Polstern alter Stühle, die Entdeckung von Farbkombinationen und vieles andere mehr. Wenn Niklas erzählt, fallen Worte wie „Knackpunkt“ und „Klick“. Doch vor dem Knackpunkt gab es so etwas wie eine bleierne Zeit. Das Gefühl, sein musikwissenschaftliches Studium nach zehn Semestern unbedingt zu Ende bringen zu müssen. Und gleichzeitig zu spüren, dass ihn etwas davon abhält, dieses Ende in Angriff zu nehmen. Er erinnert sich an eine Zeit des Haderns, Grübelns, an Magenschmerzen morgens beim Aufstehen. Und all das mit sich allein auszumachen. Der Knackpunkt kommt, als er irgendwann Freunde und Familie einweiht – und damit auf Verständnis stößt. Das war befreiend. „Informiere dich doch“ – der Hinweis der Freunde half zwar bereits weiter, aber das Herumsurfen allein auf der Suche nach möglichen Ausbildungen brachte noch keine Veränderung. Erst als Niklas in der Mail zum Semesterbeitrag auf yourPUSH stieß, kamen die Dinge in Bewegung. Saß er plötzlich Sven Hartwig gegenüber mit der fixen Idee, Schreiner werden zu wollen. Doch warum Schreiner, gab Hartwig zu bedenken, warum nicht Glaser oder … Da hat es bei Niklas „Klick“ gemacht.

Zwei Dinge haben Niklas in der Beratung beeindruckt: „Alles war null wertend. Ich hätte zehn, zwanzig oder hundert Praktika machen können. Wichtig war, dass ich das Passende für mich finde.“ Und: „Ich bin alle Schritte selbst gegangen.“ Nichts wurde empfohlen, nichts nahegelegt. Niklas fühlte sich unterstützt, doch jeden Schritt entschied er selbst. Inklusive Bedenkzeit. Heute weiß er auch, dass es nichts bringt, Zeit als verschwendet, verloren zu betrachten. An die Jahre an der Uni, an interessante Seminare, denkt er inzwischen gern zurück. „Wenn ich diesen Weg nicht gegangen wäre, stünde ich doch nicht, wo ich heute stehe!“ Heute geht es ihm richtig gut, er korrigiert sich: heute sei er megaglücklich. Jeden Morgen freue er sich auf sein Team und was am Tag anstehe. Wie es über den Tag hinaus weitergehen soll, geht Niklas vorsichtig an. Möglich, dass er sich auf Polsterei spezialisiere, möglich, dass er den Meister mache. Die Richtung stimmt jedenfalls. Druck habe er sich aber bislang selbst genug gemacht. Wichtig sei im Moment, die Richtung klar zu haben und es einfach laufen zu lassen.

Keine Wunschkandidatin – aber …

Die Richtung klar haben: Diesen Eindruck vermitteln ehemalige Studentinnen und Studenten, sagt die Frankfurter Ausbilderin Fee Dietz, die von der Handwerkskammer aus mit ihr Kontakt aufnehmen. Der Ausbildungsplatz bei Dietz ist attraktiv und anspruchsvoll. Als Maßschneiderin bekommt sie Anfragen aus ganz Deutschland, kann sie sich hoch qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber aussuchen, und hat sie die Erfahrung gemacht, dass ihre Lehrlinge nach dem Abschluss vom Fleck weg etwa in der Kostümschneiderei eine Anstellung finden. Dennoch beschäftigt Fee Dietz eine Auszubildende, die alles andere als ihre Wunschkandidatin war: Ende dreißig, ein abgeschlossenes Design-Studium in Georgien, das in Deutschland nicht anerkannt wird, ein begonnenes Studium der Kunstgeschichte an der Goethe- Universität, zwei Kinder in schulpflichtigem Alter. „Eine Gleichaltrige, bei mir nicht!“, dachte Fee Dietz. Dann stellte sie die Bewerberin ein, weil Sven Hartwig den Kontakt vermittelt hatte und sie die Bewerberin persönlich kennenlernte. Da war sie überzeugt.

Fachkräftemangel, gute Berufsaussichten, wachsende Verdienstmöglichkeiten, vielleicht sogar als Nachfolgerin in einem Betrieb einsteigen zu können, die Durchlässigkeit von Ausbildungswegen, also die Möglichkeit, das Handwerk später mit einem Studium kombinieren zu können: Natürlich waren es auch diese Argumente, die Niklas bei seiner Entscheidung fürs Handwerk im Kopf hatte. Für Frauen hält das Handwerk übrigens noch einen weiteren Aspekt bereit: Nur ein Drittel der vermittelten Studienabbrecher im your- PUSH-Projekt sind bislang weiblich, das heißt, für sie gibt es gefühlt noch sehr viel Luft nach oben. Kirsten Brandenburg und Sven Hartwig bestätigen es: In Bezug auf Geschlechterrollen ist die Welt des Handwerks noch vergleichsweise übersichtlich sortiert. Was sich aber gerade ändert. Die Digitalisierung prägt auch im Handwerk viele Berufsbilder, Rollenbilder werden – auch vonseiten mancher Betriebe – gründlich aufgemischt. Ehemalige Studierende werden Dachdeckerinnen? Sven Hartwig hat Kontakt zu einem Betrieb hergestellt, der genau dies sucht.

Zum Abschluss des Gesprächs möchte Niklas noch etwas Wichtiges loswerden: Eigentlich habe er gar nicht von sich erzählen wollen; aber anderen Berührungsängste nehmen vor einem Weg, wie er ihn gegangen sei, das wolle er schon. „Wenn nur eine, nur einer sich traut, eine ähnliche Erfahrung zu machen wie ich, dann hat sich mein Erzählen voll gelohnt.“ Damit das einmal gesagt ist.

Pia Barth

Was tun bei Studienzweifeln? Infos gibt es auf der Website des Studien-Service-Centers.

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 4/2021 (PDF) des UniReport erschienen.